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F.A.Z.-Leser helfen : Wenn es dunkel wird, beginnt der Krieg

Einen Monat wollte sie in Slovyansk bleiben. Es wurden drei Jahre. „Ich weiß, dass ich hier alles verliere. Geld, meinen Lebensplan. Aber ich kann nicht gehen“, sagt sie. Die 33 Jahre alte Frau lebt von ihren Ersparnissen und von dem, was ihre Arbeit hier vor Ort manchmal abwirft. Olena hilft Hilfsorganisationen bei der Recherche, schreibt Artikel, obwohl sie weiß, dass viele nicht veröffentlicht werden. Sie kämpft jeden Tag dafür, dass der Krieg nicht vergessen wird. Sie will, dass die Kinder dieses Krieges eine Stimme bekommen und sich jemand für ihre Rechte einsetzt. Dabei arbeitet sie stets unabhängig. Das Vertrauen in die Politik habe sie verloren. Sich einer Organisation anzuschließen komme für sie nicht in Frage. Sie wolle da helfen, wo sie es für richtig halte. Ohne Zwängen zu unterliegen, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. „Ich werde jeden öffentlich kritisieren, der das Recht der Kinder missbraucht. Allein deshalb muss ich unabhängig bleiben“, sagt sie.

Olena ist nach Slovyansk gekommen, um etwas zu bewegen. Theorie überlasst sie anderen. Ihre schicke Tasche hält sie fest umklammert, als der Wagen scharf abbremst. Die Tasche ist eins der wenigen Dinge, die noch an ihr Leben in der Großstadt erinnern. Sie trägt einen durchlöcherten Mantel, einen neuen kann sie sich nicht leisten. Monatelang lebte sie in einem Apartment in Slovyansk, in dem nur wenige Tage vor ihrer Ankunft eine ältere Frau im Kugelhagel starb. Warum sie das alles auf sich nehme, will Übersetzer Andriy wissen. „Ich wollte verstehen, was mit den Kindern passiert, die in einem solchen Kriegsgebiet aufwachsen. Ich wollte verstehen, warum Familien hier bleiben.“ Ob sie Antworten gefunden habe, fragt er. „Wenn man Zeit mit den Menschen verbringt, versteht man“, sagt sie. Das also ist der Grund der Reise. Verstehen lernen. Fragen. Erinnern. Olena führt die Gruppe in ein entlegenes Dorf, knapp 60 Kilometer entfernt von Slovyansk. Hier leben rund 200 Personen, darunter 15 Kinder. Das Dorf gehörte ursprünglich zu der Stadt Zaytsevo. Seit 2014 ist die Stadt jedoch geteilt. Der größere Teil gehört zur militärisch kontrollierten Volksrepublik Donezk, der kleinere, in den Olena die Besucher führt, liegt auf der ukrainischen Seite. Dazwischen ist militärisches Sperrgebiet. Die Grenze trennt die Dorfbewohner von Behörden, Ärzten, Arbeitgebern und Schulen. Olena kommt jede Woche hierher, um mit den Kindern zu malen und zu basteln. „Für sie ist es wichtig zu merken, dass sie nicht vergessen wurden, dass sich jemand für sie interessiert.“

Viele, die hier leben, haben ihre Arbeit verloren. Fast zwei Jahre ohne Strom liegen hinter ihnen, geheizt wird mit Holz, das Wasser kann schon mal knapp werden. Es ist ein täglicher Überlebenskampf. Viele Familien sind weggezogen. Andere haben ihre Kinder zu Verwandten in andere Städte gebracht. Auch die Organisation „Our Kids“, die in diesem Jahr durch das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ unterstützt wird, nimmt Kinder aus dem Kriegsgebiet im Osten der Ukraine auf.

„Mein Wissen ist kein Geheimnis“

Das Auto weicht einem weiteren Schlagloch aus. Andriy ist still geworden. Bei der Abreise aus dem Dorf, keine halbe Stunde von seiner Heimatstadt entfernt, kann auch er nicht mehr leugnen, dass der Krieg noch immer Opfer fordert.

Später, beim gemeinsamen Essen, schaut er Olena lange an. Er will diese Frau verstehen, die ihr bisheriges Leben aufgab, um hier zu helfen. Woher sie die Kraft nehme, will er wissen. „Wenn hier etwas Gutes passiert, und sei es noch so klein, dann sieht man alles ganz klar“, sagt sie. Sie sieht müde aus. Vor sechs Monaten musste sie sich psychologische Hilfe holen, um weitermachen zu können. „Man verliert hier seinen Glauben. Ich habe keine Angst, mein Leben zu geben, wenn sich dafür etwas ändert“, sagt sie. Andriy tritt vor die Tür. Die Spuren des Krieges in der Innenstadt sind längst beseitigt. Vielleicht, sagt er, müsse er sich doch noch einmal näher mit dem Thema befassen. Forschen, wieso die Bürger seiner Stadt es überhaupt zuließen, dass die Soldaten hier einmarschieren konnten. Olena kommt dazu. Ob sie nicht doch mit ihrem Wissen in der Politik etwas bewegen wolle, fragt Andriy und klingt dabei fast schon ein bisschen flehend. „Mein Wissen ist kein Geheimnis. Man muss es nur hören wollen. Nimm es, und mach etwas damit“, sagt die junge Frau und geht mit ihrem löchrigen Mantel davon.

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für ein Projekt, bei dem Jugendliche durch die Arche Frankfurt-Nordweststadt auf dem Weg ins Erwachsenen- und Berufsleben unterstützt werden, und zugunsten eines Kinderheims in der Ukraine, das vernachlässigte, wohnungslose und missbrauchte Kinder aufnimmt. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: 

Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11

Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Sofern die vollständige Adresse angegeben ist, kann eine Spendenquittung zugeschickt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

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