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Werner Reinke : Frei am Mikro

Auf Sendung immer auf Draht: „Wenn hier etwas schiefgeht, stirbt kein Mensch, es ist nur still im Äther – so bloody what?“, ruft Werner Reinke, und wieder ertönt das Werner-im-Glück-Lachen. Bild: Fricke, Helmut

Werner Reinke ist die wohl bekannteste Stimme des Hessischen Rundfunks. In seinen Sendungen spielt er die Musik, die ihm gefällt, und manchmal liest er eine Stunde lang aus einem Buch vor.

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          Ein Lehrbuch für Radiomoderatoren sollte auch ein Kapitel über die Kunst des Lachens enthalten, und dafür gäbe es keinen besseren Autor als Werner Reinke. Der Mann, dessen Stimme vielen Hörern des Hessischen Rundfunks seit Jahrzehnten vertraut ist, beherrscht alle Arten von wohlklingenden Heiterkeits-Ausbrüchen. Das triumphierende Fanfarenlachen, wenn er den Regler am Mischpult aufzieht und den nächsten Titel ansagt, nein anschmettert: „Haha - The Beatles!“ Das glucksende Lachen, das seine Anekdoten von berühmten Studiogästen orchestriert, von Meat Loaf, dem „völlig verrückten Hund“, oder Paul Anka, der ihm in einer Sendung verriet, wie er „My Way“ für Frank Sinatra schrieb.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und dann gibt es noch das Werner-im-Glück-Lachen, gerne unterbrochen vom Ausruf „Wahnsinn!“, mit dem Reinke die Erinnerungen an Höhepunkte in seinem, wie er sagt, „lustigen Leben“ garniert. Zum Beispiel an den Tag, an dem er zum ersten Mal bei Radio Bremen in einer Live-Sendung neben seinem Moderatoren-Idol Günther Bollhagen sitzen durfte. „Ich hatte die ganze Stunde Gänsehaut.“

          Der Mann am Plattenspieler

          Ein „Wahnsinn“ war für den jungen Reinke auch die „Schlagerbörse“, die Hanns Verres im Hessischen Rundfunk moderierte. Einmal, Anfang der siebziger Jahre, fuhr Verres mit einem Kollegen im Auto nach Hamburg. Reinke war gerade mit der „Hansawelle Freitagfrüh“ auf Sendung. „In dem Moment hören die Radio - man glaubt es nicht!“, erzählt Reinke so freudig-verblüfft, als wäre es vor einer halben Stunde passiert. Verres wollte den Mann mit der eindrucksvollen Baritonstimme kennenlernen, 1971 holte er ihn nach Frankfurt, wurde dort nach Bollhagen sein zweiter Mentor.

          Wenn Reinke so redet und lacht, ist es, als hätte jemand die Zeit mal eben um dreieinhalb Jahrzehnte zurückgedreht. Helmut Schmidt ist immer noch Bundeskanzler, Dieter Thomas Heck führt einmal im Monat durch die „ZDF-Hitparade“, und Werner Reinke, der sich ein bisschen anhört wie der große „DTH“, ist der Mann am Plattenspieler der „Mittags-Discotheke“. Das Intro zur Sendung, noch heute vielen im Ohr, hat Reinkes Sohn Andreas im Alter von vier Jahren ins Mikro geplappert.

          Frei arbeiten liegt ihm in den Genen

          Die „Mittags-Discotheke“ gibt es längst nicht mehr im Hessischen Rundfunk, wohl aber Werner Reinke, was schon ein kleines Wunder ist. Mitarbeiter, die das 65.Lebensjahr überschritten haben, werden üblicherweise in den Ruhestand geschickt, ob sie wollen oder nicht. Reinke aber ist „programmprägend“, wie es im Deutsch der Öffentlich-Rechtlichen heißt, und deshalb darf er weitermachen. Einen Vertrag hat er nicht, er ist „freier Freier“ und kommt zu seinen Aufträgen „wie ein Handwerksmeister“ - von Arbeitstag zu Arbeitstag. Inzwischen ist er nicht mehr im dritten Radioprogramm zu hören, sondern auf HR1, mit „Reinke am Samstag“ und der „Lounge“ am Donnerstagabend.

          Frei zu arbeiten, sein eigener Herr zu sein, das liegt ihm in den Genen. Reinkes Vater war Tischlermeister, ein schroffer Mann, der Lehrer und andere Akademiker nicht ausstehen konnte. Von den Nazis hat er wohl auch nicht viel gehalten, vielleicht war das Gedröhn aus dem Volksempfänger schuld daran, dass er nach dem Krieg lange Zeit kein Radio im Haus haben wollte. Dass Rundfunk etwas Faszinierendes sein könnte, ahnte sein achtjähriger Sohn Werner, als an einem heißen Julinachmittag 1954 die Live-Übertragung des Fußballwunders von Bern aus allen Fenstern von Delmenhorst schallte.

          Discjockey in einem Delmenhorster Tanzschuppen

          Die Voraussetzungen für eine Mikrofonkarriere des jungen Mannes waren allerdings zunächst denkbar schlecht. Obwohl hell im Kopf, machte er seinen Lehrern im Gymnasium keine Freude. „Ich war schwierig, aufsässig“, erinnert sich Reinke, und die Verachtung des Vaters für alle Gebildeten bestärkte ihn noch in seiner Renitenz. Mit vierzehn trieb er es dann zu weit: Von Mitschülern ließ er sich anstiften, einem besonders verhassten Lehrer telefonisch mit einer Bombe zu drohen. Ohne Abschluss flog er von der Schule und begann in Bremen eine Lehre als Holzimportkaufmann.

          Ein paar Jahre später fingen ihn das Radio und die Musik dann doch noch ein. Während seiner Bundeswehrzeit jobbte Reinke als Discjockey in einem großen Delmenhorster Tanzschuppen. Damals, in den Sechzigern, war ein Held, wer die neuesten Platten aus England als Erster besorgen konnte. Reinkes Arbeitgeber hatte einen Kontaktmann, der schnell an Singles wie Manfred Manns „Mighty Quinn“ herankam. Schließlich wagte es Reinke, Günther Bollhagen bei Radio Bremen anzurufen und ihm seine Dienste als Hit-Beschaffer anzubieten. Es folgten der Besuch bei Bollhagen, die Entdeckung von Reinkes Radiostimme und eine Grippewelle im Sender, die den Nachwuchsmoderator von einem Tag auf den anderen als Aushilfe ins Nachrichtenstudio beförderte.

          Er bekam wieder feste Sendezeiten

          Dass Reinke mehr kann als Meldungen verlesen, merkte man bei Radio Bremen schnell. Und auch nach dem Wechsel zum HR konnte er seine Qualitäten als Unterhalter und Gestalter auf prominenten Sendeplätzen beweisen. Ganze 777 Mal moderierte er die „Hitparade International“, die ihm sein Chef Verres 1973 anvertraut hatte. 1989 verspürte Reinke einen „geistigen Burnout“, wie er es nennt. Auch störte ihn die Art, wie der Hessische Rundfunk auf die wachsende Konkurrenz durch private Sender reagierte. Der Profi Reinke beobachtete eine „Amateurisierung“ des Radiomachens, die ihm nicht gefiel. So nahm er fürs Erste seinen Abschied vom HR. Eigentlich habe er nur zwei, drei Jahre etwas anderes machen wollen, doch als freier Moderator, DJ und Stadion-Ansager sei er so gut im Geschäft gewesen, dass er nicht mehr an eine Rückkehr zum Radio gedacht habe.

          Im Jahr 2002 feierte die Welle HR3 ihr dreißigjähriges Bestehen, und Reinke wurde gefragt, ob er noch einmal ans Mikro wolle - für einen Kurzauftritt. Das aber hätte gegen die goldene Regel verstoßen, die er sich für sein berufliches Tun gegeben hat: „Es müssen drei Parteien etwas davon haben: der HR, die Hörer und ich.“ Da sich vor den Lautsprechern viele über die Rückkehr der Stimme aus den Siebzigern freuten, bekam Reinke wieder feste Sendezeit. Und die Freiheit, aufzulegen, was er will, so lange es einigermaßen ins Wellenprofil passt.

          Stoff ist überall

          Diese Grenze respektiert er auch bei HR1. „Mir würde nicht einfallen, Edvard Grieg zu spielen.“ Sonst aber kann sich Reinke Dinge erlauben, für die andere Kollegen wahrscheinlich gefeuert würden. Zum Beispiel mehr als eine Stunde lang nonstop aus einem Buch vorlesen, wie er es an Weihnachten 2011 getan hat, als er Frederick Forsyths Piloten-Novelle „Der Lotse“ rezitierte. Oder drei Stunden lang das letzte „Eagles“-Album zu spielen. Auch das gefiel dem Publikum anscheinend, wie sich Reinke erinnert. „Es gab nicht einen einzigen Protestanruf.“

          Häufig kommen ihm die Ideen für seine Sendungen beim Blick in die Pop- und Rock-Annalen; der Geburts- oder Todestag eines Stars kann ebenso Stoff liefern wie der Stand der Hit-Charts an einem Tag vor 50 Jahren. Oft schaut auch Lidia Antonini bei ihm vorbei, bringt die CD eines begabten jungen Künstlers mit oder gleich den Künstler selbst. Antonini ist als Musikredakteurin seit vielen Jahren Reinkes berufliche Partnerin. Als sie ihn an einem Donnerstag kurz vor Beginn der „Lounge“ im HR-Bistro trifft, warnt sie ihn vor falsch gekennzeichneten Aufnahmen, die gerade für Verwirrung gesorgt haben: „Bevor du einen Titel aus dem Archiv holst, hör rein!“

          Es gibt nur einen Werner Reinke

          Reinke lacht entspannt und macht sich auf den Weg ins Studio. Dort sitzt diesmal eine Technikerin hinter der Scheibe, aber wenn es sein muss, fährt der Altmeister seine Sendungen auch alleine. Das Pult, an dem er Platz nimmt, umgeben Bildschirme von fünf Computern: Er kann damit Musiktitel und Jingles auswählen, externe Quellen wie Telefon oder Fernsehen in die Sendung einspeisen und seine eigene Korrespondenz erledigen. Furcht vor Technik ist Reinke fremd, er hat einen Pilotenschein, fliegt regelmäßig kleinere Maschinen und besitzt sogar eine Kunstfluglizenz. Die hat er nicht erworben, um Artist der Lüfte zu werden, sondern um „die Sicherheitsgrenzen auszutesten“, wie er sagt. Im Radio gibt es anders als am Himmel keine echten Gefahren; dieses Wissen sorgt bei Reinke für Gelassenheit. „Wenn hier etwas schiefgeht, stirbt kein Mensch, es ist nur still im Äther - so bloody what?“, ruft er, und wieder ertönt das Werner-im-Glück-Lachen.

          Es läuft „Where the Streets have no name“ von U2, Reinke schreibt schnell eine E-Mail, bevor er wieder den Kopfhörer aufsetzt und das nächste Stück ansagt. Etwas später geht die Studiotür auf, HR1-Kollegin Marion Kuchenny schaut herein. Reinke begrüßt sie herzlich, kichert und sagt, so sei das beim Rundfunk, wo bekanntlich ein gnadenloser Konkurrenzkampf unter den Moderatoren herrsche. Es gibt an diesem Abend keinen doppelten Werner Reinke, er bleibt der Gleiche, egal ob das Rotlicht an ist oder nicht. Zwischen Arbeit und Privatleben jedoch, da zieht er eine Grenze. „Wenn ich nach Hause komme, gebe ich mein Rundfunkmäntelchen an der Tür ab.“

          44 Dienstjahre

          Donnerstags dauert es vier Stunden, bis er sich in den Feierabend verabschieden kann; die „Lounge“ schließt erst um Mitternacht. Während die Songs von Clapton, Bowie und den Beatles laufen, bleibt Zeit zum Nachdenken, zum Beispiel über Gäste für künftige Sendungen. Auch wenn er schon etliche Pop-Heroen persönlich kennengelernt hat, ein paar Traumpartner fallen ihm doch noch ein. Paul McCartney, aber daraus wird vermutlich nichts. Dann vielleicht Bob Seger. Es gibt auch einen deutschen Songwriter, den Reinke sehr bewundert. „Bevor ich aufhöre zu senden, möchte ich einen Abend mit Reinhard Mey verbringen.“

          Mit seiner Zusage muss sich der Liedermacher wohl nicht beeilen. Der HR und seine Hörer schätzen Werner Reinke, und er selbst mag nach 44 Dienstjahren immer noch, was er tut. „Solange es den drei Parteien Spaß macht, mache ich weiter.“

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