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Welterbe : Die vier Macher von der Mathildenhöhe

  • -Aktualisiert am

Ihre Arbeitsgebiete haben mit der Liebe zum potentiellen Welterbe zu tun: Christiane Geelhaar, Nikolaus Heiss, Renate Hoffmann und Mona Sauer (von links nach rechts). Bild: Kretzer, Michael

Ein kleines Team um den ehemaligen Denkmalpfleger Heiss bereitet Darmstadts Welterbe-Bewerbung vor.

          3 Min.

          Es sind keine 95 Thesen wie einst bei Luther, sondern nur vier. Und Christiane Geelhaar, Nikolaus Heiss, Renate Charlotte Hoffmann und Mona Sauer müssen die zweite Seiten Papier auch nicht an eine Tür nageln, sondern nur bis August an die Konferenz der Kultusminister übermitteln. Gleichwohl, der Text zur Begründung der Welterbefähigkeit, an der das Team um den früheren städtischen Denkmalpfleger Heiss feilt, könnte für die Stadt Darmstadt einmal eine große historische Bedeutung erhalten, wenn vielleicht auch nicht ganz so groß wie das erste Dokument des Protestantismus für Deutschland. Dazu müsste die Unesco aber der Mathildenhöhe und der Künstlerkolonie tatsächlich den Status eines Weltkulturerbes verleihen.

          Darmstadt als Welterbe, das wäre kulturpolitisch ein Riesensprung. Sollte er gelingen, hätte die Stadt ihn zu einem gewichtigen Teil dem kleinen Team zu verdanken, das seit 2008 auf das Ziel hinarbeitet. Damals wurde Heiss von Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) zum „Koordinator Mathildenhöhe“ ernannt. Im städtischen Denkmalbeirat suchte und fand er Mitstreiterinnen, die seitdem mit ihm das Projekt „Mathildenhöhe - Weltkulturerbe“ betreiben. Der erste große Schritt Richtung Paris, wo die Kulturorganisation der Vereinten Nationen sitzt, ist inzwischen getan: Anfang des Monats stellte die Stadt das Gutachten des Schweizer Kunsthistorikers Werner Oechslin vor, er bescheinigt der Mathildenhöhe Welterbefähigkeit.

          Vereinte Fachkompetenz sorgt sich um die Mathildenhöhe

          Es ist eine überaus kompetente Mannschaft: Heiss als langjähriger Denkmalpfleger, der die Koordination inzwischen als Ruheständler betreibt; die Kunsthistorikerin und Vergolderin Hoffmann, die selbst in einem Jugendstilhaus von Joseph Maria Olbrich lebt; Sauer als Diplom-Ingenieurin Architektur, die schon seit Jahren Darmstadts Denkmalschutz bei unterschiedlichen Studien zuarbeitet, und die Architektin Geelhaar, die als Leiterin der Planungsabteilung im Hochbauamt der Stadt von 1974 bis 2004 die Mathildenhöhe als exquisites Arbeitsfeld zu betreuen hatte.

          Die vier haben schon die vor einigen Jahren beschlossene „Rahmenkonzeption Mathildenhöhe“ federführend erarbeitet und sind seit zwei Jahren dabei, eine Datenbank zu Darmstadts Musenhügel zu erstellen. Rahmenkonzeption, Gutachten, Datenbank - alles das könnte schon bald zu den wichtigen Bewerbungsunterlagen für die Unesco zählen, wenn die Kultusministerkonferenz im August Darmstadt auf die zu aktualisierende nationale Aufnahmeliste setzen sollte, die sogenannte Tentativliste.

          „Das ist eine wahnsinnige Konzentration“

          Der August wird also ein spannender Monat für Darmstadt - und auch für die Stadt Wiesbaden, die als zweite hessische Anmeldung ins Rennen geht. Vorschläge dürfen alle Bundesländer für die Tentativliste machen, für die ein normiertes Verfahren gilt. Der Nachweis für die vier zentralen Darmstädter Thesen ist danach auf nur zwei Seiten zu erbringen: die Mathildenhöhe besitze einen außergewöhnlichen universellen Wert, Authentizität, Integrität und steche im Vergleich zu anderen Jugendstil-Städten hervor. „Das ist eine wahnsinnige Konzentration“, sagt Sauer. Jeder Satz, jedes Wort müsse stimmen. Fachlich unterstützt wird das Team bei der Kunst der prägnanten Formulierung von Jennifer Verhoeven. Die Mitarbeiterin des Landesamtes für Denkmalpflege leitet seit 2007 die Stabsstelle „Welterbe-Fragen“ und hat die Unesco-Bewerbung Kassels mit vorbereitet. Außerdem werden noch Experten des Internationalen Rats für Denkmalpflege auf Darmstadts Welterbe-Bewerbung einen Blick werfen, bevor sie abgeschickt wird.

          Welterbe-Kandidaturen können sich im günstigen Fall, das hat Kassel gezeigt, zu Bürgerbewegungen entwickeln. Öffentlichkeitsarbeit hat für das Team daher eine große Relevanz. Nicht nur die Datenbank, die aus etwa 60 Einzeltiteln bestehen wird, soll noch dieses Jahr freigeschaltet werden und öffentlich zugänglich sein. Es sind auch Informationsveranstaltungen geplant, so etwa im Sommer zu den Erfahrungen der Welterbestätte Lorsch und der Stadt Kassel. Außer an deren Vorbereitungen arbeitet das Team an der Erstellung eines Managementplans für die Mathildenhöhe als Fortschreibung der Rahmenkonzeption und an einem Monitoring-Plan. Solch ein System zum Schutz von Baudenkmälern, etwa im Winter, verlangt die Unesco, weshalb Heiss schon Entwürfe von hölzernen Einhausungen hat, die aussehen wie Dixi-Häuschen im Jugendstil.

          Finanziert wird die Arbeit des Teams von der Merck’schen Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst. Für die Stadt ist die Organisation der Welterbe-Bewerbung also eine preiswerte Angelegenheit. Zumal Heiss und seine Mitstreiter talentierte Spendensammler sind. Gut 200.000 Euro haben sie zusammengebettelt, etwa für die Sanierung der Hoetger-Plastiken. Aktuell suchen sie nach Spendern für ihre Datenbank. Während Geld fehlt, mangelt es nicht an Leidenschaft. Sollten die Kultusminister im August anders entscheiden, würden die vier ihr Engagement nicht bereuen. „Allein indem wir für die Bewerbung gearbeitet haben, hat sich das öffentliche Bewusstsein verändert“, sagt Hoffmann. Sauer verweist auf die Datenbank, die nicht an den Welterbe-Status geknüpft sei. Geelhaar wiederum blickt angesichts des schon Erreichten zufrieden zurück. Als sie 1974 bei der Stadt anfing, habe die Mathildenhöhe kaum eine Rolle gespielt: „Das Ausstellungsgebäude war damals die Mehrzweckhalle der Stadt.“

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