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Bauland in Bad Nauheim : Weniger Gräber, mehr bezahlbarer Wohnraum

Neue Nutzung: Das an den Friedhof in Nieder-Mörlen angrenzende Gelände soll bebaut werden. Bild: Marina Pepaj

Die Stadtverordneten bringen ein umstrittenes Bauprojekt in Bad Nauheim auf den Weg. Ein für die Erweiterung des Friedhofs gedachtes Areal wird zu Bauland.

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          Einst als Fläche zur Erweiterung des Friedhofs im Stadtteil Nieder-Mörlen vorgesehen, wird dieses Terrain dafür mittlerweile nicht mehr benötigt, weil die Ruhestätte, wie Berechnungen ergaben, ausreichend Kapazitäten hat. In Anbetracht des Mangels an günstigem Wohnraum in der Kurstadt sollen auf dem rund 1,7 Hektar großen Grünareal nun Häuser entstehen für Menschen, die anderswo in Bad Nauheim nicht zum Zuge kommen. Das Projekt ist freilich umstritten. In dem Stadtteil hat sich eine Initiative gegen eine Bebauung des Grüngeländes gebildet, und auch in der Politik gibt es dazu konträre Auffassungen.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          So fand sich in der Stadtverordnetenversammlung nur eine knappe Mehrheit für den Wohnungsbau. CDU, SPD und Grüne stimmten dafür, abgelehnt haben das Vorhaben Stadtverordnete von UWG und FDP wie im Übrigen auch der Ortsbeirat. Einen Zeitplan, wann dort gebaut wird, gibt es freilich noch nicht. Denn das Terrain ist noch nicht als Bauland ausgewiesen, es muss also zunächst einmal der Flächennutzungsplan entsprechend geändert werden. Realisieren soll das Ganze die städtische Wohnungsbaugesellschaft.

          Machbarkeitsstudie rät zu Veräußerung

          Den Anstoß zur Bebauung hatte die CDU gegeben, auf deren Antrag hin die Stadtverordnetenversammlung die Verwaltung beauftragte, eine Machbarkeitsstudie zu erstellen. Daraus geht hervor, dass auf dem Areal nördlich des Friedhofs bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden kann, wenn die Stadt die Grundstücke für Mehrfamilienhäuser mit 200 Euro pro Quadratmeter für rund die Hälfte weniger veräußert, als für diese Lage ansonsten an Preisen aufgerufen werden. In der von der Verwaltung bevorzugten Variante, der sich die Stadtverordnetenversammlung anschloss, könnte die Stadt unter dem Strich ein Plus von rund 1,6 Millionen Euro erzielen. Denn es stellte sich beispielsweise heraus, dass der Mischwasserkanal nicht verlegt werden muss, womit also beträchtliche Erschließungskosten entfielen.

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          Um die Kosten gering zu halten, soll auf den Bau von Tiefgaragen verzichtet werden, die Parkplätze könnten auch auf dem Gelände entstehen, heißt es. Der Studie zufolge könnten in der von der Stadtverordnetenversammlung befürworteten Variante insgesamt 55 Wohneinheiten auf dem an den Friedhof angrenzenden Gelände entstehen, wovon zehn Einfamilienhäuser konzipiert sind und 45 Mietwohnungen in Mehrfamilienhäusern, deren Höhe auf zwei Stockwerke mit Dachgeschoss begrenzt werden soll, was wegen des Ortsbildes als städtebaulich vertretbar bezeichnet wird. Wobei auch noch Platz für Grün zwischen den Häuserzeilen vorgesehen ist.

          In der Stadtverordnetendebatte warben Befürworter des Vorhabens damit, dass viele mit kleinerem Geldbeutel mit dem Anstieg der Mieten nicht mehr mithalten könnten. Gerade solche, die nicht so gut verdienen, hieß es etwa von der CDU, trügen aber als Angestellte in Kliniken, Praxen, in der Alten- und Kinderbetreuung wesentlich zum Image der Gesundheitsstadt bei. Auch sie müssten sich Wohnungen in Bad Nauheim leisten können. Die Politik stehe daher in der Verantwortung, mehr als bisher bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Auch die SPD ist der Ansicht, dass mehr als bislang alle Gesellschaftsschichten zu berücksichtigen seien, wenn es um die Ausweisung von Bauland gehe.

          Ziel: Gerechte Lebensverhältnisse

          In der Vergangenheit sei der Fokus zu stark auf den Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern gerichtet worden. Die Grünen äußerten zwar Verständnis für Protest, dass eine Grünfläche zu Bauland werde. In Anbetracht des Ziels, „gerechte Lebensverhältnisse“ zu schaffen, sei das aber akzeptabel, zumal es sich um maßvolle Verdichtung handele, die den Charakter des Ortes nicht beeinträchtige.

          Die Gegner artikulierten ihr Unverständnis, dass das Projekt gegen den offenkundigen Willen eines großen Teils der Bewohner von Nieder-Mörlen durchgesetzt werden solle. Die UWG machte geltend, dass der mit rund 5600 Einwohnern nach der Kernstadt größte Ortsteil Bad Nauheims in den zurückliegenden Jahren durch Neubaugebiete schon besonders stark gewachsen sei. Das müsse die Infrastruktur des Ortes erst einmal verkraften, vom Verkehr über Schul- und Kindergartenplätze bis zu Freizeitangeboten. Dem pflichteten die Freien Demokraten bei und hielten den Befürwortern vor, sie hätten sich früher, als noch mehr Bauland zur Verfügung stand, um bezahlbaren Wohnraum kümmern müssen.

          Zu den Gegnern der Pläne zählt nicht zuletzt Bürgermeister Klaus Kreß (parteilos). Die Subventionierung gehe zu Lasten anderer wichtiger Investitionen, gibt er zu bedenken. Vor allem aber, warnte der Rathauschef, wehrten sich nicht nur Anwohner gegen das Vorhaben, vielmehr werde es von einer Mehrheit in Nieder-Mörlen abgelehnt, die eine Überlastung ihres Ortes fürchten. Der soziale Friede in dem Stadtteil könne gefährdet werden.

          Tatsächlich ist es offenbar nicht nur die Nachbarschaft, die neue Häuser an dieser Stelle nicht will. Die Bürgerinitiative jedenfalls, deren wesentliche Argumente UWG, FDP und der Rathauschef teilen, hat nach eigenen Angaben schon im Vorfeld der politischen Entscheidung rund 1500 Unterschriften gegen die Bebauung des „Friedhofsparks“, wie sie das Areal nennt, gesammelt. Enttäuscht sei man besonders von den Grünen, die ökologisch wertvolles Terrain opfern wollten. Auch CDU und SPD zeigten keinen Respekt vor dem Bürgerwillen, sagte deren Sprecherin Anne Schneider. Wie es weitergehen soll, darüber will die Initiative noch beraten. Etwa, ob man ein Bürgerbegehren startet, wofür etwa 2500 Unterstützer erforderlich wären.

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