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Westernclub in Mainz : Hinter Gonsenheim beginnt der Wilde Westen

Hält die Stellung: Jesse, wie Dieter Hartmann als Cowboy heißt, ist als einziger von elf Gründern des Westernclubs übrig geblieben. Bild: Michael Kretzer

An einem Waldrand in Mainz steht versteckt der Westernclub „Old Trappers“. Nur einmal in der Woche öffnet er seine Tore - dann betritt der Gast eine andere Welt. Eine Welt, die nicht nur Fernsehteams zu schätzen wissen.

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          Die Gebäude am Rande des Mainzer Lennebergwalds sind nur geduldet. Die verwaiste Hufschmiede, die von einer weißen Jesus-Statue bewachte Kapelle, das verlassene Sheriff-Büro, der Waffenladen, der Holzwasserturm. Und auch der gelbrot schimmernde Saloon mit dem Namen „Lone Star“. Nichts mehr ist im Werden. Alles steht still. Alles altert.

          Samstags aber, wenn sich der Tag dem Abend neigt, wird das Fleckchen für ein paar selige Stunden Wild-West-Idylle wachgeküsst. Dann knarzt aus alten Lautsprechern Country-Musik, nasaler Singsang aus dem fernen Nashville. Dann ertönt John Denver und singt „I hate to wake you up to say goodbye / But the dawn is breakin’“. Dann erwacht Johnny Cash musikalisch wieder zum Leben. Und Jesse, der Cowboy mit dem schütteren grauroten Vollbart, ist auch da. Auf der Veranda des Saloons pafft er Zigarette um Zigarette, schaut etwas müde drein und wird immer wieder von Gästen schreiend gegrüßt. „Geht’s dir gut?“ – „Jau! Und dir?“ – „Siehst gut aus.“ – „Alter Lügner.“

          Gebäude ohne Baugenehmigung

          Jesse, das ist nur sein Westernname. Eigentlich heißt er Dieter Hartmann. Aber das interessiert hier niemanden. Vor fünfzig Jahren gründete Hartmann den Westernclub „Old Trappers“ mit elf Gleichgesinnten. Übrig blieb nur er, der Mann mit dem von Klapperschlangenhaut verzierten Hut.

          Westernstyle: Cowboystiefel hängen hinter der Theke.

          Eine Gemeinschaft waren sie schon vor 1967, damals aber noch auf der anderen Rheinseite. Auf der Eisernen Hand, einem Gebirgskamm zwischen Taunusstein und Wiesbaden. Dann konnte die Gruppe im Mainzer Stadtteil Finthen ein Gelände kaufen, auch dank der Unterstützung des bis heute legendären sozialdemokratischen Oberbürgermeisters Jockel Fuchs. Mit eigenen Händen schufen sie sich ihre eigene kleine Welt, aus ganz Deutschland kamen Mitglieder anderer Westernclubs.

          Erkennungszeichen an der Hauswand

          Der Verein veranstaltete Shows mit Messerwurf und Peitschenschlägen, manches Mal gesponsert von Marlboro. Vom Saloon abgesehen, der offiziell Vereinsheim ist, sind die drumherum stehenden Gebäude, in denen Jesse und seine Frau wohnen, damals allerdings ohne Baugenehmigung errichtet worden, wie die Stadt wissen lässt. Trotzdem werden sie seit den siebziger Jahren geduldet.

          Als Western-Fan war Jesse doch sicherlich schon einmal in den Vereinigten Staaten? „Ich doch nicht“, sagt er und schaut verständnislos, beinahe empört, als wäre die Annahme absurd. Western, das hieß für ihn immer: ein Mann, ein Wort. Das hieß für ihn immer: Zusammenhalt. „Da kam’s auf Rasse nicht an.“ Geblieben sei davon nichts, Amerika habe all seine Möglichkeiten in den Sand gesetzt. „Da steh’n die Schlangen vor der Suppenküche, weil se sonst verhungern. Das ist doch nicht normal.“ Und da hat Jesse über die Ausbeutung der Chinesen und Latinos beim Verlegen der Eisenbahngleise, die Ausrottung der Eingeborenen, die Übergriffe weißer Polizisten auf Schwarze noch gar nicht geredet. „Und wenn ich mir jetzt den Kasper angucke, den se da gewählt haben – furchtbar, furchtbar. In so ein Land möchte ich nicht.“

          Steaks werden nie langweilig

          Jesse legt zwei Kupferplättchen aus dem 19. Jahrhundert auf den Tisch. Darauf sind Totenköpfe. Auf der Rückseite steht die Abkürzung KKK. Ku-Klux-Klan. Mitbringsel eines Freundes. Die Plättchen zimmerten sich die Mitglieder des rassistischen Geheimbundes an die Hauswand, als Erkennungszeichen. Wie sich das denn mit dem vereinbaren lasse, was er eben gesagt habe? „Das gehört einfach dazu.“ Punkt.

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