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Werner Reinke : Frei am Mikro

Häufig kommen ihm die Ideen für seine Sendungen beim Blick in die Pop- und Rock-Annalen; der Geburts- oder Todestag eines Stars kann ebenso Stoff liefern wie der Stand der Hit-Charts an einem Tag vor 50 Jahren. Oft schaut auch Lidia Antonini bei ihm vorbei, bringt die CD eines begabten jungen Künstlers mit oder gleich den Künstler selbst. Antonini ist als Musikredakteurin seit vielen Jahren Reinkes berufliche Partnerin. Als sie ihn an einem Donnerstag kurz vor Beginn der „Lounge“ im HR-Bistro trifft, warnt sie ihn vor falsch gekennzeichneten Aufnahmen, die gerade für Verwirrung gesorgt haben: „Bevor du einen Titel aus dem Archiv holst, hör rein!“

Es gibt nur einen Werner Reinke

Reinke lacht entspannt und macht sich auf den Weg ins Studio. Dort sitzt diesmal eine Technikerin hinter der Scheibe, aber wenn es sein muss, fährt der Altmeister seine Sendungen auch alleine. Das Pult, an dem er Platz nimmt, umgeben Bildschirme von fünf Computern: Er kann damit Musiktitel und Jingles auswählen, externe Quellen wie Telefon oder Fernsehen in die Sendung einspeisen und seine eigene Korrespondenz erledigen. Furcht vor Technik ist Reinke fremd, er hat einen Pilotenschein, fliegt regelmäßig kleinere Maschinen und besitzt sogar eine Kunstfluglizenz. Die hat er nicht erworben, um Artist der Lüfte zu werden, sondern um „die Sicherheitsgrenzen auszutesten“, wie er sagt. Im Radio gibt es anders als am Himmel keine echten Gefahren; dieses Wissen sorgt bei Reinke für Gelassenheit. „Wenn hier etwas schiefgeht, stirbt kein Mensch, es ist nur still im Äther - so bloody what?“, ruft er, und wieder ertönt das Werner-im-Glück-Lachen.

Es läuft „Where the Streets have no name“ von U2, Reinke schreibt schnell eine E-Mail, bevor er wieder den Kopfhörer aufsetzt und das nächste Stück ansagt. Etwas später geht die Studiotür auf, HR1-Kollegin Marion Kuchenny schaut herein. Reinke begrüßt sie herzlich, kichert und sagt, so sei das beim Rundfunk, wo bekanntlich ein gnadenloser Konkurrenzkampf unter den Moderatoren herrsche. Es gibt an diesem Abend keinen doppelten Werner Reinke, er bleibt der Gleiche, egal ob das Rotlicht an ist oder nicht. Zwischen Arbeit und Privatleben jedoch, da zieht er eine Grenze. „Wenn ich nach Hause komme, gebe ich mein Rundfunkmäntelchen an der Tür ab.“

44 Dienstjahre

Donnerstags dauert es vier Stunden, bis er sich in den Feierabend verabschieden kann; die „Lounge“ schließt erst um Mitternacht. Während die Songs von Clapton, Bowie und den Beatles laufen, bleibt Zeit zum Nachdenken, zum Beispiel über Gäste für künftige Sendungen. Auch wenn er schon etliche Pop-Heroen persönlich kennengelernt hat, ein paar Traumpartner fallen ihm doch noch ein. Paul McCartney, aber daraus wird vermutlich nichts. Dann vielleicht Bob Seger. Es gibt auch einen deutschen Songwriter, den Reinke sehr bewundert. „Bevor ich aufhöre zu senden, möchte ich einen Abend mit Reinhard Mey verbringen.“

Mit seiner Zusage muss sich der Liedermacher wohl nicht beeilen. Der HR und seine Hörer schätzen Werner Reinke, und er selbst mag nach 44 Dienstjahren immer noch, was er tut. „Solange es den drei Parteien Spaß macht, mache ich weiter.“

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