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F.A.Z.-Leser helfen : Erinnern ohne Familienbild

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„Die Trauer wird nicht kleiner, nur man selbst wächst ein wenig daran“: die kleine Tochter von Elisabeth Sauer am Grab ihres Vaters Bild: Frank Röth

Papa ist tot. Was bedeutet das für Kleinkinder? Und wie lebt die Familie weiter? Eine Mutter und ihre drei Kinder finden dafür viel Unterstützung bei Sternenzelt.

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          Es gibt Redewendungen, die machen sie einfach wütend. Auch wenn Familie und Freunde sie einfach nur gedankenlos oder aus Hilflosigkeit verwenden. „Die Zeit heilt alle Wunden“ ist so eine. „Die Wunden heilen ja gar nicht“, sagt Elisabeth Sauer, „es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an meinen Mann denke.“

          An ihn, den wir in diesem Text einfach Jan nennen, denn seine Frau möchte gern anonym bleiben, deshalb haben wir auch ihren Namen geändert. Ihr Mann, der erfolgreiche Unternehmensberater, Partner und Anteilseigner, den sie in eben diesem Unternehmen kennengelernt hat. Sie haben zusammen gelebt und gearbeitet, „24/7“, sagt sie. Sie arbeitet dort noch immer. Er ein großer Musikliebhaber, politisch interessiert, sportlich, für den Sohn der Fußballheld. Sie blickt auf die umfangreiche Schallplatten- und CD-Sammlung im Wohnzimmer. Gemeinsame Konzertbesuche, „da konnte er so fröhlich und ausgelassen sein wie ein Kind“. Skiurlaube, drei Kinder, ein prächtiges Eigenheim mit großem Garten in bester Lage im Taunus.

          Dann kam das, was zunächst ganz harmlos „Burn-out“ hieß. „Ein ziemlich nettes Wort für Depressionen“, sagt Sauer. Er wurde ärztlich behandelt, auch stationär, bekam Tabletten. Sie war damals hochschwanger mit der kleinen Tochter, zur Geburt wurde er aus der Klinik entlassen. „Papa hat eine Schlafkrankheit“, sagten die Kinder damals, denn ihr so lebensfroher Papa schlief eigentlich ständig.

          Große Hilfe in einer schweren Zeit

          „Er hatte plötzlich auch starke Existenzängste, ganz unbegründet, der Firma und uns ging es ja sehr gut, aber er konnte sich nicht mehr gut konzentrieren, hatte Angst, seinen brillanten Verstand zu verlieren.“ Trotzdem habe er versucht, wieder im Arbeitsleben Fuß zu fassen. Als er bei einem Kunden in Darmstadt aber nicht ankam, ahnte seine Frau, damals 41 Jahre alt und ein halbes Jahr zuvor zum dritten Mal Mutter geworden, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Sie fuhr zum Kunden und hoffte eigentlich zu sehen, dass er dort nur verspätet ankam. Kurz darauf ging bereits ihr Telefon: Er hatte sich das Leben genommen, viele hundert Kilometer von seiner Frau und den drei Kindern entfernt, in seiner alten bayerischen Heimat. Dort hatte auch die ganze Familie wenige Monate zuvor noch gelebt. Wie in Trance fuhr sie nach Hause zurück zu den drei Kindern.

          „Nach seinem Tod habe ich einfach nur noch ganz krass funktioniert, habe die Kleine gestillt, hatte ein absolutes Schlafdefizit. Wir haben nachts einfach nur noch zu viert im Schlafzimmer gelegen, auch die beiden Großen mit mir und dem Baby im Ehebett.“ Heute, fünfeinhalb Jahre danach, versucht sie zu erklären, wie sie diese schlimme Zeit überstanden hat, spricht über Resilienz, die Fähigkeit, auch schlimmste Schicksalsschläge zu überstehen.

          Eine große Hilfe in dieser schweren Zeit war für sie die Unterstützung, die sie bei Sternenzelt erfuhr. Die Einrichtung für trauernde Kinder, Jugendliche und ihre Eltern, für die F.A.Z.-Leserinnen und -Leser in diesem Jahr spenden, gab ihr Halt. Die Kinder trafen dort auf die geschulte Psychologin Claudia Vormann und auf andere Kinder, denen Ähnliches widerfahren war, die auf einmal keinen Papa mehr hatten.

          „Die Trauer wird nicht kleiner, nur man selbst wächst ein wenig daran“

          Noch heute ist das für die Kinder manchmal sehr schwer, auch wenn die Mutter wieder einen neuen Partner in ihrem Leben hat. Die Älteste, mittlerweile 16, sollte vor einigen Wochen eine Deutschklausur schreiben mit dem Thema „Beschreiben Sie die Rolle des Vaters im Familienbild!“. Ihr Aufsatz war kurz. „Kann ich nichts zu sagen, mein Vater ist gestorben“, hat sie geschrieben. Das erzählt Sauer und hat dafür viel Verständnis. „Die Wunden heilen ja gar nicht“, da ist der Satz wieder. Auch Scheidungen seien sicher nicht leicht zu verkraften für Kinder. Jung verwitwet zu sein, die Kinder halb verwaist, ohne Vater aufzuwachsen, das sei doch noch mal etwas ganz anderes. Noch in 30 Jahren sollen die Kinder das Recht darauf haben, traurig zu sein über den Verlust des Vaters, den sie so sehr liebten, darauf besteht die Mutter.

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