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Weiterbildung „Kitatanz“ für Erzieher : Den Alltag zum Tanzen bringen

„Ich schaue die Kinder ganz anders an“

Im Pionierinsein hat die gebürtige Brasilianerin Übung: 1987 kam sie als junge Tänzerin nach Deutschland und konzentrierte sich nach Bühnenengagements in Trier, Darmstadt und Mainz auf Tanzpädagogik. Nicht auf irgendeinen Unterricht, sondern auf die Vermittlung von Bewegungs- und Körperwissen, beruhend auf zeitgenössischem Tanz. Folgerichtig war sie auch unter den ersten Studentinnen des Masterstudiengangs „Zeitgenössische Tanzpädagogik“, der 2007 an der Frankfurter Musikhochschule neu gegründet wurde. Zu den vielen Neuheiten des Masters, der sich an erfahrene Tänzer richtet, gehörten auch Projekte an Kindertagesstätten, schon damals gefördert von der Crespo Foundation. Von 2009 bis 2011 hat Priore Nouak „Kitatanz“ an Kindergärten angeboten. Ein Anfang bei null: „Wir wollten herausfinden, was ein gutes, funktionierendes Format ist“, sagt sie. Doch bald wurde ihr klar, dass die Kinder zwar begeistert aufnahmen, was sie ihnen bot: „Aber die Basis sind die Erzieher. Da müssen wir ansetzen. Das Wissen muss in ihren Körpern bleiben“, so Priore Nouak. Nur so könne es weitergegeben und in die Erziehung eingebunden werden. 2011 wurde das, was Priore Nouak maßgeblich entwickelt hatte, evaluiert und zu einem Programm geformt.

Im Februar hat die diesjährige Ausbildung angefangen. Und schon jetzt, so sagen die Teilnehmer, habe sie Auswirkungen auf ihre Arbeit. „Ich schaue die Kinder ganz anders an“, sagt etwa eine Erzieherin. Manche Szene im Kindergarten hätte sie noch vor ein paar Wochen anders interpretiert. Zum Beispiel jenen kleinen Jungen, dem Kollegen attestierten, Kontakt zu meiden. Seine Art, beim Freispiel durch das Gras zu streifen, hat sie jetzt lesen gelernt: Er wollte, dass die anderen Kinder ihn als Schlange betrachten und auf sein stummes Spiel eingehen.

Nicht am Defizit orientiert, sondern an Spiel

Nicht jeder kann und mag sich auf die Körperarbeit einlassen, die kontinuierlich Teil des Programms ist: Darum ist ein Einführungsworkshop Pflicht - und danach springen viele wieder ab, die sich nicht vorstellen können, auch die eigene Person und den eigenen Körper so genau unter die Lupe zu nehmen. Denn nur wer regelmäßig kommt, bekommt von der Crespo Foundation ein Drittel der Kosten als Stipendium erlassen. Immerhin 2.150 Euro kostet die Ausbildung, einige Träger beteiligen sich daran - noch längst aber nicht alle.

„Hätte ich diese Fortbildung in meiner Ausbildung gemacht, wäre aus mir ein anderer Mensch geworden“, sagt Barbara Glock. „Man bekommt einen anderen Zugang als sonst im straff durchorganisierten Alltag. Nicht am Defizit orientiert, sondern an Spiel, Leben, Energie.“ Was den Kindern fehle, sehe man dennoch oder gerade wegen des anderen Zugangs sehr genau. Das aber will sie, die gestandene Erzieherin, seit 25 Jahren im Beruf und seit langem als Leiterin von Kindertagesstätten tätig, keinesfalls als esoterischen Hokuspokus verstanden wissen.

„Ein Tropfen auf den heißen Stein“

Längst hat Glock, die in Frankfurt-Preungesheim die Kita „Weltreise“ leitet, Elemente ihrer Fortbildung in den Arbeitsalltag integriert. Auch ihr Team begrüßt sich bisweilen zur Sitzung mit Gesten statt mit Worten oder integriert Körperübungen in die Projekttage. „Eine weitere Kollegin ist derzeit in der Fortbildung, und wie, möchten gern im nächsten Jahr das ganze Team weiterbilden“, sagt Glock - so hoch schätzt sie den Effekt von „Kitatanz“ ein. „Unsere Aufgaben als Erzieher scheinen im ersten Augenblick dem Tanz zu widersprechen: Statik, Aufsicht, Gesundheit, Dokumentation stehen im Vordergrund.“ Für das, was die Kinder beflügelt, ihre Phantasie zu verwenden, sich auszuprobieren, mutig zu sein, fehle oft der Raum. „Etwa sich zur Musik frei bewegen, sich nicht zu schämen, mal mit einer Seifenblase zu tanzen, sich auszuprobieren, ohne dass die anderen Kinder lachen. Oder auf ein einzelnes Kind zugehen - Nähe halten viele nicht aus.“

Gerade in einem spannungsvollen Stadtteil wie dem, in dem sie tätig sei, trage die Arbeit mit Bewegung und Tanz Früchte. Bis dahin, dass Entwicklungsdefizite, die schon im Säuglingsalter bei den Kindern auftraten, gelindert werden könnten. Viele Elemente, die sonst nur in speziellen Förderprogrammen Eingang fänden, könnten im Tanz geübt werden, von allen Kindern und mit viel Spaß. Dass sie auch viel über Tanz und Tanztheater lernten, sei ein weiterer Effekt: „Kultur ist kein Luxus, sondern notwendig. Sonst ändert sich nie etwas“, so Glock.

„Ein Tropfen auf den heißen Stein“ sei „Kitatanz“: „Diese Elemente müssten in jede Schule, in die Ausbildung integriert werden.“ Nicht zuletzt lernten Erzieher wie Kinder eine wesentliche Fähigkeit: „Improvisation braucht der Mensch im Leben - das lernt man beim Tanz.“

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