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Nationales Naturerbe : Feldlerche, Fingerkraut und Schneeapfel

Unterwegs im Naturerbe: Schäfer mit Gefolge im Wetzlarer Weinberg Bild: Foto Nabu

Der 180 Hektar große Weinberg vor den Toren Wetzlars ist mit seiner reichen Flora und Fauna ein nationales Naturerbe. Für die Artenvielfalt besonders wichtig sind Streuobstwiesen, die jetzt neu bepflanzt werden.

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          Da lässt sich von Artenvielfalt sprechen: Feldlerche, Neuntöter, Bussard und Falke suchen dort nach Beute. An Teichen und Tümpeln siedeln Kammmolch und Kreuzkröte. Zur vielfältigen Wiesenfauna gehören Fingerkraut, Salbei und Silberdistel. Der Weinberg vor den Toren Wetzlars zählt mit fast 180 Hektar zu den größten und bedeutendsten Naturschutzgebieten Hessens, er ist als nationales Naturerbe und als europäisches Schutzgebiet ausgewiesen.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Dieses Refugium mit seiner großen Zahl von Spezies, darunter etliche bedrohte, zu erhalten und weiter zu entwickeln, hat sich die Stiftung Hessisches Naturerbe Weinberg Wetzlar des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) vorgenommen. Mit finanzieller Unterstützung einer Handelskette hat ein umfangreiches Projekt zur Neubepflanzung von Streuobstbeständen begonnen.

          Mehr als 100 Bäume werden an verschiedenen Standorten gepflanzt. Laut dem Stiftungsvorsitzenden Hartmut Mai will man einen Beitrag zum Erhalt des Sortenreichtums der Kernobstbestände leisten. Vor allem alte regionale Apfelsorten wie Kloppenheimer Streifling, Dorheimer Streifling, Heuchelheimer Schneeapfel und Heimbacher Grüner hat man im Blick. Es entsteht eine Art Lehrgarten, der für den Schutz dieses Lebensraums sensibilisieren soll. Am Rande der Streuobstwiesen stellt die Stiftung unter anderem Informationstafeln auf, die auch Tipps für Pflanzungen und Pflege von Obstbäumen im eigenen Garten geben.

          Bienenpopulation gefährdet

          Streuobstwiesen zählen mit bis zu 5000 Tier- und Pflanzenarten zu den vielfältigsten Lebensräumen in Mitteleuropa. Nach Angaben der Stiftung sind die Bestände jedoch in den vergangenen 50 Jahren um rund zwei Drittel zurückgegangen, als Folge reger Siedlungstätigkeit und intensiver Landwirtschaft. Auch Vernachlässigung, weil vielfach das Wissen um die Hege von Obstwiesen fehle, habe zu den Verlusten beigetragen. All das gefährde nicht zuletzt die Bienenpopulation und damit die Honigproduktion, denn besonders für diese Insekten bilden Streuobstwiesen einen ihrer wichtigsten Lebensräume, wie es heißt.

          Beim Weinberg Wetzlar handelt es sich um ein weitläufiges Gelände zwischen den Stadtteilen Steindorf und Nauborn mit Hügeln, Mulden, Feuchtgebieten, Wiesen und Waldstücken. Seine Existenz wurde schon im Mittelalter erwähnt, damals diente es als Kulturlandschaft.

          Wie aus Urkunden hervorgeht, zählte der Weinberg ursprünglich zum Territorium der Reichsburg Kalsmunt, die Kaiser Friedrich I. im zwölften Jahrhundert hatte ausbauen lassen, um die Stadt Wetzlar und die Reichsvogtei besser schützen zu können. Diente der Weinberg zunächst vor allem der Schafzucht, wurde später dort auch Ackerbau betrieben. Der Versuch, auf diesem Gelände Wein anzubauen, schlug allerdings fehl und wurde nach wenigen Jahrzehnten wegen geringer Erträge wieder eingestellt, wie in Chroniken berichtet wird. Gleichwohl, im Namen hat sich diese kurze Episode dennoch erhalten.

          Natur statt Soldaten

          Im 17. Jahrhundert siedelten die Grafen von Solms-Braunfels auf dem Weinberg ein Hofgut an, auf dem bis ins 19. Jahrhundert Landwirtschaft betrieben wurde. Später wurde daraus ein Ausflugslokal. 1921 wechselte das Anwesen in den Besitz der Stadt Wetzlar, die es 1937 dem Militär überlassen musste. Vor, während und nach dem Weltkrieg diente das Gelände als Truppenübungsplatz, von Ende der fünfziger Jahre bis zur Auflösung der Wetzlarer Garnison der Bundeswehr. Von dem zuletzt von den Einheiten der Armee nur noch selten genutzten Areal nahm mehr und mehr die Natur Besitz. Naturschützer setzten sich dafür ein, es unter Schutz stellen zu lassen, was schließlich vor knapp einem Jahrzehnt mit der Deklarierung zum nationalen Kulturerbe geschah.

          Seither kümmern sich Fachleute und freiwillige Helfer des Nabu-Landesverbands um die Pflege der unterschiedlichen Parzellen. Hinzu kommen Kartierungen von Pflanzenwuchs und Lebensräumen gefährdeter Tierarten. Für die pädagogische Arbeit sind sogenannte Gebietsbetreuer zuständig, die nicht nur für Schulen naturkundliche Exkursionen veranstalten.

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