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Weltkulturen-Museums Frankfurt : „Statisten auf der Bühne der Museumsleiterin“

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Die Vorwürfe gegen sie haben sich als haltlos erwiesen: Clémentine Deliss, frühere Direktorin des Frankfurter Museums der Weltkulturen Bild: Anna Jockisch

Die Gründe für die Kündigung der Direktorin des Weltkulturen-Museums, Clémentine Deliss, haben sich in Luft aufgelöst. Und die Stadt hat sich ordentlich blamiert.

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          Als Clémentine Deliss 2010 den Posten als Direktorin des Weltkulturen-Museums antrat, waren die Pläne für einen Erweiterungsbau wieder einmal weit gediehen. Die Frankfurter ethnologische Sammlung, einer der weltweit bedeutendsten völkerkundlichen Objektbestände, sollte schon öfter eine neue Bleibe bekommen. Seit Jahrzehnten leidet das ehemals Völkerkundemuseum genannte Haus unter Platzmangel, es kann die zum Teil ausladenden Sammlungsstücke nicht angemessen präsentieren.

          Wie schon einmal vor etwa 25 Jahren hatte es auch im Fall der jüngsten Absage an eine Erweiterung der Ausstellungsfläche schon einen Architektenwettbewerb gegeben, aus dem ein Siegerentwurf hervorgegangen war. Der vorgesehene Ort für das neue Gebäude im Sachsenhäuser Museumspark hinter den drei vom Weltkulturen-Museum genutzten Villen wurde zur Austragungsstätte heftiger Konflikte zwischen Baumschützern und um ihre Ruhe besorgten Anwohner einerseits sowie den städtischen Verantwortlichen samt Museumsleitung andererseits. Schließlich wurde das Unternehmen abgebrochen, weil die Baukosten in Zeiten knappen öffentlichen Geldes der Politik zu hoch schienen.

          Kaum Rückhalt vom Kulturdezernat

          Aber nicht nur die in eine unbestimmte Zukunft gerückte Aussicht auf eine Vergrößerung des Museums machte der neuen Leiterin zu schaffen. Sie stand auch relativ allein da mit ihrem Ansatz, zeitgenössische Künstler Werke aus dem Depot aussuchen zu lassen und sie aufzufordern, sich mit ihnen ästhetisch auseinanderzusetzen. Die Meinungsverschiedenheiten mit altgedienten Mitarbeiterinnen nahmen zu, weil sich diese nicht damit anfreunden wollten, dass die ethnologischen Gegenstände Teil moderner Kunstinszenierungen wurden. Sie fühlten sich „wie Statisten auf der Bühne von Frau Deliss“, äußerten sie immer wieder.

          Die Situation war zermürbend, der Rückhalt von seiten des Kulturdezernats gering, wo Zweifel an der Eignung der Direktorin unverhohlen geäußert wurden. Deliss bat um einen Auflösungsvertrag. Eine Diskussion im Historischen Museum zur Zukunft der Weltkulturen in Frankfurt Ende November vorigen Jahres geriet zum Tribunal über ihre Arbeit. Mehr oder weniger offen kritisierten die Beteiligten auf dem Podium ihr Konzept einer künstlerischen Perspektive auf die Artefakte der ethnologischen Sammlung. Doch zu diesem Zeitpunkt war die in vielerlei Wissenschaften heimische und als Kuratorin tätige Weltbürgerin schon längere Zeit nicht mehr Leiterin des Hauses: Am 22. Mai war ihr fristlos gekündigt worden.

          Die Gründe der Stadt für die Kündigung

          Deliss tauchte ab. Über die Gründe für den drastischen Schritt der Stadt wurde viel spekuliert. So viel immerhin drang an die Öffentlichkeit: Die Direktorin habe eigene Bücher an das Haus verkaufen und sich daran bereichern wollen. Zugleich aber verbreitete sich auch das Gerücht, sie sei das Opfer einer Intrige geworden. Bei einem Termin vor dem Frankfurter Arbeitsgericht am Mittwoch lösten sich die Gründe für die Kündigung nun in Luft auf. In einer gemeinsamen Erklärung von Deliss, die gegen ihre Entlassung geklagt hatte, und der Stadt ist von einem „Missverständnis über die Amtsführung von Frau Deliss“ die Rede. Gründe für eine Kündigung, räumte die Stadt ein, lagen nicht vor. Nach Auskunft ihrer Rechtsanwälte ist die frühere Museumsleiterin damit voll rehabilitiert. Sie erhält eine Abfindung in Höhe von 125 000 Euro und das seit Juni 2015 vorenthaltene Gehalt.

          Der Auflösungsvertrag lag schon unterschriftsreif vor, als Clémentine Deliss elf Ausgaben einer von ihr selbst herausgegebenen Schriftenreihe und weitere vier eigene Bücher an die Bibliothek des Museums verkaufen wollte. Es ging um eine Summe von etwa 2300 Euro. Deliss unterschrieb ein Formular, in dem sie die Mittel anforderte, nachdem eine Mitarbeiterin ihr dies als den formal richtigen Weg geschildert hatte. Die Stadt sah darin einen In-sich-Vertrag, also einen unzulässigen Vertrag, den Deliss mit sich selbst geschlossen habe, und sprach die fristlose Kündigung aus. Das Gericht aber stellte fest, dass es sich nur um ein Angebot an die Stadt gehandelt habe, die Bücher zu kaufen. Damit sei noch kein Vertrag geschlossen worden. Ferner ging es darum, ob Deliss dem Museum etwas verkaufen wollte, was es gar nicht brauchte, und ob der Preis überhöht gewesen sei. Die Frage erübrigte sich, weil das Konvolut mittlerweile zu einem etwas höheren Preis, für 2400 Euro, von einer britischen Universität erworben wurde. Das Gericht stellte fest, Deliss habe in keiner Weise „getrickst“.

          Treibende Kraft bei der Kündigung war offenbar das Personal- und Organisationsamt. Politisch verantwortlich ist Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) in seiner Eigenschaft als Sozialdezernent. Aber weder er noch Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) oder überhaupt ein Vertreter der Stadt haben jemals versucht, die Sache in einem persönlichen Gespräch mit Clémentine Deliss zu klären. Sie ist zu keinem Zeitpunkt angehört worden.

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