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Indigene Kunst in Frankfurt : Riten und Mythen aus Kanada

Perspektiven aus British Columbia: Maske von Tom Hunt Bild: Wolfgang Günzel

Das Weltkulturen-Museum in Frankfurt gibt der Urbevölkerung Kanadas eine Stimme. Ein Film und eine Ausstellung zeigen die indigene Kultur des fernen Landes.

          3 Min.

          Aus einer geplanten Ausstellung mit neuen Werken von zwei Künstlerinnen und einem Künstler, die der Urbevölkerung von British Columbia angehören, ist ein Film geworden. Und eine Kabinettschau, in der Objekte aus dem Bestand des Frankfurter Weltkulturen-Museums zu sehen sind. Wobei die dort versammelten Dinge als Objekte zu bezeichnen, wie wir erfahren können, den vom okzidentalen Rationalismus geprägten Blick verrät. Und damit auch von den musealen Ordnungskriterien des Westens zeugt. Wo es sich doch um „belongings“ handelt, wie Meghann O’Brien, die sowohl irische als auch indianische Wurzeln hat, sagt.

          Michael Hierholzer
          (zer.), Rhein-Main-Zeitung

          Sie und die beiden anderen First-Nation-Kulturträger, die wir in dem Film von Diana Hellson kennenlernen, haben allerdings ein durchaus ambivalentes Verhältnis zur Musealisierung von Gegenständen, die im Leben ihrer Stämme traditionsgemäß bedeutende Rollen bei Riten und Zeremonien, aber auch im Alltag spielen. Zu Schaustücken geworden, entbehren sie des vitalen Zusammenhangs. Aber die Ausstellungshäuser bewahren sie auch, retteten sie oft vor Zerstörung und Verlust, ermöglichen es häufig allererst wieder, sich die Vergangenheit, die Überlieferung, die alten Sitten und Gebräuche neu anzueignen.

          Die indigene Kultur Kanadas porträtieren

          So war Meghann O’Brien überrascht, beglückt und befremdet zugleich, als sie eines Tages einen von ihrer Großmutter verfertigten Korb in einem Museum sah. Sie selbst begann Körbe zu flechten und später Textilien zu weben. Mit ihren Arbeiten ist sie nun ihrerseits in Museen und Galerien vertreten. Und hätte auch in Frankfurt ihre Kunst vorgestellt, wenn nicht Corona dazwischengekommen wäre. Reisen waren nicht möglich. Ein persönlicher Austausch fand nicht statt. Also beschlossen die Verantwortlichen am Weltkulturen-Museum, einen Film in Auftrag zu geben, der die für die Ausstellung vorgesehenen Vertreter der indigenen Kultur Kanadas porträtiert. Innerhalb von zwei Tagen war die Filmemacherin gefunden. Sie gehört der Siksika Nation an.

          Matte: Gefertigt vom Volk der Haida
          Matte: Gefertigt vom Volk der Haida : Bild: Wolfgang Günzel

          Zwar ist der Ehrengast-Auftritt Kanadas auf der Frankfurter Buchmesse auf nächstes Jahr vertagt. Aber ein paar Veranstaltungen aus dem umfangreichen Programm lassen sich nun doch schon in diesem Herbst erleben. Die größte Medienschau der Welt wird zwar zum Großteil in den virtuellen Raum verlagert, aber in der Stadt finden auch diverse Lesungen und andere Ereignisse mit real anwesendem Publikum und physisch präsenten Autoren statt. Auch „Let Them Speak! Kommentare aus British Columbia, Kanada“ bildet nun im Kleinen ab, was die Buchmesse 2020 im Ganzen ist: ein hybrides Format. Der Film ist nicht nur vom 7. bis 21. Oktober im Weltkulturen-Museum am Sachsenhäuser Schaumainkai zu sehen, sondern auch im Netz, wo ein Link auf der Website des Ausstellungshauses zu ihm führt. In Telefoninterviews, die in die Porträts integriert sind, werden auch Exponate aus der Schau kommentiert.

          Schon länger im Haus ist eine Maske, die Tom D. Hunt Mitte der neunziger Jahre während eines Frankfurt-Aufenthalts geschaffen hat. Wie O’Brien gehört er der Kwakwaka’wakw-Nation an. Er ist der unangefochtene Meister der Holzschnitzkunst, die ihn schon als Junge sein Vater lehrte. Sie ist verbunden mit dem Potlatsch, dem Fest, bei dem Geschenke rituell ausgetauscht und dadurch die hierarchischen Verhältnisse zum Ausdruck gebracht wurden. Hunt stellt in dem Film fest, dass er nun mit 55 Jahren selbst ein „Ältester“ ist und dafür verantwortlich, dass die Traditionen weitergetragen werden. Er stellt keine Kunst im westlichen Sinn des Wortes her, seine Totempfähle, architektonischen Gebilde, filigranen Holzarbeiten sind allesamt Teil einer mythischen, rituellen, religiösen Praxis.

          An Traditionen anknüpfen

          Der Potlatsch war jahrzehntelang verboten, bis in die fünfziger Jahre hinein, sogar später noch wurden viele Kinder aus der indigenen Bevölkerung in Internate gesteckt, wo sie ihre Stammessprachen verlernten. Auch von derlei Erfahrungen handeln der Film und auf vermittelte Weise auch die ihn begleitende kleine Schau. In der wir freilich auch staunen über eine sogenannte Chilikat-Decke, in der Chiffren womöglich nicht nur von spirituellen Phänomenen, sondern auch von Landbesitzansprüchen handeln.

          Mit Christie Lee Charles von der Musqueam-Nation aus Vancouver begegnet uns im Film aber auch eine Rap-Musikerin, die zeitgenössische Klänge und moderne Formen der Poesie mit den Erzählungen ihrer Vorfahren verbindet. Die orale Tradition mag abgebrochen sein. Aber es gibt erfolgreiche Versuche, wieder an sie anzuknüpfen.

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