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Wie Darts nach Deutschland kam : Pionier mit Pfeil und Scheibe

  • -Aktualisiert am

Treffsicher: Der 74 Jahre alte Neu-Isenburger Robert Ryan gilt in Deutschland als „Godfather of Darts“. Bild: Wolfgang Eilmes

Über den Ursprung des Dartspiels in Deutschland ist wenig bekannt. Die Spur führt ins Rhein-Main-Gebiet, zu einem ehemaligen amerikanischen Soldaten.

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          Robert Ryan steht hinter einer Holztheke. Bedächtig schenkt sich der Mann mit den weißen Haaren und dem Schnauzbart einen Schluck Wasser in sein Guinness-Glas ein. Um ihn herum stehen Dutzende Bier- und Schnapsgläser, eine Zapfanlage sowie allerlei bunter Kitsch, der sich im Laufe der Zeit in dem rustikalen Ambiente angesammelt hat. „Das Vereinsheim haben wir vor ein paar Jahren mit unseren Teamkameraden aufgebaut“, sagt der Rentner mit dem amerikanischen Akzent stolz und führt durch die Räume. Sie zeigen, warum Ryans liebstes Hobby und die Kneipenkultur eng miteinander verbunden sind.

          Das Gelände des Neu-Isenburger Dartvereins liegt direkt an der Stadtgrenze. Wer die Straße überquert, steht auf Frankfurter Boden. Ryan öffnet die Tür zu einer Halle, in der vier Scheiben aus Sisalfasern stehen. „Wir spielen hier Steel-Darts, kein Electronic-Darts“, sagt Ryan, und es fällt auf, dass ihm dieses Detail wichtig ist. Vom Spiel mit Plastikpfeilen und automatischen Scheiben hält er nicht viel. „Du musst selbst rechnen können, wie viele Punkte du noch werfen musst. Das gehört mit dazu.“

          „Briten haben das Spiel geliebt“

          Für Ryan ist Darts mehr als eine „Kneipensportart“, wie viele das Spiel mitunter höhnisch bezeichnen. „Darts ist Konzentration und Mathematik“, sagt er. Wenngleich Ryan die urige Atmosphäre im Vereinsheim offensichtlich genießt, gehört seine Leidenschaft hauptsächlich dem Spiel mit den Pfeilen, für das er sich jahrzehntelang engagiert hat.

          Im Gespräch mit seinen Mannschaftskameraden wird schnell klar, dass sie auf den Vierundsiebzigjährigen, den hier alle nur „Bob“ nennen, große Stücke halten. Robert Heyne, der Vorsitzende des Vereins, ist sich sicher, dass das Dartspiel ohne ihn in Deutschland heute unbekannter wäre: „Bob ist sozusagen der Godfather of Darts“, sagt er.

          Dabei beschäftigte sich Ryan, der erstmals 1959 als amerikanischer Soldat an die Airbase nach Frankfurt kam und in Neu-Isenburg eine neue Heimat fand, erst spät mit dem Spiel. „Von uns Amerikanern hat niemand Darts gespielt. Die Deutschen auch nicht. Aber die Briten haben es geliebt.“ Amerikanische Soldaten und einige britische Gastarbeiter, die in den siebziger Jahren ins Rhein-Main-Gebiet gekommen waren, trafen sich nach Feierabend oft in Frankfurter Kneipen.

          In weiteren Städten der Region gründeten sich Teams

          Im „Anglo-Irish Pub“ von Tony Dwyer in der Kleinen Rittergasse hingen englische Stammgäste irgendwann eine Dartscheibe auf und spielten gegeneinander. Bei der rein britischen Runde blieb es in Alt-Sachsenhausen nicht lange, erinnert sich Ryan. „Irgendwann haben meine Kumpels und ich auch begonnen, gegen die Jungs zu spielen. So fing das bei mir an.“

          Bald stellte sich Ryan regelmäßig an die Scheibe. Schnell wurden aus den spontanen Kneipenrunden feste Treffen. Fortan organisierte er mit seiner „Irish-Pub-Mannschaft“ Partien gegen Gruppen aus anderen Bars und Soldaten-Teams in der Region. Das Dartspiel wurde immer beliebter, und in Städten wie Darmstadt, Wiesbaden, Gießen und Marburg gründeten sich weitere Teams. 1976 trug Ryan schließlich in Frankfurt eine inoffizielle deutsche Dartmeisterschaft aus.

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