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Wenn eine Mutter ihr Kind verliert : Ein Mädchen, wie schön

Sven redet in diesen Tagen viel mit seinen Kumpels, Chanel setzt sich an den Computer und liest vom Schlimmsten. Sie erfährt, dass die Behinderungen so unterschiedlich sind wie die Kinder selbst. Chanel liest auch von den Kindern, die es nicht schaffen, denn manche Behinderung ist zu viel für den kleinen Körper. Auch diese Kinder haben in Frankfurt einen Platz, er liegt im Bezirk E des Hauptfriedhofs und heißt „Grabstätte für totgeborene Kinder“ oder auch Sternenkinder-Grab. Chanel sieht sich im Internet Bilder von totgeborenen Babys an. Sie ist verzweifelt, aber auch gefasst. Sie will vorbereitet sein.

Sie richten Alishas Zimmer ein

Am dritten Tag ruft das Krankenhaus an. „Ihr Kind hat das Ullrich-Turner-Syndrom“, sagt der Arzt. „Dann ist es ein Mädchen“, sagt Chanel als Erstes, „ein Mädchen, wie schön.“ Das Ullrich-Turner-Syndrom, ein Gendefekt, trifft nur Mädchen. Jedes 2500.Kind ist davon betroffen. Den Betroffenen fehlt ein Chromosom, deshalb produziert ihr Körper einige wichtige weibliche Hormone nicht, sie sind kleinwüchsig und werden im Schnitt nur 1,47Meter groß, können selbst keine Kinder bekommen, aber sie sind normal intelligent. 98Prozent der Föten mit dieser Behinderung sterben noch im Mutterleib. Alisha hat außerdem noch einen Herzfehler, wie viele Kinder mit diesem Syndrom. Das viele Wasser im Nacken beeinträchtigt ihren Kreislauf. Das Herz könnte man in der 25.Woche noch im Mutterleib operieren, davon ginge womöglich auch das Wasser im Nacken etwas zurück, und Alishas Chancen stiegen.

Am Abend sitzen die Eltern auf ihrem Sofa. „Können wir uns um ein behindertes Kind kümmern?“, fragt Chanel ihren Freund. „Ja.“ „Und können wir unser Kind auch zu Grabe tragen, schaffen wir das?“ „Auch das“, sagt Sven und weint. Sie streichen das kleine Kinderzimmer in ihrer Wohnung mit rosa Farbe, stellen eine Wiege hinein und hängen über den Wickeltisch einen lachenden Mond aus hellem Holz. Der Kinderwagen steht noch bei Chanels Schwiegermutter, sie wollen ihn bald abholen. Die Eltern kaufen neue Hemdchen für ihr Kind, die sind nun bonbongelb. Die ganze Wohnung riecht nach Zuversicht. Chanel geht zu ihrem neuen Frauenarzt und nimmt aktuelle Ultraschallbilder mit nach Hause. Es ist die 16.Schwangerschaftswoche.

Der Bundestag will das Gesetz noch in diesem Jahr ändern

Chanels Bauch wölbt sich noch ein bisschen mehr, aber an allen anderen Stellen nimmt sie ab, weil sie kaum noch etwas isst. Alisha ist nun etwa 200 Gramm schwer, wie der Frauenarzt feststellt. Chanel und Sven hoffen auf jeden Tag und auf jedes Gramm. Denn das Gewicht eines Kindes, sollte es nicht überleben, ist wichtig. Bleibt es unter 500 Gramm, ist es dem Gesetz nach kein Mensch, sondern Abfall, der mit Blinddärmen und abgetrennten Gliedmaßen vom Krankenhaus entsorgt wird. Ein Kind, das weniger als 500 Gramm wiegt, bekommt keinen Eintrag ins Geburtenbuch, hat keinen Geburts- und keinen Todestag und darf auch nicht regulär beigesetzt werden. Nach dem Gesetz gab es kein Kind, und die Eltern sind auch keine Eltern geworden. Etwa 2500 Kinder werden jedes Jahr in Deutschland tot geboren; 1500 weitere wiegen bei ihrem Tod weniger als 500 Gramm.

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