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Hessische Landwirtschaft : „Tierwohl gibt es nicht zum Nulltarif“

Hackordnung: Zurzeit werden Hühnern die Schnäbel gestutzt, damit sie sich nicht gegenseitig verletzen. In Zukunft sollen andere Möglichkeiten genutzt werden. Bild: Jonas Wresch

Legehennen und Kühen soll es bald bessergehen. Die Kosten der Einigung zwischen Politik und Landwirtschaft muss der Verbraucher tragen.

          3 Min.

          Spätestens vom Beginn des nächsten Jahres an sollen den Legehennen in hessischen Betrieben nicht mehr die Schnäbel gekürzt werden. Darauf hat Landwirtschaftsministerin Priska Hinz (Die Grünen) sich mit dem Landesverband der Geflügelwirtschaft geeinigt. Es ist das wichtigste Ergebnis von Beratungen, zu denen Hinz vor einem Jahr Vertreter des Tierschutzes und der Landwirtschaft an einen Runden Tisch geladen hatte.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Bei der Unterzeichnung der Vereinbarung berichtete Michael Herdt, Sprecher der Geflügelbranche, gestern in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Hinz, dass die größte deutsche Brüterei in Dieburg schon seit zwei Wochen auf das Schnabelkürzen verzichte. Das macht allerdings nur einen Bruchteil des gesamten hessischen Bestandes aus. Insgesamt leben in den Ställen mehr als eine Million Legehennen. Ihre natürliche Hauptbeschäftigung ist das Aufpicken von Nahrung. Doch damit sind sie angesichts der heutigen Fütterungsmethoden nicht mehr den ganzen Tag lang, sondern nur noch ein paar Minuten beschäftigt.

          „Kein Fleisch um jeden Preis“

          Der angeborene Pickzwang richtet sich deshalb vor allem in kleinen Ställen gegen Artgenossen. Um zu verhindern, dass Legehennen sich gegenseitig verletzen oder gar totpicken, werden die Schnäbel kupiert. Die Schmerzen, die man dem Tier damit zufügt, sind heute aufgrund von modernen Methoden nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit, stehen aber nach wie vor in der Kritik.

          Der nun vereinbarte Ausstieg aus dem Schnabelkürzen wirft die Frage auf, wie die Hühner davon abgehalten werden können, aufeinander loszugehen. Die Antwort des Runden Tisches: durch eine Umstellung der Haltung und eine intensivere Betreuung. Um die Geflügelbetriebe in Hessen dabei zu unterstützen, hat der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen mit einigen neu eingestellten Fachleuten ein Beratungskonzept entwickelt, das Betriebe kostenlos in Anspruch nehmen können.

          Den Preis sollen die Verbraucher zahlen. „Mehr Tierwohl gibt es nicht zum Nulltarif“, hieß es gestern unisono. Sowohl die Ministerin als auch Teilnehmer des Runden Tisches erklärten, dass größere Ställe, in denen die Hühner sich aus dem Wege gehen könnten, natürlich zusätzliche Kosten bedeuten würden. Wer hochwertige Produkte wolle, die ohne Tierquälerei hergestellt würden, müsse dafür auch mehr Geld zahlen. Die Verbraucher wollten „kein Fleisch um jeden Preis“ mehr, sondern seien inzwischen bereit, für gute Lebensbedingungen der Tiere an der Ladenkasse mehr zu bezahlen. Dies eröffne auch den Erzeugern neue Chancen im Wettbewerb.

          Handel setzt auf tiergerechte Haltung

          Das Ei werde künftig sicher zwei bis drei Cent mehr kosten, mutmaßte Herdt. Der nötige Aufschlag könne aber auch höher werden - wenn nämlich der Verzicht auf das Schnabelkürzen die Mortalitätsrate deutlich erhöhe. Niemand machte gestern einen Hehl daraus, dass das Totpicken in den Ställen zumindest vorübergehend wieder an der Tagesordnung sein werde. Betont wurde allerdings, dass man dem entgegenwirken werde - mit anderem Futter, Auslauf, Verdunkelung und Beschäftigungsmöglichkeiten.

          Es gehe nicht darum, wie das Stallmanagement für den Halter am einfachsten sei, sagte Hinz. Ziel sei es, unnötiges Leid zu vermeiden und für die Unversehrtheit der Tiere zu sorgen. Der Weg zu besseren Haltungsbedingungen sei unumkehrbar, denn nicht nur die Verbraucher, sondern auch der Handel setze zunehmend auf Produkte aus tiergerechter Haltung. Darum habe man beispielsweise auch eine freiwillige Vereinbarung mit der Landwirtschaft geschlossen, dass Kälber künftig nur noch dann enthornt werden sollen, wenn ihnen vorher Schmerz- und Beruhigungsmittel verabreicht wurden.

          Praxistaugliches Verfahren abgewartet

          Im Bundesrat habe Hessen außerdem eine Entschließung durchgesetzt, nach der es verboten sei, Rinder das ganze Jahr über im Stall angebunden zu halten. Allerdings sehe Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) keinen Bedarf zu handeln. In Hessen seien gegenwärtig rund 9000 Rinder, etwa fünf Prozent des gesamten Bestandes, ständig im Stall angebunden. Solche Haltungssysteme seien besonders belastend und einschränkend für die Tiere, betonte Hinz. „Sie widersprechen dem Tierwohl und stehen auch nicht für eine moderne Landwirtschaft.“

          Hinz berichtete, dass sie die Tötung männlicher Eintagsküken untersagt habe. Um mit dem Verbot vor Gericht nicht zu unterliegen, tritt es erst in Kraft, sobald es ein praxistaugliches Verfahren gibt, mit dem sich schon im Ei das Geschlecht des Embryos feststellen lasse. Wenn er männlich ist, wird das Ei sofort weggeworfen, anstatt später die Küken zu schreddern.

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