https://www.faz.net/-gzg-7gnf1

Wella-Erben Ströher : Die verschwiegenen Suhrkamp-Retter aus Darmstadt

  • -Aktualisiert am

Bunte Insolvenz: Der Suhrkamp-Verlag bekommt Unterstützung von den Erben der Firma Wella aus Darmstadt. Bild: Marcus Hoehn/laif

Die Erben der Firma Wella unterstützen den insolventen Verlag, denn Leidenschaft für die Kultur gehört zur Familientradition.

          3 Min.

          Fast könnte man es als Ironie der Geschichte verstehen, dass ausgerechnet die in Darmstadt ansässigen Wella-Erben Sylvia und Ulrich Ströher Suhrkamp zur Seite springen. Hatte der Verlag nicht Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet vor wenigen Jahren schnöde den Rücken gekehrt, um sein Glück in Berlin zu suchen? Nun lässt er die in diesem Monat fälligen Autorenhonorare über die SAF GmbH begleichen, eine Gesellschaft, die das Ehepaar Ströher zur Suhrkamp-Rettung eigens ins Leben gerufen hat. Die Hilfe für den insolventen Hauptstadt-Verlag naht also aus der anscheinend immer noch fruchtbaren Rhein-Main-Region.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Das Interesse der Ströher-Familie an dem Traditionshaus Suhrkamp verwundert zumindest ältere Darmstädter nicht. Seit Karl Ströher die „Haartüllfabrikation“ seines Vaters Franz übernommen und 1950 die Wella AG mit Hauptsitz in Darmstadt begründet hatte, spielten Kunst und Kultur bei ihm und in seiner weitverzweigten Familie eine dominante Rolle. Der erfolgreiche Kosmetikfabrikant wurde als leidenschaftlicher Kunstliebhaber und -sammler zwar nicht so bekannt wie mit seinen Wella-Produkten. Unter Kunstkennern erregte er mit seiner riesigen Pop-Art-Sammlung aber gleichwohl in ganz Europa Aufsehen. Als er 1970 einen Teil seiner Kunst per Leihvertrag dem Hessischen Landesmuseum in Darmstadt überließ, wurde dies als Großereignis gefeiert.

          Ströhers kunstinteressierte Enkel

          Leider kam es nach dem Tod Karl Ströhers zu keinem Happy End. Trotz des eigens errichteten Anbaus an das Landesmuseum wurde die Ströher-Sammlung 1981 zurückgezogen, ein Bruchteil an die Stadt Frankfurt verkauft und der größere Teil von den Erben auf internationalen Auktionen veräußert. Nur der „Beuys-Block“ und rund 100 grafische Skizzen verblieben in Darmstadt.

          Sylvia Ströher ist eine Enkelin des Wella-Gründers Franz Ströher. Mit rund 25 Prozent war sie die größte Einzelaktionärin des Wella-Konzerns, dessen Stammaktien zu 78 Prozent in den Händen der Ströher-Familie lagen - bis zum Verkauf des Unternehmens an den amerikanischen Mischkonzern Procter&Gamble im Jahr 2003. Der Erlös von 3,2 Milliarden Euro wurde damals unter den ehemaligen Eigentümerfamilien aufgeteilt, die ihre Interessen firmenintern über den Wella-Beirat vertreten hatten. In ihm saßen zeitweilig auch Ulrich Ströher, der Ehemann von Sylvia Ströher, und Hans-Joachim Sander, der Ehemann der Wella-Erbin Gisa Sander. Auch Ulrike Crespo, die in Frankfurt lebt und mit ihrer Stiftung soziale und kulturelle Projekte fördert, ist eine kunstsinnige Enkelin von Karl Ströher.

          Mannigfaltige Investition

          Das Ehepaar Ströher investiert über seine Vermögensgesellschaft Ströher Family Office (SFO GmbH) in Finanzanlagen, Immobilien und Unternehmensbeteiligungen. Ähnlich wie bei Karl Ströher gilt die Leidenschaft von Sylvia Ströher aber der Kunst. Mit ihrem Mann besitzt sie eine umfassende Sammlung unter anderem von Werken von Anselm Kiefer, Georg Baselitz und Jörg Immendorf. 2005 wurde diese um die 700 Werke umfassende Sammlung von Hans Grothe ergänzt.

          Kürzlich hat sich das Ehepaar bei dem traditionsreichen Hamburger Unternehmen von Ehren eingekauft und Anteile - angeblich mehr als 50 Prozent - an dem 1865 gegründeten Gartenbetrieb erworben. In Darmstadt tauchte der Name Ströher vor wenigen Tagen im Zusammenhang mit dem Wella-Firmenareal an der Berliner Allee auf. Da Procter&Gamble den Traditionsstandort bis 2015 aufgibt, hat die SFO GmbH das zum Verkauf stehende fast 60000 Quadratmeter große Areal erworben und der Stadt den Komplex als neuen Sitz für die Verwaltung angeboten. Nach kurzer Prüfung lehnte Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) das Angebot für ein neues Rathaus jedoch ab.

          „Verrat“ an Darmstadt

          Die Ströher-Nachkommen galten schon immer als recht öffentlichkeitsscheu, von Sylvia etwa gibt es weder im Internet noch bei Nachrichtenagenturen Fotografien. Mit dem Verkauf von Wella und dem Streit um den Verbleib der Karl-Ströher-Kunstsammlung hat sich das Bedürfnis nach Diskretion noch verstärkt. Nicht wenige Darmstädter warfen der Eigentümerfamilie vor, aus Geldgier das gut florierende Unternehmen verkauft, Arbeitsplätze vernichtet und damit ihre Heimatstadt „verraten“ zu haben.

          Diese Aversionen wirken bis heute nach, wie sich bei dem Projekt des Sander-Museums gezeigt hat. Wie berichtet, hatten Gisa und Hans-Joachim Sander, die in Darmstadt schon eine Galerie unterhalten, 2010 ein Grundstück auf der Mathildenhöhe in Erbpacht erworben, um dort ein Stifter-Museum zu bauen. Dagegen gründete sich eine Bürgerinitiative, deren Druck auf die Politik schließlich so groß wurde, dass das Vorhaben rückabgewickelt werden musste. Die Heftigkeit dieser sich über zwei Jahre hinziehenden Kontroverse war ohne die Wella-Historie kaum zu begreifen.

          Enkel unterstützen Darmstädter Kunsthalle

          Inzwischen ist der Konflikt beigelegt. Die Sanders erwarben für ihr Museum mitten in Darmstadts Innenstadt ein Gebäude. Aller Voraussicht nach wird sich das Ehepaar in alter Ströher-Tradition finanziell auch an der Sanierung und Modernisierung der Kunsthalle beteiligen. Wie der scheidende Direktor der Kunsthalle, Peter Joch, gestern mitteilte, hat Sander sich zu einem bürgerschaftlichen Engagement bereit erklärt unter der Voraussetzung, dass die Stadt sich federführend an der Sanierung der Kunsthalle beteiligt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Meghan und Harry bei Oprah : Sie zünden die Bombe

          Meghan Markle und Prinz Harry setzen ihre Trennung vom britischen Königshaus groß in Szene. Das Interview mit Oprah Winfrey ist der Gipfel. Ein Royals-Experte befürchtet schon einen „Atomschlag“ gegen die Windsors.
          Bremen: Heimat der Stadtmusikanten und Sitz der  Greensill Bank.

          Das Greensill-Drama : Zinswetten auf Kosten aller

          Internetportale wie Weltsparen haben das Geld ihrer Kunden an die angeschlagene Greensill Bank vermittelt. Nutzen sie die Einlagensicherung für ihre Zwecke aus?
          Zielen auf den eigenen Kommandeur: KSK-Soldaten, die den Verlust von „Stolz und Ehre“ beklagen

          KSK-Kommandeur Kreitmayr : Der General im Feuer

          Markus Kreitmayr kommandiert und reformiert das KSK der Bundeswehr. Manche loben ihn, andere äußern anonym ihre Wut über den Brigadegeneral.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.