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Weiterbildung „Kitatanz“ für Erzieher : Den Alltag zum Tanzen bringen

Kleine Gesten, große Wirkung: Körpergefühl zu fördern ist das Anliegen der Weiterbildung „Kitatanz“. Hier ein Projekt an einem Frankfurter Kindergarten. Bild: Jessica Schäfer

Alle Welt spricht von früher Förderung. In Frankfurt will ein Weiterbildungs-Projekt Bewegung und Körperwissen an Erzieher vermitteln - und so für alle Kinder zugänglich machen.

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          Was können unsere Füße? Im ersten Moment fällt allen nur „laufen“ ein. Obwohl sie so viel können. Tapsen. Trippeln. Stampfen. Auf dem Po und den Fersen so nah in die Kreismitte rutschen, dass sie sich dort mit den nackten Zehen aller anderen berühren können. Rechtes Bein, linkes Bein: „Herr Pinz und Herr Panz, sie machen einen Tanz“, sagt Nira Priore Nouak.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diesmal aber lachen keine Kinder über ihr Begrüßungsspiel mit den Füßen. Ein zufriedenes, bisweilen erstauntes Lächeln scheint die Gruppe nie zu verlassen, die da auf dem Tanzboden im Frankfurter Mousonturm versammelt ist. Obwohl die 16 Erwachsenen hochkonzentriert sind. Und es sie eine gewisse Überwindung kostet, sich so spielerisch mit ihrem eigenen Körper und dem ihrer Gegenüber zu beschäftigen.

          Tanz bei Pädagogenausbildung vernachlässigt

          „Kitatanz“ heißt die Weiterbildung, die nun zum zweiten Mal für Erzieher und Pädagogen in Frankfurt stattfindet. 18 Monate lang, in Blöcken zu je drei Abendstunden und in Wochenend-Workshops lernen 15 Frauen und ein Mann, wie sie Kinder in Bewegung bringen können - und so gleich den ganzen Alltag in Kindertagesstätten und Schulen mit. Rhythmus, Ausdruck, Raumgefühl, Selbstvertrauen, die Wahrnehmung des Anderen und des eigenen Körpers - Fähigkeiten, die im Tanz spielerisch geschult werden, gelten heute als Basis gesunder körperlicher und geistiger Entwicklung. Dass Bewegung eine grundlegende Form der Wahrnehmung und des Ausdrucks ist, die früh gefördert werden muss, ist das Grundprinzip von „Kitatanz“.

          Zwar steht im 2008 verabschiedeten Hessischen Bildungsplan (www.bep.hessen.de/irj/BEP_Internet), der Musik, Bewegung, Sport als elementar betrachtet, „Bewegung und Denken sind eng miteinander verknüpft.“ Doch das Tanzen wird auf ganzen 149 Seiten nur gestreift. In den Ausbildungen von Erziehern und Pädagogen spielt er nicht einmal eine Nebenrolle. Und die angehenden pädagogischen Fachkräfte werden kaum in ihrer eigenen Körperwahrnehmung geschult.

          Herantasten an zeitgenössischen Tanz

          Dass die Verbindung von körperlicher und ästhetischer Bildung im Alltag auch der jüngsten Kinder heute oft zu kurz kommen, wissen auch Priore Nouak und ihre 16 Teilnehmer, die sich für die Weiterbildung „Kitatanz“ entschieden haben, die von der Crespo Foundation in Kooperation mit dem Tanzlabor 21 Frankfurt Rhein-Main veranstaltet wird. Sie ist der Versuch, ausgebildeten Erziehern ein umfassendes Körperwissen zu vermitteln, aus dem sie schöpfen können. Nira Priore Nouak hat das Programm seit 2011 im Auftrag der Crespo Foundation entwickelt und verbindet dazu zeitgenössischen Tanz und Bewegung mit Musik, Gesang, Workshops von Bildungsforschern, Exkursen in die Neurobiologie und die Ästhetik.

          Vom Begrüßungs-Fußspiel über kleine Übungen, die leicht in den Arbeitsalltag übernommen werden können, bis zu den Begriffen Raum, Zeit und Form bei Rudolf von Laban reicht an diesem Abend ihre dreistündige Arbeitseinheit. Wie aus dem Handgelenk bringt sie den Erziehern, von denen zuvor die wenigsten mit zeitgenössischem Tanz zu tun hatten, Tanznotation nahe und gleichzeitig ein Tanzspiel: Eine Teilnehmerin gleitet, hüpft, dreht auf der Diagonalen durch die Probebühne des Frankfurter Mousonturms, die anderen übersetzen ihre Bewegungen erst in gemalte Linien auf Papier, dann in Summen, mal lauter, mal leiser, schneller, langsamer. „Forschen im eigenen Körper“ nennt Priore Nouak das. Es klingt einfach, doch aus solchen Bewegungsanalysen für den erzieherischen Alltag zu lernen ist eine schwierige Aufgabe, weiß sie.

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