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Weltmusik : Aus dem karibischen Leben gegriffen

  • -Aktualisiert am

Stimmungsvoll: die kanadische Band Kobo Town im Palmengarten. Bild: Cunitz, Sebastian

Kobo Town spielt mit aktualisiertem Calypso zum diesjährigen Finale der Konzertreihe „Weltmusik im Palmengarten“ auf.

          Calypso galt auf Trinidad einst als Zeitung für das Volk, schreibt Drew Gonsalves im Begleitheft der CD „Jumbie In The Jukebox“. Auf diesem Weg kommentierten scharfzüngige Musiker Ereignisse, wirkten als Verstärker der öffentlichen Meinung und kritisierten die Regierenden. In einigen Stücken des zweiten Kobo-Town-Albums nimmt Gonsalves diese Tradition auf und bezieht seinerseits Stellung. Ironisch rechnet der Sänger, Gitarrist und Songschreiber ab mit Touristen auf der Suche nach pittoresken Slums, macht die Auswanderung der Inselbewohner nach Nordamerika und England zum Thema, lästert über die allgemeine Paranoia oder über Investment-Geld, das die Hauptstadt Port of Spain flutet. Manchmal sind die aus dem Leben gegriffenen Geschichten auch ernst, so wie das Schicksal eines Mannes, der unverschuldet sein Vermögen verlor und nun als Flaschensammler zu überleben sucht. Als er zum Zeitpunkt des Attentats auf Benazir Bhutto in Karachi war, sei ein „journalistischer“ Text entstanden, erzählt Gonsalves.

          Als Sohn eines kanadisch-karibischen Paares verbrachte Drew Gonsalves sechs Jahre seiner Jugend in Toronto. Heute flirtet sein Englisch mit kreolischem Zungenschlag, nähert sich in manchen Stücken auch dem Sprechgesang des jamaikanischen Raggamuffin. Künstlerisch ist das schlüssig; in den Moderationen zwischen den Stücken wirkt der Akzent hingegen etwas gewollt. Zumal Gonsalves bisweilen bewusst die Perspektive eines Auswärtigen einnimmt. Ungeachtet dessen liegt ihm offenbar daran, den Calypso zumindest textlich vom Image purer Unterhaltungsmusik zu befreien. Im Live-Repertoire finden sich manche Stücke aus den Fünfzigern oder Sechzigern, allerdings mit ihren originären Worten; zum Zweck des Erfolgs in den Vereinigten Staaten wurde der Text seinerzeit entschärft, sagt Gonsalves, die Songs damit ihrer provokanten Aussagen beraubt.

          Quintett zieht tanzende Zuschauer an

          2004 gründete Drew Gonsalves mit anderen in Kanada lebenden Musikern karibischen Ursprungs die Band Kobo Town. Die Arrangements ihrer besagten zweiten CD setzen sich bewusst von der Entwicklung des Calypso auf dessen Heimatinsel ab. Zudem vermeiden Gonsalves und der renommierte Produzent Ivan Duran aus Belize auch jene Pop-Trivialisierungen, die Trinidads Musik international erfolgreich machten. Neben diverser Perkussion und Schlagzeug setzen Posaune oder Trompete, Bassklarinette oder Keyboards, Chöre und einige Soundeffekte Akzente.

          Im Palmengarten steht Kobo Town als Quintett auf der Bühne, vor der sich bald immer mehr tanzende Zuschauer sammeln. Gonsalves spielt einige Male die hell klingende, an eine Ukulele erinnernde Cuatro, meist aber gängige Halbresonanz- und E-Gitarre wie Francesco Emmanuel. Selten erinnern ihre Motive an westafrikanische Skalen, häufiger liefern sie minimalistisch-rhythmische Motive. Befeuert von Daniel Crosbys versetzten Schlagzeug-Beats und Neil Charles’ coolem E-Bass, durchzieht ein mehr oder weniger deutlicher Reggae-Groove viele Songs.

          Wacklige Zukunft für die Konzertreihe

          Eine prägnante Rolle nimmt Posaunist Richard Henry ein. Die Phrasen des in London lebenden Jamaikaners wecken häufig Erinnerungen an Ska, in Soli tendiert Henry auch mal Richtung Jazz. Zuweilen abstrahiert er Gesangsmelodien von Gonsalves oder vereint sich mit der Gitarre zu Unisoni. Lediglich Francesco Emmanuel war auch bei der CD-Produktion dabei, dennoch agiert die Band routiniert, wenngleich ohne besondere Höhepunkte. Drew Gonsalves steht als Entertainer im Mittelpunkt, seine charmanten Moderationen bereichern das stil- und stimmungsvolle Programm von Kobo Town.

          Mit dem letzten Konzert von „Weltmusik im Palmengarten“ endet die vom Mousonturm organisierte Konzertserie „Summer in the City“ 2013. Nachdem das Kulturdezernat bereits angedroht hat, zukünftig den Zuschuss von 20000 Euro für die verdienstvolle Reihe zu streichen, steht nun die politische Diskussion über das populäre Sommerprogramm an. Der Verein „Freunde und Förderer des Mousonturms“ hat in den vergangenen Wochen mehr als 5000 Unterschriften für den Erhalt der insgesamt zehn Konzerte von „Jazz im Museum“ und „Weltmusik im Palmengarten“ gesammelt. Nicht nur der kulturpolitische Sprecher der Grünen, Sebastian Popp, wirft die Frage auf, wie sinnvoll es ist, solche besonderen Angebote mit überregionaler Ausstrahlung existentiell zu gefährden, um dadurch vergleichsweise kleine Beträge zu sparen. Das Ende von „Summer in the City“ wäre zweifellos ein herber Verlust für die Stadt, die zu Recht gerne auf ihre Geschichte als Jazz-Metropole verweist.

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