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Flüchtlinge als Putzkräfte : Weit weg von daheim und vom Mindestlohn

Verunsichert: Drei junge Afghanen, die in Rhein-Main als Putzkräfte in Hotels arbeiten und nicht erkannt werden wollen Bild: Michael Kretzer

Als Putzkräfte in Hotels im Rhein-Main-Gebiet eingesetzte Flüchtlinge berichten von Entgeltbetrug und anderen Rechtsverstößen. Experten wissen: Wichtig ist der schriftliche Nachweis geleisteter Stunden.

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          Acht Stunden und mehr am Tag habe er in Hotels geschrubbt und gewischt, aber nur für fünf Stunden sei er bezahlt worden, sagt Sami E. Zwei Landsleute aus Afghanistan, die beim selben Unternehmen tätig sind oder waren, bestätigen diese Praxis. In der Hochsaison seien sie sogar an sieben Tagen in der Woche eingesetzt worden - ohne Ausgleich. Geputzt haben sie nach eigenen Angaben auch in Inter-City-Hotels in Frankfurt und Mainz sowie im Hilton am Frankfurter Flughafen.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Ihre freie Zeit verbringen die drei Männer, die Angst haben, ihre richtigen Namen öffentlich zu nennen, meistens in einer kleinen, unsanierten Wohnung in einem Mainzer Stadtteil. Ehrenamtliche Helfer von dort kümmern sich um sie. Über Landsleute sind die Neuankömmlinge zu der Reinigungsfirma gekommen, kurz nachdem sie vor etwa zwei Jahren aus Afghanistan geflohen waren. Trotz mehrfacher Nachfrage äußerte sich die Reinigungsfirma nicht zu den Vorwürfen.

          Klagen wegen schlechter Arbeitsbedingungen

          Das Unternehmen, ein in der Hotellerie durchaus etablierter Dienstleister mit Sitz in Frankfurt, rekrutiert seit Jahren gerade unter afghanischen Flüchtlingen Mitarbeiter. Das ist auch dem Arbeitskreis Asyl in Maintal bekannt. Weil aber immer wieder Klagen betreuter Flüchtlinge wegen schlechter Arbeitsbedingungen zu hören gewesen seien, warne man inzwischen Neuankömmlinge davor, dort zu arbeiten. Ungeachtet dessen gehören auch die Großen der Hotelbranche zu den Kunden der Frankfurter Putzfirma, darunter neben der Hilton-Kette die Deutsche Hospitality, die früher Steigenberger Hotel Group hieß und unter anderen die Inter-City-Hotels betreibt.

          Bei Hilton ließ eine Mitarbeiterin wissen, es sei kein Sprecher oder Geschäftsführer erreichbar, um Fragen zu beantworten. Ein Sprecher der Deutschen Hospitality erläuterte, dass die Reinigungsarbeiten in allen Hotels der Gruppe in Form von Werkverträgen an Dienstleister vergeben würden. „Wir verpflichten unsere Vertragspartner auf Einhaltung der geltenden Tarifverträge und somit auch zur Zahlung des gesetzlichen oder branchenüblichen Mindestlohnes“, sagte der Sprecher. Zudem würden die Vertragspartner vor Vertragsschluss verpflichtet, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamtes vorzulegen und die korrekte Abführung von Sozialversicherungsbeiträgen nachzuweisen. Außerdem sei die Vergabe an einen Subunternehmer ausdrücklich untersagt.

          Sache des auftraggebenden Unternehmens

          Ganz aus der Verantwortung ist der Hotelbetreiber aber auch damit nicht, wie Peter-Martin Cox sagt, der sich bei der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten mit den Arbeitsbedingungen in Hotels befasst. Die Sicherheit und der Gesundheitsschutz der Mitarbeiter von Dienstleistern seien immer auch Sache des auftraggebenden Unternehmens, sagt Cox. Eine bloße vertragliche Regelung reiche eben nicht aus, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.

          Das Problem der Hotellerie mit Dienstleistern, die sich nicht an Tarifverträge und Gesetze halten, ist dem Hotel- und Gastronomieverband Dehoga Hessen nicht neu. Die Variante mit Flüchtlingen schon, wie Hauptgeschäftsführer Julius Wagner sagte. Der Verband biete allen Mitgliedern eine umfassende Rechtsberatung auch in Fragen der vertraglichen Bindung von Dienstleistern an. Letztlich könne keinem Mitglied daran gelegen sein, wenn in den Häusern nicht ordentlich entlohnte und behandelte Frauen und Männer arbeiteten, weil das zwangsläufig zu Lasten der Qualität gehe. Und gerade die sei angesichts der immer anspruchsvolleren Kundschaft von besonderer Bedeutung. Allerdings überfordere es die Hotellerie, über die vertragliche Verpflichtung der Dienstleister hinaus zu prüfen, ob diese Gesetze und Tarifverträge befolgten. Das sei nicht zu leisten und eher Aufgabe staatlicher Stellen.

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