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„Gedankenlinien“ von Shiota : Den Faden aufgenommen

Ein Klavier. Ein Klavier? Chiharu Shiotas Installation „Beyond Time“ in Bad Homburg Bild: Photograph © Jonty Wilde

Das Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg zeigt Werke der Künstlerin Chiharu Shiota. Darunter sind auch ihre Markenzeichen, raumfüllende Geflechte aus roten Wollfäden und Booten. Sie rücken das innere Erleben Shiotas ins Zentrum ihrer Arbeit.

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          Vor einem Vierteljahrhundert, bei einem Aufenthalt in Australien, verabschiedete sich die japanische Künstlerin Chiharu Shiota von der Malerei. Zwar hatte sie ihr Studium in dieser Kunstgattung begonnen, „doch zu einem gewissen Zeitpunkt während meines Studiums an der Kunstakademie fühlte ich mich, als ob Malerei lediglich Farbe auf einer Leinwand sei, ohne Bedeutung für mich“, resümierte sie später diesen Bruch, dem ein durchaus radikaler Perspektivwechsel folgen sollte. Shiota rückte ihr inneres Erleben ins Zentrum ihrer Arbeit. In Performances wie „Becoming Painting“, für die sie sich selbst mit roter Emaillefarbe bemalte, erklärte sie ihren Körper zu Bildgegenstand, Bildmotiv und Bildträger zugleich.

          Christian Riethmüller
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch nicht nur mit in Videos dokumentierten Performances machte die seit vielen Jahren in Berlin lebende, heute 46 Jahre alte Künstlerin von sich reden. Dem Rat ihrer Lehrerin Marina Abramović folgend, experimentierte sie mit verschiedensten Ausdrucksformen und nahm schließlich im wahrsten Sinne des Wortes den Faden auf. Für den japanischen Pavillon auf der Biennale von Venedig schuf sie 2015 eine raumfüllende Installation aus roten Wollfäden, die mit alten Booten verwoben waren. „The Key In The Hand“ hieß diese Arbeit, mit der Shiota weltbekannt wurde.

          Ein unsichtbares Netzwerk

          Seitdem sind die raumfüllenden Geflechte aus roten Wollfäden und Booten nicht nur ihr Markenzeichen, sondern die Künstlerin ist auch vielgefragt, nicht zuletzt auf dem asiatischen Kunstmarkt. Es ist daher durchaus eine kleine Sensation, wenn das Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg nun das breite Spektrum von Shiotas Schaffen in einer umfassenden Einzelausstellung präsentieren kann. Im Mittelpunkt der Schau mit dem Titel „Gedankenlinien“ steht dabei die neue, einen ganzen Raum einnehmende Installation „Drifting“, die ebenso wie Shiotas Biennale-Werk ein Geflecht aus roten Wollfäden mit Booten verbindet, die in Bad Homburg allerdings keine alten Nachen mehr sind, sondern nurmehr ein Gestell aus schwarzen Metallstäben, die in an Zeichnungen erinnernden Linien ein Boot in stark reduzierter Form andeuten.

          Das Gewebe der Fäden, das an einen Organismus denken lässt, hat die Boote hier fast schon absorbiert und ist eine Beziehung eingegangen, wie die Fäden für die Künstlerin überhaupt „unterschiedliche Beziehungsstadien verkörpern“, indem sie verknotet, verwickelt und gekappt werden. Shiota nimmt dabei auch Bezug auf eine japanische Legende, die davon erzählt, dass einem Kind bei seiner Geburt ein roter Faden um den kleinen Finger geknotet und der Faden mit anderen Kindern verbunden wird. Irgendwann sollen sie vom Schicksal geführt aufeinander treffen und Einfluss auf das Leben der anderen haben. Es ist also auch ein unsichtbares Netzwerk, auf das Shiota anspielt.

          Ihre Arbeiten beschränken sich dabei nicht allein auf Installationen. Im Sinclair-Haus sind auch Lithographien, Zeichnungen, Videos und Skulpturen ausgestellt, in denen die Künstlerin Themen wie das Erinnern und das Vergessen verhandelt. Besonderen Eindruck hinterlässt deshalb die ebenfalls raumfüllende Installation „Beyond Time“, die eine an ein Klavier gemahnende Metallkonstruktion zeigt, verwoben mit weißen Wollfäden und bedruckten Notenblättern. Shiota greift mit der Installation Kindheitserinnerungen an einen Brand im Nachbarhaus auf, bei dem auch ein Klavier Raub der Flammen wurde. Gleichzeitig symbolisiert sie mit dieser poetischen Arbeit die reine, die absolute Stille, die man zu spüren meint.

          „Gedankenlinien“

          Die Ausstellung im Museum Sinclair-Haus Bad Homburg, Löwengasse 15, ist bis zum 16. Juni zu sehen und dienstags von 14 bis 20 Uhr, mittwochs bis freitags von 14 bis 19 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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