https://www.faz.net/-gzg-75ro6

Wenn eine Mutter ihr Kind verliert : Ein Mädchen, wie schön

Eine Stunde bleibt der Mutter, um sich von ihrer Tochter zu verabschieden. Der Vater konnte es nicht, noch nicht. Für ihn und sich selbst macht Chanel Fotos von Alisha, wie sie, ganz rot und handtellergroß, in dem kleinen gehäkelten Mantel mit den zwei Knöpfen liegt, den ihr eine Krankenschwester gab. Chanel muss dann einen Bogen ausfüllen, auf dem sie gefragt wird, ob das Kind beerdigt werden soll. Sie schreibt: ja. Als sie später Gewicht und Größe ihrer Tochter wissen will, kann ihr das kein Krankenhausmitarbeiter sagen, es sei vergessen worden zu erfassen. Das stimme so nicht, sagt das Bürgerhospital heute. Das Thema Sternenkinder werde im Haus sehr ernst genommen, die Eltern würden von geschulten Mitarbeitern und Seelsorgern betreut. Mehr könne man aber zu dem konkreten Fall aus Datenschutzgründen nicht sagen.

Vielleicht wird sie wieder einmal schwanger

Aber Chanel und Sven begegnen auch noch Menschen, die helfen. Wie den beiden Seelsorgern, die an einem der letzten Novembertage ein paar Worte sprechen. In der Kapelle auf dem Hauptfriedhof brennen 27 Kerzen, eine Kerze für jedes Kind. Durch die Scheiben fällt trübes Licht. Die Familien stehen allein für sich, viel gesprochen wird nicht. Die Asche aller verstorbenen Kinder liegt in einer schwarzen Urne mit goldenem Kreuz. Gemeinsam gehen sie den Weg zu AbschnittE, zum Sternenkinder-Grab. Dort liegen schon viele Engelchen auf der Wiese, daneben einige Lichter, und an einem Pfosten lehnt ein Spielzeug-Motorrad. Nachdem die Urne in das Grab, in dem schon viele Kinder liegen, hinabgelassen wurde, legen Chanel und Sven ein paar Rosen und einen Gedenkstein nieder.

Nun bekommt Alisha jeden Sonntag Besuch von ihren Eltern. Doch Chanel gefällt das Grab nicht so sehr. Vieles liegt verstreut, die Stofftiere werden nass vom Regen und der Boden ist ganz aufgeweicht. Die Buchsbäume, in Form eines Sterns gepflanzt, sind verdorrt. Chanel hätte als Untergrund für die Habseligkeiten gerne ein paar Kieselsteine, am liebsten auch Metallsterne mit den Namen der Kinder. Viel von ihrer Kraft fließt derzeit in die Erfüllung dieses Wunsches nach einem schöneren Grab. Sie sammelt Unterschriften, etwas mehr als 400 sind es bisher, damit das Grab wieder schöner wird. Es soll bunter, gepflegter und kindlicher werden. Gepflegt wird es hauptsächlich aber nicht von den Eltern, sondern von der Genossenschaft der Friedhofsgärtner, einem Zusammenschluss von rund 50Betrieben. Die gäben für die Pflege im Jahr rund 5000Euro aus, sagt Michael Ballenberger, Vorsitzender der Genossenschaft der Friedhofsgärtner. Optisch ansprechend und pflegeleicht solle das Grab sein, sagt er. Aber man weiß auch, dass es besser, größer, schöner sein könnte. Zumindest um die verdorrten Buchsbäume will man sich bald kümmern.

Chanels Körper braucht noch Zeit, um den Tod Alishas zu verkraften, ihre Seele auch. Vielleicht, sagt sie, wird sie wieder einmal schwanger werden. Die Wände im Kinderzimmer haben Chanel und Sven neu gestrichen, nun sind sie sonnengelb. Alles andere haben sie so belassen, der Wickeltisch steht noch dort und der lachende Mond aus Holz baumelt von der Decke. Den Kinderwagen hat noch immer ihre Schwiegermutter. Noch haben Chanel und Sven ihn nicht abgeholt.

Weitere Themen

Pressen ohne Papa

Geburten in Zeiten von Corona : Pressen ohne Papa

Um das Coronavirus einzudämmen, gelten eingeschränkte Besuchsrechte in medizinischen Einrichtungen. Die strengen Regeln treffen auch Kreißsäle, die Umsetzung aber ist in Frankfurt von Klinik zu Klinik unterschiedlich.

Topmeldungen

Warten auf die Corona-Welle : Wann kommt der Sturm?

Deutschlands Kliniken bereiten sich auf eine Herausforderung von historischem Ausmaß vor. In einer besonderen Situation: die Geburtshilfe. Wie gut ist Deutschland gewappnet für das, was da kommt?

Bolsonaro empört Brasilianer : Der letzte Corona-Leugner

Die Gouverneure fordern die Brasilianer auf, wegen der Pandemie zu Hause zu bleiben. Der Präsident hält mit einer PR-Kampagne dagegen. Unterstützer gehen auf Distanz. Muss Bolsonaro bald um sein Amt kämpfen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.