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F.A.Z.-Leser helfen : Wenn es dunkel wird, beginnt der Krieg

Einsatz für Straßenkinder: Lehrer Andriy Karpeko und die Aktivistin Olena Rozvadovska Bild: Helmut Fricke

Olena Rozvadovska setzt sich in der Ukraine für die Kinder des Krieges ein und hat dafür ihr sicheres Leben zurückgelassen. Ein Entschluss, für den sie sich rechtfertigen muss.

          5 Min.

          „Wenn es dunkel wird, beginnt der Krieg“, sagt Olena Rozvadovska und geht zum Auto. Das Rennen hat sie sich abgewöhnt. Und das, obwohl die 33 Jahre alte Ukrainerin gern im Laufschritt unterwegs ist. Aber jede hektische Bewegung könnte nahe der Frontlinie lebensgefährlich werden. Rennen heißt Angriff. Also schlendert sie in Richtung des Pick-ups, der am Dorfrand auf sie wartet. Ihre Körpersprache strahlt Ruhe aus, aber in ihrer Stimme liegt eine gewisse Hektik. „Schneller. Los, schneller!“ Gleich könnten Querschläger kommen. Im Auto wartet Andriy Karpenko auf sie. Ein Übersetzer, 35 Jahre alt, Vater einer kleinen Tochter. Olena und Andriy haben sich erst vor wenigen Stunden kennengelernt – beide sollen sie eine Gruppe von Journalisten durch die Stadt im Osten der Ukraine führen. Beide sind Kinder der achtziger Jahre, aufgewachsen in der Sowjetzeit. Beide haben sie kein Vertrauen in das Militär, die Polizei und den Staat. Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf.

          Marie Lisa Kehler

          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Sie ist mit dem Kriegsbeginn vor drei Jahren aus der Großstadt Kiew nach Slovyansk gezogen, er stammt aus einem kleinen Dorf ganz in der Nähe. Am letzten warmen Herbsttag sitzen zwei Menschen mit völlig unterschiedlichen Ansichten auf der Rückbank des Pick-Ups, der geradewegs auf ein Schlagloch zusteuert. Das Fahrzeug hebt ab, Olena fällt auf Andriy. Näher werden sie sich in diesem Leben wohl nicht mehr kommen – sie trennen Welten.

          Rationale Sichtweise auf den Krieg

          Andriy ist ein hagerer Mann mit feingliedrigen Fingern, einem zu weiten Sakko und einem Haarschnitt, der zuletzt in den sechziger Jahren modern war. Wäre es nach seinen Lehrern gegangen, wäre Andriy Landwirt geworden. Stattdessen wurde er Philosoph, er arbeitet an der örtlichen Universität als Professor. Das Geld reicht nicht, als Dolmetscher verdient er sich ein paar Griwna dazu. Andriy ist ein Theoretiker. Er hat sich seine rationale Sichtweise auf den Krieg hart erarbeitet. Bloß keine Emotionen, bloß keine Angst zeigen.

          Wenn er über 2014, das Jahr, in dem seine sonst so friedliche Heimatstadt Slovyansk von Soldaten besetzt wurde, redet, dann achtet er stets darauf, zu lächeln. Er würde gern die Ereignisse ruhen lassen, die sein Leben in ein „davor“ und ein „danach“ teilten. Davor sei er unbekümmert gewesen, danach um dieses Gefühl der Sorglosigkeit beraubt, sagt er. Er kennt jedes Einschussloch in der kleinen Stadt Slovyansk, in der er seiner Tochter eine sichere Zukunft bieten will. Erzählt mit einem Lachen in der Kehle, wie er zufällig zwischen die Fronten geriet, als er mit dem Fahrrad die falsche Abbiegung nahm. Die Soldaten schossen auf ihn, schossen auf alles, was sich bewegte. Andriy kam mit dem Schrecken davon. „Wir Menschen, wir vergessen. In den Städten, in denen der Krieg sichtbar wurde, tun wir das besonders gern – und besonders schnell“, sagt er. Der Philosoph will lieber über internationale Filme, das Schulsystem oder Heidegger reden als über das, was sich vor seiner Haustür abspielte. Er ahnt nicht, dass das Treffen mit Olena Rozvadovska eine Reise in seine eigene Vergangenheit wird. Und er ahnt nicht, dass sein Lächeln nach dieser Reise an Überzeugung verliert.

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          Schuld daran ist besagte Olena. Sie reibt sich den Kopf, der gegen seinen gestoßen ist. Trotzdem klopft sie dem Fahrer auf die Schulter. „Dawei, dawei!“, schneller, schneller, sagt sie. Vor drei Jahren kam sie nach Slovyansk. Sie gab ihr Leben und ihren Job in Kiew auf, um sich „ein eigenes Bild vom Krieg“ zu machen. Zuvor hatte sie beim Ministerium für Kinderrechte in der ukrainischen Hauptstadt gearbeitet.

          Einen Monat wollte sie in Slovyansk bleiben. Es wurden drei Jahre. „Ich weiß, dass ich hier alles verliere. Geld, meinen Lebensplan. Aber ich kann nicht gehen“, sagt sie. Die 33 Jahre alte Frau lebt von ihren Ersparnissen und von dem, was ihre Arbeit hier vor Ort manchmal abwirft. Olena hilft Hilfsorganisationen bei der Recherche, schreibt Artikel, obwohl sie weiß, dass viele nicht veröffentlicht werden. Sie kämpft jeden Tag dafür, dass der Krieg nicht vergessen wird. Sie will, dass die Kinder dieses Krieges eine Stimme bekommen und sich jemand für ihre Rechte einsetzt. Dabei arbeitet sie stets unabhängig. Das Vertrauen in die Politik habe sie verloren. Sich einer Organisation anzuschließen komme für sie nicht in Frage. Sie wolle da helfen, wo sie es für richtig halte. Ohne Zwängen zu unterliegen, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. „Ich werde jeden öffentlich kritisieren, der das Recht der Kinder missbraucht. Allein deshalb muss ich unabhängig bleiben“, sagt sie.

          Olena ist nach Slovyansk gekommen, um etwas zu bewegen. Theorie überlasst sie anderen. Ihre schicke Tasche hält sie fest umklammert, als der Wagen scharf abbremst. Die Tasche ist eins der wenigen Dinge, die noch an ihr Leben in der Großstadt erinnern. Sie trägt einen durchlöcherten Mantel, einen neuen kann sie sich nicht leisten. Monatelang lebte sie in einem Apartment in Slovyansk, in dem nur wenige Tage vor ihrer Ankunft eine ältere Frau im Kugelhagel starb. Warum sie das alles auf sich nehme, will Übersetzer Andriy wissen. „Ich wollte verstehen, was mit den Kindern passiert, die in einem solchen Kriegsgebiet aufwachsen. Ich wollte verstehen, warum Familien hier bleiben.“ Ob sie Antworten gefunden habe, fragt er. „Wenn man Zeit mit den Menschen verbringt, versteht man“, sagt sie. Das also ist der Grund der Reise. Verstehen lernen. Fragen. Erinnern. Olena führt die Gruppe in ein entlegenes Dorf, knapp 60 Kilometer entfernt von Slovyansk. Hier leben rund 200 Personen, darunter 15 Kinder. Das Dorf gehörte ursprünglich zu der Stadt Zaytsevo. Seit 2014 ist die Stadt jedoch geteilt. Der größere Teil gehört zur militärisch kontrollierten Volksrepublik Donezk, der kleinere, in den Olena die Besucher führt, liegt auf der ukrainischen Seite. Dazwischen ist militärisches Sperrgebiet. Die Grenze trennt die Dorfbewohner von Behörden, Ärzten, Arbeitgebern und Schulen. Olena kommt jede Woche hierher, um mit den Kindern zu malen und zu basteln. „Für sie ist es wichtig zu merken, dass sie nicht vergessen wurden, dass sich jemand für sie interessiert.“

          Viele, die hier leben, haben ihre Arbeit verloren. Fast zwei Jahre ohne Strom liegen hinter ihnen, geheizt wird mit Holz, das Wasser kann schon mal knapp werden. Es ist ein täglicher Überlebenskampf. Viele Familien sind weggezogen. Andere haben ihre Kinder zu Verwandten in andere Städte gebracht. Auch die Organisation „Our Kids“, die in diesem Jahr durch das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ unterstützt wird, nimmt Kinder aus dem Kriegsgebiet im Osten der Ukraine auf.

          „Mein Wissen ist kein Geheimnis“

          Das Auto weicht einem weiteren Schlagloch aus. Andriy ist still geworden. Bei der Abreise aus dem Dorf, keine halbe Stunde von seiner Heimatstadt entfernt, kann auch er nicht mehr leugnen, dass der Krieg noch immer Opfer fordert.

          Später, beim gemeinsamen Essen, schaut er Olena lange an. Er will diese Frau verstehen, die ihr bisheriges Leben aufgab, um hier zu helfen. Woher sie die Kraft nehme, will er wissen. „Wenn hier etwas Gutes passiert, und sei es noch so klein, dann sieht man alles ganz klar“, sagt sie. Sie sieht müde aus. Vor sechs Monaten musste sie sich psychologische Hilfe holen, um weitermachen zu können. „Man verliert hier seinen Glauben. Ich habe keine Angst, mein Leben zu geben, wenn sich dafür etwas ändert“, sagt sie. Andriy tritt vor die Tür. Die Spuren des Krieges in der Innenstadt sind längst beseitigt. Vielleicht, sagt er, müsse er sich doch noch einmal näher mit dem Thema befassen. Forschen, wieso die Bürger seiner Stadt es überhaupt zuließen, dass die Soldaten hier einmarschieren konnten. Olena kommt dazu. Ob sie nicht doch mit ihrem Wissen in der Politik etwas bewegen wolle, fragt Andriy und klingt dabei fast schon ein bisschen flehend. „Mein Wissen ist kein Geheimnis. Man muss es nur hören wollen. Nimm es, und mach etwas damit“, sagt die junge Frau und geht mit ihrem löchrigen Mantel davon.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für ein Projekt, bei dem Jugendliche durch die Arche Frankfurt-Nordweststadt auf dem Weg ins Erwachsenen- und Berufsleben unterstützt werden, und zugunsten eines Kinderheims in der Ukraine, das vernachlässigte, wohnungslose und missbrauchte Kinder aufnimmt. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: 

          Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11

          Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Sofern die vollständige Adresse angegeben ist, kann eine Spendenquittung zugeschickt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

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