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Darmstädter Bildschätze : Wenn der Papst auf einem Eber sitzt

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Wichtige Persönlichkeiten der Reformation inklusive: Das Darmstädter Landesmuseum zeigt Bildschätze der Universitäts- und Landesbibliothek aus 450 Jahren.

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          Der Förderung von Kultur und Kunst liegen oft hehre Motive zu Grunde, manchmal aber auch sehr private. Als Georg II. von Hessen-Darmstadt 1644 beim Sohn des früheren hessisch-darmstädtischen Kanzlers Antonius Wolff von Todenwarth anfragte, ob er den „Thesaurus Picturarum“ erwerben könne, wollte er einfach nur seiner Frau Sophie Eleonore einen Wunsch erfüllen. Sie hatte Interesse an dem 33 Bände umfassenden „Schatz der Bilder“ gezeigt, bei dem es sich um eine Enzyklopädie der frühen Neuzeit handelte. Durch den Erwerb ordnete sich Georg II. in die Reihe jener Landgrafen und späteren Großherzöge von Hessen-Darmstadt ein, die den Grundstock legten für die Universitäts- und Landesbibliothek.

          Aus Anlass des Jubiläums der Bibliothek ist zusammen mit dem Landesmuseum die Ausstellung „Bildwerke des Wissens. Ein Querschnitt durch 450 Jahre Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt“ entstanden, die jetzt im Landesmuseum eröffnet wurde.

          Wichtige Persönlichkeiten der Reformation

          Thesaurus Picturarum ist das Werk des 1544 in Heidelberg geborenen und zum Calvinismus konvertierten Juristen Marcus zum Lamm. Er hat in seinen 33 Büchlein die Ereignisse seiner Zeit, die von den konfessionellen Konflikten nach der Reformation geprägt waren, in Wort und Bild festgehalten und damit ein „Format“ geschaffen, das nach den Worten der Leiterin der Graphischen Sammlung, Mechthild Haas, für Aufbau und Erweiterung der Darmstädter landgräflichen Bibliotheksbestände typisch bleiben sollte – die Verschränkung der „Macht des Wissens“ mit der „Macht der Bilder“.

          Lamm war bei der Auswahl seiner Themen und Motive nicht wählerisch. Er hat wichtige Persönlichkeiten der Reformation wie Luther dargestellt, immer wieder hielt er Schlachtszenen fest oder Motive öffentlichen Lebens: die Aufbahrung des unehelichen Sohnes von Kaiser KarlV., Ritter auf ihren Turnierpferden, Hinrichtungen, Schlittenfahrten oder jene „Ochsenbraterei“, die man 1562 in Frankfurt veranstaltete anlässlich der Wahl von Maximilian II. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Nicht wenige seiner Darstellung sind durch die Sichtweise des Calvinisten geprägt, der einem seiner Aquarelle den Titel gab „Eine Frau bringt die lutherische Lüge zur Welt“ oder der den Papst auf einem Eber sitzend karikiert in dem Moment, in dem er Klerikern einen Exkrementenhaufen übergibt mit versiegelten Papieren, auf denen „Ablass“ oder „Unrat“ steht.

          Dieser Schatz der Bilder war noch nie zusammenhängend in einer Ausstellung zu sehen und auch noch nie hingen einige der großformatigen, aber in den Büchlein einst zusammengefalteten Zeichnungen in voller Größe an der Wand. Das gilt auch für die „Vedute di Roma“ des Giovanni Battista Piranesi. Seine Stichwerke von Rom waren Bilddokumente der ewigen Stadt, die eine besondere Faszination auf jene Gebildeten ausübte, die nicht nach Italien reisen konnten. Auch dem jungen Darmstädter Landgraf Ludwig war eine „Grand tour“ nach Rom verwehrt, weshalb er 1790 die erkleckliche Summe von 450 Gulden aufwendete, um 106 Veduten Piranesis zu erwerben. Der Kaufpreis betrug damit mehr als das Dreifache eines Lehrergehalts, das damals bei etwa 135 Gulden lag.

          Erste Großdruckerei für Prägedrucke

          Dass der 3D-Druck seine geistigen Väter in Darmstadt hat, ist in jenem Raum zu sehen, in dem sich eine Reliefkarte der Gebrüder Bauerkeller befindet, welche die Topographie der „Schweiz und angrenzender Länder“ zeigt. Sie stammt von 1842 und stellt die erste Reliefkarte dar, die maschinell hergestellt wurde und nicht wie ihre Vorgänger in einem händischen Verfahren. Georg Michael und Georg Leonhart Bauerkeller stammten aus Wertheim am Main. In Paris gründeten sie die erste Großdruckerei für Prägedrucke. 1844 ließ sich Georg Leonhart Bauerkeller in Darmstadt nieder. Seine Firma „Bauerkeller‘s Prägeanstalt Jonghaus und Venator“ gab zwischen 1844 und 1848 Pläne, Karten, Atlanten und Kartenwerke im Relief heraus.

          Die Erfindung der „Geomontographie“ ermöglichte erstmals dreidimensionale Ansichten so zu produzieren, dass sie einer breiten Massen zur Verfügung gestellt werden konnten. Die Landgrafen von Hessen-Darmstadt und Großherzöge wie Ludewig I. sammelten und bewahrten also nicht nur das Wissen der Welt, sie demokratisierten es auch. Anders wie bei den Rom-Veduten, die in der landgräflichen Bibliothek landeten, handelte es sich bei der Erfindung der Gebrüder Bauerkeller um Reliefkarten, die eine „Wende des Wissens“ einleiteten, also Sammlungsgegenstände zum Lehr- und Anschauungsmaterial machte, was heute seine Fortsetzung in der Digitalisierung des Archivbestands der Landes- und Universitätsbibliothek findet. Zu deren Plänen gehört, den für das Internetzeitalter noch nicht aufbereiteten Schatz des Thesaurus Picturarum“ zu heben.

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