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Welt-Fleischwirtschaftsmesse : „Wiener is coming“

Plastikschweine: Bei der IFFA ist kaum echtes Fleisch zu sehen. Bild: dpa

Bei der Welt-Fleischwirtschaftsmesse IFFA in Frankfurt ist zu sehen, wie sich die Branche radikal erneuert. Denn Fleisch wird in den vier Messehallen kaum ausgestellt. Bis auf einige Ausnahmen.

          Der Serienhit „Game of Thrones“ ist bei den Metzgern angekommen. „Wiener is coming“ wirbt ein Maschinenhersteller mit einem Plakat für eine neue Portioniermaschine, die Wurst verarbeiten kann, die zu 70 Prozent gefroren ist. „Winter is coming“ ist eine häufige Redewendung in der derzeit erfolgreichsten Fernsehserie der Welt.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Branche ist dabei, sich zu modernisieren, das zeigt nicht nur das Werbeplakat auf der alle drei Jahre stattfindenden IFFA, der Weltleitmesse der Fleischproduzenten, zu der bis Donnerstag mehr als 60.000 Fachbesucher erwartet werden. Fleisch bekommen sie dabei kaum zu sehen, in den vier Hallen geht es nahezu klinisch rein zu. Überall stehen Produktionsmaschinen, Mixer, Förderbänder, Messmaschinen und Roboter, die Arbeit simulieren. Statt echter Wurst bewegen sie Attrappen oder greifen einfach ins Leere. Das Fleisch müssen sich die Besucher dann dazudenken.

          Unter Kostendruck

          Die wollen sich ohnehin über anderes informieren. Digitalisierung, Energieeffizienz, Machine-Learning, Industrie 4.0 – mit solchen und anderen Schlagworten der Moderne haben die mehr als 1000 Aussteller aus 49 Ländern ihre Stände beschriftet.

          Einer ist Oliver Mächold, Geschäftsführer des Unternehmens Muth Partners aus Wiesbaden. Eigentlich kommt er aus der Finanzbranche, für sie hatte er eine Software namens „Q-Chess Mobile“ entwickelt, mit der sich EU-Subventionen nachverfolgen lassen. Das Programm bietet er nun aber auch Lebensmittelproduzenten an. Mit ihm, wirbt Mächold, könne der Hersteller die strengen Dokumentationspflichten digital erfüllen, die garantieren sollen, dass das Fleisch hygienisch hergestellt wurde. „Bislang machen das die meisten noch mit Formularen, da fallen dann 100 Blatt Papier pro Tag an.“ Dabei würden die Auflagen immer strenger und komplizierter. Zudem steht die Branche unter Kostendruck: Die Löhne steigen, die Digitalisierung erfordert höhere Investitionen, zugleich sind aber gerade die Deutschen tatsächlich kaum bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben.

          „Das will doch keiner mehr machen“

          Eine Halle weiter zeigt der Frankfurter Verband der Maschinen- und Anlagenbauer, wie er sich die Zukunft der Branche vorstellt. Forscher des Fraunhofer-Instituts zeigen dort zum Beispiel einen rasenmähergroßen Roboter, der künftig die Produktionsmaschinen säubern soll. Noch, sagt Entwickler Roman Murcek, würden die Fabriken durch unzählige Putzkräfte gereinigt. Doch das könnten sich die Unternehmen zunehmend seltener leisten. „Leiharbeit, Nachtschichten und niedrige Löhne, das will doch keiner mehr machen“, sagt Murcek. Der Fachkräftemangel erreicht die Putzräume. Digitalisierung und Automatisierung seien die Zukunft. „Viele Unternehmen stehen da aber noch ganz am Anfang.“ Viele Produktionsmaschinen seien in ihrer Konstruktion vergleichsweise veraltet, sie hätten offene Fugen, Spalten und rauhe Oberflächen, die schwieriger zu reinigen seien. Die Getränkeindustrie und die Pharmabranche seien da deutlich weiter, sagt Murcek. Bis die Roboter die Putzräume übernehmen, wird es aber dauern. Das auf der Messe gezeigte Reinigungsgefährt ist nur eine Konzeptstudie.

          Sogar die eher traditionsbewussten Fleischerhandwerker in Halle 12 sprechen über Modernisierung. In einer Vitrine hat die Fachschule Heyne aus Weiterstadt Dutzende kleine Canapés ausgestellt, die eher an Patisserie erinnern als an Wurstplatte. Zubereitet wurden sie auch nicht von Fleischern, sondern von „Traiteurs“, Feinkost-Fleischern sozusagen, wie Fachzentrumsleiterin Britta Sickenberger erläutert. Seit wenigen Monaten bietet die Schule überdies den Abschluss „Fleisch-Sommelier“ an. „Die Anforderungen an die Fleischer von heute sind stark gewachsen“, sagt die Ausbilderin. Nun gehe es auch um den richtigen Genuss, um Essenskunst und nachhaltige Produktion. Fleischer müssten nicht nur Wurstsorten unterscheiden können, sondern sich mit Personalverwaltung auskennen, Buchhaltungssoftware beherrschen und in sozialen Netzwerken werben können. „Das ist eben alles nicht mehr wie früher.“

          Na ja, fast. Gleich nebenan haben die Veranstalter einen richtigen Fleisch-Imbiss aufgebaut. Auf der Karte dieser „Trendfleischerei“ stehen allerdings alte Bekannte: Frikadellen, Schweineschnitzel und Frankfurter Rindswurst.

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