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Werner Reinke : Frei am Mikro

Discjockey in einem Delmenhorster Tanzschuppen

Die Voraussetzungen für eine Mikrofonkarriere des jungen Mannes waren allerdings zunächst denkbar schlecht. Obwohl hell im Kopf, machte er seinen Lehrern im Gymnasium keine Freude. „Ich war schwierig, aufsässig“, erinnert sich Reinke, und die Verachtung des Vaters für alle Gebildeten bestärkte ihn noch in seiner Renitenz. Mit vierzehn trieb er es dann zu weit: Von Mitschülern ließ er sich anstiften, einem besonders verhassten Lehrer telefonisch mit einer Bombe zu drohen. Ohne Abschluss flog er von der Schule und begann in Bremen eine Lehre als Holzimportkaufmann.

Ein paar Jahre später fingen ihn das Radio und die Musik dann doch noch ein. Während seiner Bundeswehrzeit jobbte Reinke als Discjockey in einem großen Delmenhorster Tanzschuppen. Damals, in den Sechzigern, war ein Held, wer die neuesten Platten aus England als Erster besorgen konnte. Reinkes Arbeitgeber hatte einen Kontaktmann, der schnell an Singles wie Manfred Manns „Mighty Quinn“ herankam. Schließlich wagte es Reinke, Günther Bollhagen bei Radio Bremen anzurufen und ihm seine Dienste als Hit-Beschaffer anzubieten. Es folgten der Besuch bei Bollhagen, die Entdeckung von Reinkes Radiostimme und eine Grippewelle im Sender, die den Nachwuchsmoderator von einem Tag auf den anderen als Aushilfe ins Nachrichtenstudio beförderte.

Er bekam wieder feste Sendezeiten

Dass Reinke mehr kann als Meldungen verlesen, merkte man bei Radio Bremen schnell. Und auch nach dem Wechsel zum HR konnte er seine Qualitäten als Unterhalter und Gestalter auf prominenten Sendeplätzen beweisen. Ganze 777 Mal moderierte er die „Hitparade International“, die ihm sein Chef Verres 1973 anvertraut hatte. 1989 verspürte Reinke einen „geistigen Burnout“, wie er es nennt. Auch störte ihn die Art, wie der Hessische Rundfunk auf die wachsende Konkurrenz durch private Sender reagierte. Der Profi Reinke beobachtete eine „Amateurisierung“ des Radiomachens, die ihm nicht gefiel. So nahm er fürs Erste seinen Abschied vom HR. Eigentlich habe er nur zwei, drei Jahre etwas anderes machen wollen, doch als freier Moderator, DJ und Stadion-Ansager sei er so gut im Geschäft gewesen, dass er nicht mehr an eine Rückkehr zum Radio gedacht habe.

Im Jahr 2002 feierte die Welle HR3 ihr dreißigjähriges Bestehen, und Reinke wurde gefragt, ob er noch einmal ans Mikro wolle - für einen Kurzauftritt. Das aber hätte gegen die goldene Regel verstoßen, die er sich für sein berufliches Tun gegeben hat: „Es müssen drei Parteien etwas davon haben: der HR, die Hörer und ich.“ Da sich vor den Lautsprechern viele über die Rückkehr der Stimme aus den Siebzigern freuten, bekam Reinke wieder feste Sendezeit. Und die Freiheit, aufzulegen, was er will, so lange es einigermaßen ins Wellenprofil passt.

Stoff ist überall

Diese Grenze respektiert er auch bei HR1. „Mir würde nicht einfallen, Edvard Grieg zu spielen.“ Sonst aber kann sich Reinke Dinge erlauben, für die andere Kollegen wahrscheinlich gefeuert würden. Zum Beispiel mehr als eine Stunde lang nonstop aus einem Buch vorlesen, wie er es an Weihnachten 2011 getan hat, als er Frederick Forsyths Piloten-Novelle „Der Lotse“ rezitierte. Oder drei Stunden lang das letzte „Eagles“-Album zu spielen. Auch das gefiel dem Publikum anscheinend, wie sich Reinke erinnert. „Es gab nicht einen einzigen Protestanruf.“

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