https://www.faz.net/-gzg-9rexz

Karl May Ausstellung in Mainz : Von Apachen und Mainzer Polizisten

  • -Aktualisiert am

Transatlantisch: Der Band wurde später als „die Pyramide des Sonnengottes“ bekannt und verfilmt. Bild: Michael Kretzer

Eine Ausstellung im Mainzer Rathaus widmet sich Karl May und seiner Verbindung nach Rheinhessen. Der Schriftsteller hat eine besondere Beziehung zu der Region gehabt.

          2 Min.

          Eine Karl-May-Ausstellung im Mainzer Rathaus? Weil der sächsische Schriftsteller, der geistige Vater von Winnetou und Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar eine besondere Beziehung zur Stadt und zu Rheinhessen gehabt haben soll? Das klingt beim ersten Hören so sehr an den Haaren herbeigezogen wie die Perücke des skalpierten Sam „Wenn ich mich nicht irre“ Hawkens – stimmt aber in zweierlei Hinsicht.

          Zum einen hat May seinen rund 3000 Seiten umfassenden Kolportageroman „Waldröschen“ zum Teil in einem fiktiven Ort namens Rheinswalden nahe der heutigen rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt angesiedelt. Zum anderen gehörten der ehemalige Mainzer Oberbürgermeister Karl Göttelmann und der Schriftsteller Carl Zuckmayer zu den begeisterten May-Lesern. Die Lektüre der Werke seines sächsischen Kollegen bezeichnete der ebenfalls berühmt gewordene Rheinhesse Zuckmayer als „Droge der Selbstvergessenheit“, wie Bürgermeister Günter Beck in seiner Funktion als Präsident der Zuckmayer-Gesellschaft berichtete. Seiner Tochter gab Zuckmayer den Namen Winnetou.

          Ausnahmeerscheinung Karl May

          Dass sich zur Ausstellungseröffnung überwiegend erfahrene Westmänner und Orientkenner einfanden, die in ihrer Kindheit und Jugend in Mays Abenteuerromanen geschwelgt hatten, aber kaum ein Greenhorn zu sehen war, verwunderte nicht. Der Autor sei schließlich „längst nicht mehr auf dem Gipfel seiner Popularität“, gab Helmut Schmiedt, Vorstandsmitglied der Karl-May-Gesellschaft, zu. Nichtsdestotrotz stelle der 1912 gestorbene Schriftsteller eine Ausnahmeerscheinung dar. Wer sonst habe mit seinen Werken über ein Jahrhundert hinweg so viele Millionen Leser begeistert? „Vielleicht wird es in einigen Jahrzehnten eine ähnliche Entwicklung mit den Harry-Potter-Romanen geben.“

          Auch aus literaturdidaktischer Sicht sei May bedeutsam, hob der emeritierte Germanistik-Professor hervor. „Er lehrte das Lesen dicker Bücher“ – wer zu einem der grünen Bände greift, hält in der Regel 500 bis 600 Seiten in der Hand. Der interkulturelle Ansatz zieht sich zwangsläufig durch die Reiseerzählungen. „Kein anderer deutscher Schriftsteller räumt der Begegnung mit unterschiedlichen Ethnien, Kulturen und Religionen eine so wichtige Rolle ein.“ Und das mit bemerkenswerter, wenn auch unschöner Aktualität: In seinen ersten beiden Orient-Romanen, „Durch die Wüste“ und „Durchs wilde Kurdistan“, schildert May die Repressionen, unter denen die Jesiden zu leiden hatten. „Da kann man als aufmerksamer Leser schon erschrecken“, spannte Schmiedt den Bogen zum Genozid, dem diese Religionsgemeinschaft durch den „Islamischen Staat“ ausgesetzt war.

          Ob May selbst ein Brückenbauer war oder doch ein verkappter Kolonialist, der die Welt am deutschen Wesen genesen lassen wollte, wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Für beides gibt es Hinweise; dass er seinen edlen Indianerhäuptling mit den Worten „Winnetou ist ein Christ“ sterben lässt, kann als Beleg für die zweite These gelten. Seine Freundschaft mit der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner zeugt eher vom Gegenteil. Und wie lässt er seinen Trapper Geierschnabel im Rheinhessen-Roman „Waldröschen“ sagen: „Ein tüchtiger Apache ist zehnmal gescheiter als ein Mainzer Polizist.“

          Die Ausstellung ist bis 19. Oktober zu sehen. Vom 3. bis 6. Oktober richtet die Karl-May-Gesellschaft ihren Kongress zum fünfzigjährigen Bestehen im Erbacher Hof in Mainz aus. Die Vorträge sind öffentlich (www.karl-may-gesellschaft.de).

          Weitere Themen

          Laufen und der Umwelt dienen

          Frankfurt-Marathon : Laufen und der Umwelt dienen

          Der Frankfurt-Marathon soll Vorbild für einen möglichst umweltschonenden Lauf sein. Je Finisher wollen die Veranstalter einen Euro für Olivenbäume in der Toskana spenden. Auch Hauptsponsor Mainova lässt sich etwas einfallen.

          Netflix darf „Skylines“ weiter zeigen

          Hip-Hop-Serie : Netflix darf „Skylines“ weiter zeigen

          Der Inhaber des Frankfurter Labels „Skyline Records“ wollte die Netflix-Serie stoppen. Er sieht seine Persönlichkeits- und Namensrechte verletzt. Das Landgericht Frankfurt sieht dafür jedoch keine Anzeichen.

          Topmeldungen

          Brexit-Verhandlungen : EU setzt Großbritannien Frist bis Mitternacht

          London hat Brüssel in den Brexit-Verhandlungen neue Vorschläge für die irische Grenze gemacht. Doch die seien nicht ausreichend, soll EU-Chefunterhändler Barnier den Außenministern der verbleibenden 27 EU-Staaten gesagt haben.
          Chef-Ökonomin Gita Gopinath in Washington.

          IWF-Prognose : Langsamstes Weltwirtschaftswachstum seit der Finanzkrise

          Der Handelskonflikt zwischen Amerika und politische Krisen belasten die Weltwirtschaft: Der Internationale Währungsfonds senkt seine Prognose zum vierten Mal in Folge. Amerika bleibt ein kleiner Lichtblick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.