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Wenn eine Mutter ihr Kind verliert : Ein Mädchen, wie schön

Trauer und Zuversicht: Chanel setzt sich für die Verschönerung des Sternenkinder-Grabes ein, in dem auch ihre Tochter bestattet ist. Bild: Bergmann, Wonge

Die Mutter ist in der vierzehnten Woche schwanger, als sie von der Behinderung ihrer Tochter erfährt. Wahrscheinlich werde das Kind noch im Mutterleib sterben, sagen die Ärzte. Chronik eines Abschieds.

          7 Min.

          Nur hinter dem Fenster im zweiten Stock brennt noch Licht, gelb und warm. Chanel läuft in der Wohnung auf und ab, sie findet keinen Schlaf. Sie setzt sich auf das Sofa, steht wieder auf, fasst sich an die Schläfen, ihr ist heiß. Dann geht sie doch wieder ins Bett, allein, ihr Freund ist noch auf der Arbeit. Sie träumt unruhig bis zum Morgengrauen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Als Chanel aus dem Bad kommt, ist Sven schon müde von der Nachtschicht ins Bett gefallen. In ihrer rechten Hand hält sie ein kleines Plastikteil, legt es auf den Nachttisch neben ihn und spricht leise seinen Namen. Er blinzelt und versteht erst nicht, bis er im Halbdunkel den Schnuller erkennt, lächelt und weiterschläft. Es ist Mittwoch, der 11.Juli 2012, für Chanel und Sven der erste Tag als werdende Eltern.

          Schwangerschaftsübelkeit, nicht ungewöhnlich

          Der Bauch wächst und mit ihm die Freude. Es ist ein Wunschkind, auch wenn die Eltern erst seit fünf Monaten ein Paar sind. Ob es ein Mädchen oder ein Junge wird, das wissen sie noch nicht. Die ersten Hemdchen, die sie kaufen, sind himmelblau.

          Dann muss Chanel zum ersten Mal ins Krankenhaus nach Höchst, Schwangerschaftsübelkeit, nicht ungewöhnlich. Sven kommt oft vorbei und hält ihre Hand, da sagt Chanel: „Ich glaube, es wird ein Mädchen.“ Einen Namen hat sie auch schon - Alisha. Sven zögert erst ein bisschen, doch als seine Freundin ihre Hand auf den Bauch legt und immer wieder diesen Namen nennt, sagt er: „Das ist ein schöner Name.“ Alisha heißt: die kleine Prinzessin. Es ist die neunte Schwangerschaftswoche.

          In der 14. Woche entdeckt der Arzt Wasseransammlungen im Nacken

          Abends singt die Mutter manchmal für ihr Kind: There’s no need to be afraid, I will sing with you my friend, come on, come on - Du brauchst keine Angst haben, ich singe mit dir, meine Kleine, komm schon, komm schon. Dann: ein erster Tritt. Es ist, als tanze das Kind zur Melodie, ganz lebendig und doch erst ein paar Monate alt. Chanel geht regelmäßig zu ihrem Frauenarzt, der ist zufrieden mit der Entwicklung, und die Eltern sehen zum ersten Mal ihr Kind, grau schattiert und leicht verschwommen, auf dem Monitor des Arztes.

          An einem Donnerstag, es ist die 14.Woche, hat Chanel wieder einen Termin bei ihm. Der Arzt verteilt das kühle Gel auf ihrem Bauch, fährt wie immer mit dem Ultraschallgerät auf der leichten Wölbung auf und ab und erklärt: hier ein Fuß, da ein Arm, und das kleine Herz pocht. An einer Stelle stockt er, schiebt das Messgerät ein paar Zentimeter nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links. Er sagt nichts. Chanel fragt: „Warum sind Sie so still?“ Der Arzt antwortet knapp: „Das sieht nicht so gut aus.“ Noch quälend lange 30Minuten fährt er mit dem Ultraschallgerät über Chanels Bauch. Nach der Untersuchung sagt der Arzt hinter seinem Schreibtisch: „Denken Sie daran, Sie wollen ein gesundes Kind.“ Er habe im Nacken des Fötus Wasseransammlungen entdeckt. Das deute auf eine schwere Behinderung hin. „An Ihrer Stelle würde ich abbrechen“, sagt der Arzt.

          Die Mutter will vorbereitet sein

          Chanel und Sven fahren ins Bürgerhospital, auf die Station der Pränataldiagnostik. Sie wollen eine zweite Meinung. Chanel wird lange von einer Ärztin untersucht. Bald stellt auch sie fest, das Kind wird behindert sein. Sie rät nicht: „Machen Sie es weg“, sondern fragt: „Wie stehen Sie zu einer Behinderung?“ Der Oberarzt kommt ins Zimmer und sticht mit einer Nadel in Chanels Bauchdecke, um Fruchtwasser zu entnehmen. Die werdende Mutter kann wieder nach Hause. In drei Tagen soll sie erfahren, welche Behinderung ihr Kind hat.

          Sven redet in diesen Tagen viel mit seinen Kumpels, Chanel setzt sich an den Computer und liest vom Schlimmsten. Sie erfährt, dass die Behinderungen so unterschiedlich sind wie die Kinder selbst. Chanel liest auch von den Kindern, die es nicht schaffen, denn manche Behinderung ist zu viel für den kleinen Körper. Auch diese Kinder haben in Frankfurt einen Platz, er liegt im Bezirk E des Hauptfriedhofs und heißt „Grabstätte für totgeborene Kinder“ oder auch Sternenkinder-Grab. Chanel sieht sich im Internet Bilder von totgeborenen Babys an. Sie ist verzweifelt, aber auch gefasst. Sie will vorbereitet sein.

          Sie richten Alishas Zimmer ein

          Am dritten Tag ruft das Krankenhaus an. „Ihr Kind hat das Ullrich-Turner-Syndrom“, sagt der Arzt. „Dann ist es ein Mädchen“, sagt Chanel als Erstes, „ein Mädchen, wie schön.“ Das Ullrich-Turner-Syndrom, ein Gendefekt, trifft nur Mädchen. Jedes 2500.Kind ist davon betroffen. Den Betroffenen fehlt ein Chromosom, deshalb produziert ihr Körper einige wichtige weibliche Hormone nicht, sie sind kleinwüchsig und werden im Schnitt nur 1,47Meter groß, können selbst keine Kinder bekommen, aber sie sind normal intelligent. 98Prozent der Föten mit dieser Behinderung sterben noch im Mutterleib. Alisha hat außerdem noch einen Herzfehler, wie viele Kinder mit diesem Syndrom. Das viele Wasser im Nacken beeinträchtigt ihren Kreislauf. Das Herz könnte man in der 25.Woche noch im Mutterleib operieren, davon ginge womöglich auch das Wasser im Nacken etwas zurück, und Alishas Chancen stiegen.

          Am Abend sitzen die Eltern auf ihrem Sofa. „Können wir uns um ein behindertes Kind kümmern?“, fragt Chanel ihren Freund. „Ja.“ „Und können wir unser Kind auch zu Grabe tragen, schaffen wir das?“ „Auch das“, sagt Sven und weint. Sie streichen das kleine Kinderzimmer in ihrer Wohnung mit rosa Farbe, stellen eine Wiege hinein und hängen über den Wickeltisch einen lachenden Mond aus hellem Holz. Der Kinderwagen steht noch bei Chanels Schwiegermutter, sie wollen ihn bald abholen. Die Eltern kaufen neue Hemdchen für ihr Kind, die sind nun bonbongelb. Die ganze Wohnung riecht nach Zuversicht. Chanel geht zu ihrem neuen Frauenarzt und nimmt aktuelle Ultraschallbilder mit nach Hause. Es ist die 16.Schwangerschaftswoche.

          Der Bundestag will das Gesetz noch in diesem Jahr ändern

          Chanels Bauch wölbt sich noch ein bisschen mehr, aber an allen anderen Stellen nimmt sie ab, weil sie kaum noch etwas isst. Alisha ist nun etwa 200 Gramm schwer, wie der Frauenarzt feststellt. Chanel und Sven hoffen auf jeden Tag und auf jedes Gramm. Denn das Gewicht eines Kindes, sollte es nicht überleben, ist wichtig. Bleibt es unter 500 Gramm, ist es dem Gesetz nach kein Mensch, sondern Abfall, der mit Blinddärmen und abgetrennten Gliedmaßen vom Krankenhaus entsorgt wird. Ein Kind, das weniger als 500 Gramm wiegt, bekommt keinen Eintrag ins Geburtenbuch, hat keinen Geburts- und keinen Todestag und darf auch nicht regulär beigesetzt werden. Nach dem Gesetz gab es kein Kind, und die Eltern sind auch keine Eltern geworden. Etwa 2500 Kinder werden jedes Jahr in Deutschland tot geboren; 1500 weitere wiegen bei ihrem Tod weniger als 500 Gramm.

          Der Bundestag will das Gesetz noch in diesem Jahr ändern, dann soll jedes Kind, egal wie schwer, eine Geburtsurkunde bekommen und beerdigt werden können. Aber noch ist es nicht so weit. Noch bleibt nur die Möglichkeit, den Fötus in ein Familiengrab zu legen oder bei einer Sammelbestattung beisetzen zu lassen. Jede Gemeinde regelt das für sich selbst. Frankfurt hat seit zwölf Jahren das Sternenkinder-Grab auf dem Hauptfriedhof. Das ist ein Trost. Chanel und Sven sagen: „Wenn es unsere Alisha nicht schafft, dann soll sie dort ruhen.“

          „Da wusste ich, Alisha ist tot“

          Eine Woche später, mitten in der Nacht, muss Chanel sich übergeben. Es sind die ersten Wehen. Sie weckt ihren Freund, sie packen eine Tasche und fahren ins Krankenhaus. Den Arzt, der Nachtschicht hat, kennen sie noch nicht. Er hat nur wenig Zeit für das Paar und sagt: „Ihr Körper wehrt sich gegen das Kind. Sie werden bald eine Fehlgeburt haben.“

          Chanel liegt in den nächsten Tagen viel im Bett und auf dem Sofa. Die Wehen haben wieder nachgelassen, und Alisha bewegt sich munter. Wie immer streicht die Mutter am Abend noch einmal über ihren Bauch, über Alishas Kopf und wünscht ihr eine gute Nacht. Kurz vor Mitternacht wacht Chanel plötzlich auf, ihr Kissen ist tränennass. Sie fasst sich an den Bauch. In der Rückschau sagt sie: „Da wusste ich, Alisha ist tot.“

          „Eine Mutter spürt so etwas“

          Bald kommt Sven von den Kumpels nach Hause. Sie halten ein kleines Gerät, das Herztöne erkennen kann, an Chanels Bauch. Sie hören nichts. „Sie liegt nur ungünstig“, sagt Sven. „Nein.“ Es ist Freitag, der 19.Oktober 2012, Alishas Todestag.

          Wieder packen sie die Tasche für die Fahrt ins Bürgerhospital. „Mein Kind ist gestorben“, sagt Chanel der Krankenschwester dort. „Sie sind aber übervorsichtig“, antwortet die. Als Chanel schon in ein Behandlungszimmer geführt wird, sagt eine andere Schwester: „Eine Mutter spürt so etwas.“ Im Behandlungszimmer machen sie einen Ultraschall, und tatsächlich, Alisha bewegt sich nicht mehr. Chanel wird an den Wehentropf gehängt, ihr Körper muss nun mit medikamentöser Gewalt auf die Geburt vorbereitet werden. Sie bekommt eine erste Tablette, dann alle sechs Stunden eine weitere, damit sich ihr Körper weitet. Bald spürt sie ihr linkes Bein nicht mehr, dann wird das rechte taub. Eine Erlösung durch Narkose und Kaiserschnitt kommt nicht in Frage. Ein totes Kind, sagen die Ärzte, muss von seiner Mutter geboren werden.

          Eine Stunde bleibt der Mutter, um sich zu verabschieden

          Die Nacht wird grausam. Am Morgen sagt eine Ärztin, dass der Muttermund schon leicht geöffnet sei. Dennoch könne es noch dauern, im schlimmsten Fall fünf Tage. Unter den Schmerzmitteln dämmert Chanel langsam weg - bis es am Mittag in ihr plötzlich zieht, reißt und sticht. Chanel drückt den Notrufknopf und schreit: „Meine Kleine kommt.“ Dann holt sie aus ihrer Tasche ein braunes Handtuch und zieht sich die Hose herunter. Niemand ist sonst im Raum, nicht der Freund, keine Hebamme, auch kein Arzt. Als der erste weiße Kittel ins Zimmer stürzt, hält Chanel ihre Tochter schon im Arm. Sie schreit nicht. Es ist Samstag, der 20.Oktober 2012, 14.45Uhr, Alishas Geburtstag.

          Eine Stunde bleibt der Mutter, um sich von ihrer Tochter zu verabschieden. Der Vater konnte es nicht, noch nicht. Für ihn und sich selbst macht Chanel Fotos von Alisha, wie sie, ganz rot und handtellergroß, in dem kleinen gehäkelten Mantel mit den zwei Knöpfen liegt, den ihr eine Krankenschwester gab. Chanel muss dann einen Bogen ausfüllen, auf dem sie gefragt wird, ob das Kind beerdigt werden soll. Sie schreibt: ja. Als sie später Gewicht und Größe ihrer Tochter wissen will, kann ihr das kein Krankenhausmitarbeiter sagen, es sei vergessen worden zu erfassen. Das stimme so nicht, sagt das Bürgerhospital heute. Das Thema Sternenkinder werde im Haus sehr ernst genommen, die Eltern würden von geschulten Mitarbeitern und Seelsorgern betreut. Mehr könne man aber zu dem konkreten Fall aus Datenschutzgründen nicht sagen.

          Vielleicht wird sie wieder einmal schwanger

          Aber Chanel und Sven begegnen auch noch Menschen, die helfen. Wie den beiden Seelsorgern, die an einem der letzten Novembertage ein paar Worte sprechen. In der Kapelle auf dem Hauptfriedhof brennen 27 Kerzen, eine Kerze für jedes Kind. Durch die Scheiben fällt trübes Licht. Die Familien stehen allein für sich, viel gesprochen wird nicht. Die Asche aller verstorbenen Kinder liegt in einer schwarzen Urne mit goldenem Kreuz. Gemeinsam gehen sie den Weg zu AbschnittE, zum Sternenkinder-Grab. Dort liegen schon viele Engelchen auf der Wiese, daneben einige Lichter, und an einem Pfosten lehnt ein Spielzeug-Motorrad. Nachdem die Urne in das Grab, in dem schon viele Kinder liegen, hinabgelassen wurde, legen Chanel und Sven ein paar Rosen und einen Gedenkstein nieder.

          Nun bekommt Alisha jeden Sonntag Besuch von ihren Eltern. Doch Chanel gefällt das Grab nicht so sehr. Vieles liegt verstreut, die Stofftiere werden nass vom Regen und der Boden ist ganz aufgeweicht. Die Buchsbäume, in Form eines Sterns gepflanzt, sind verdorrt. Chanel hätte als Untergrund für die Habseligkeiten gerne ein paar Kieselsteine, am liebsten auch Metallsterne mit den Namen der Kinder. Viel von ihrer Kraft fließt derzeit in die Erfüllung dieses Wunsches nach einem schöneren Grab. Sie sammelt Unterschriften, etwas mehr als 400 sind es bisher, damit das Grab wieder schöner wird. Es soll bunter, gepflegter und kindlicher werden. Gepflegt wird es hauptsächlich aber nicht von den Eltern, sondern von der Genossenschaft der Friedhofsgärtner, einem Zusammenschluss von rund 50Betrieben. Die gäben für die Pflege im Jahr rund 5000Euro aus, sagt Michael Ballenberger, Vorsitzender der Genossenschaft der Friedhofsgärtner. Optisch ansprechend und pflegeleicht solle das Grab sein, sagt er. Aber man weiß auch, dass es besser, größer, schöner sein könnte. Zumindest um die verdorrten Buchsbäume will man sich bald kümmern.

          Chanels Körper braucht noch Zeit, um den Tod Alishas zu verkraften, ihre Seele auch. Vielleicht, sagt sie, wird sie wieder einmal schwanger werden. Die Wände im Kinderzimmer haben Chanel und Sven neu gestrichen, nun sind sie sonnengelb. Alles andere haben sie so belassen, der Wickeltisch steht noch dort und der lachende Mond aus Holz baumelt von der Decke. Den Kinderwagen hat noch immer ihre Schwiegermutter. Noch haben Chanel und Sven ihn nicht abgeholt.

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