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Westerwald : Der Wolf aus Mittelhessen lebt

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Isegrim auf Reisen: In Rheinland-Pfalz wurde der Wolf wiederentdeckt. Bild: dpa

Das humpelnde Tier streunt nun durch den Westerwald. Naturschützer fordern einen Plan für den Umgang mit Wölfen in Hessen.

          Der Wolf, der Anfang vorigen Jahres südlich von Gießen von einem Auto angefahren worden ist, streunt offenbar durch den Westerwald. Ende Februar wurde das Tier in der Nähe der Gemeinde Steimel im Landkreis Neuwied, knapp 30 Kilometer von der hessischen Landesgrenze entfernt, mehrfach fotografiert und gefilmt. Markus Bathen, der Wolfsexperte des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) äußerte, es seien auf dem Foto die typischen Fellzeichnungen zu erkennen, dazu gehört die weiße Färbung um die Schnauze. Dass das Tier eine große Distanz zu halte, sei ebenfalls ein Zeichen dafür, dass es sich um einen Wolf handelt. Nach der Analyse eines Videos, in dem zu sehen ist, dass das Tier auf der rechten Hinterhand lahmt, halten es die Experten der Naturschutzorganisation für wahrscheinlich, dass es sich um den Wolf aus Mittelhessen handelt. Bathen sagte, es sei noch unklar, ob sich das Tier im Westerwald niederlasse, weiter wandere oder nach Hessen zurückkehre. Ein Wolf könne täglich bis zu 75 Kilometer weit laufen.

          Wölfe leben seit zwölf Jahren wieder in Deutschland. Derzeit gibt es in den neuen Bundesländern 14 Rudel. Geschlechtsreife junge Wölfe verlassen die Rudel, um auch weit entfernte neue Gebiete zu besiedeln. Vor drei Jahren legte nach Angaben des Nabu ein Wolf aus der Lausitz mehr als 1500 Kilometer bis Weißrussland zurück. Die letzten Wölfe in Hessen wurden im Januar 1841 in Südhessen und im Taunus geschossen. Das Fell des am Dreikönigstag im Lorscher Wald erlegten Wolfs, das sich im Besitz des Landesmuseums Darmstadt befindet, war bis Anfang März zusammen mit einer Totenmaske des Tieres und einem Gedenkstein in einer Ausstellung im Museum des Jagdschlosses Kranichstein bei Darmstadt zu sehen.

          „Fehl am Platz“

          Der letzte damals getötete Wolf wurde am 23. Januar 1841 im Brandoberndorfer Wald bei Nesselborn im Kreis Usingen von einem Gemeinderechner zur Strecke gebracht. Das Tier wurde präpariert und ist inzwischen Teil der naturhistorischen Sammlung des Wiesbadener Landesmuseums. Schon 1798 waren am Maunzenweiher im Frankfurter Stadtwald und an der Wolfsscheide bei Dietzenbach die letzten Wölfe in der Main-Region erlegt worden. Im Odenwald wurden die letzten Abschüsse von Wölfen 1840 im Viernheimer Wald bei Mannheim und 1865 bei Eberbach am Neckar registriert. Über die „abenteuerliche Geschichte des letzten Wolfs im Odenwald“ und die letzten Wölfe in Deutschland hat der Autor Dieter Röckel 1999 ein Buch geschrieben.

          Nach Angaben von Mark Harthun, dem Naturschutzreferenten des Nabu Hessen, tauchte erst Anfang 1994 erstmals im nordhessischen Waldeck-Frankenberg wieder ein Wolf in Hessen auf. Daraufhin habe der damalige Landrat Horst Bökemeier (SPD) das Tier zum Abschuss freigegeben. Es sei unter waldbiologischen Gesichtspunkten „fehl am Platz“, lautete damals die Begründung des Landrats. Die Anweisung Bökemeiers sei jedoch vom Umweltministerium in Wiesbaden schnell wieder aufgehoben worden, so Harthun.

          In Zukunft wohl mehr Wölfe in Hessen

          Im März 2006 wurde dann ein weiteres Tier im Reinhardswald westlich von Reinhardshagen gesichtet. Im Mai 2008 gelang ein gutes Foto, das die Existenz des Tieres belegte. Der aus der ostdeutschen Lausitz eingewanderte Wolfsrüde wurde im April vorigen Jahres von Waldarbeitern des Forstamts Reinhardshagen verendet aufgefunden. Eine Obduktion ergab, dass er eines natürlichen Todes gestorben war. Im Reinhardswald hatte der Wolf etliche Schafe und Ziegen getötet.

          Der im Januar vorigen Jahres bei Gießen angefahrene Wolf kam nicht, wie zunächst angenommen, aus der sächsischen Lausitz, sondern er stammte, wie Genanalysen ergaben, aus der südeuropäischen Alpenpopulation. Über den Verbleib des Tieres fehlte nach Angaben von Harthun seither jedoch jede Spur. Zwar seien in den vergangenen Monaten mehrere Hinweise eines humpelnden Wolfs am Rande des Westerwalds eingegangen, diese hätten aber zunächst nicht zweifelsfrei bestätigt werden können.

          Aufgrund der steigenden Populationen in Sachsen und Brandenburg rechnen die Naturschützer künftig mit weiteren zuwandernden Jungwölfen in Hessen. Harthun hat daher die Forderung bekräftigt, in Hessen einen Wolfs-Managementplan nach dem Vorbild von Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern zu erarbeiten, um unklare oder gar kritische Situationen wie Anfang voriges Jahr im Kreis Gießen zu vermeiden.

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