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Weingut der Hochschule Geisenheim : Wo sich Forschung und Weingenuss treffen

Versuchsanordnung: Blick in den Keller des Weingutes der Hochschule Geisenheim Bild: Kaufhold, Marcus

Das Weingut der Hochschule Geisenheim ist Teil des akademischen Betriebs. Aber nicht nur das: Es versteht sich auch auf gute Tropfen. Keine Vinothek im Rheingau bietet eine größere Vielfalt.

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          Ein Weingut wie jedes andere? „Wir sind Teil der Rheingauer Winzerschaft, reden auf Augenhöhe miteinander und kämpfen gemeinsam an vorderster Front“, sagt Monika Christmann. Doch das Weingut der Hochschule Geisenheim ist ein Sonderfall. Es ist weit exotischer als die Hessischen Staatsweingüter, das Bischöfliche Weingut oder das Weingut der Abtei St. Hildegard. Es ist das einzige Weingut, dem eine gestandene Hochschulprofessorin vorsteht, und es ernährt im Gegensatz zu den meisten Rheingauer Weingütern auch keine Winzerfamilie, sondern führt seine bescheidenen Gewinne an den Etat der Hochschule ab.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Mit einer Rebfläche von rund 36 Hektar gehört das Weingut zu den größeren Erzeugerbetrieben im Rheingau. Doch ein Betrieb im gesellschaftsrechtlichen Sinn ist es nicht, sondern vielmehr ein integraler Bestandteil des Instituts für Weinbau und Kellerwirtschaft der im vergangenen Jahr aus der Forschungsanstalt Geisenheim hervorgegangenen Hochschule. Das Weingut ist insofern auch ein Experimentierfeld, eine Ausbildungsstätte für die vielen Studenten und ein akademisches Forschungsfeld.

          Nur ein Teil wird kommerziell genutzt

          Christmann leitet das Weingut nebenamtlich, denn hauptsächlich kümmert sie sich um das Institut für Önologie und Kellerwirtschaft. Dass diese Konstruktion nicht auf Kosten der Qualität gehen muss, lässt sich unter anderem an der Mitgliedschaft im Verband der Prädikatsweingüter (VDP) ablesen. Rund 25 der 36 Hektar Weinberge werden für die Erzeugung „kommerzieller“ Weine genutzt, die übrigen stehen unter der Regie der Rebenzüchter und Rebenforscher an der Hochschule.

          Weil das Weingut ein Teil des akademischen Betriebs ist, lässt sich auch seine wirtschaftliche Seite nur schwer beleuchten. „Wir erzielten ein leichtes Plus“, sagt Christmann. 100.000 bis 120.000 Flaschen verkauft das Weingut in der vor einigen Jahren ansprechend umgestalteten Vinothek vorwiegend an Privatkunden. Sie haben dort eine reichere Auswahl als andernorts, denn – noch ein Unterschied – das Rebsortenspektrum der Hochschule ist schon aus wissenschaftlichen Gründen weitaus größer als das der meisten Familienbetriebe. In der Vinothek werden auch Regent und Merlot verkauft, sogar Gamaret sowie Cabernet franc, und natürlich Müller-Thurgau, der an der Hochschule gezüchtet wurde. Insgesamt wachsen auf den vornehmlich in Geisenheim und Rüdesheim liegenden Flächen des Weinguts 25 bis 30 Rebsorten, die aber nicht alle zu Wein ausgebaut und abgefüllt werden. Auch in Lorch gibt es einen Weinberg, aber er dient wiederum vor allem der Forschung: Wie lässt sich die Weinbergsarbeit in Steillagen mit neuen Techniken effizienter bewältigen?

          Konsumforschung in der Vinothek

          Bedienen an der jährlichen Weinernte können sich auch Forscher und Studenten. Für Versuche werden schon einmal 40.000 Liter aus dem Keller abgezweigt und experimentell verbraucht. Studenten testen, wie Holzchips den Geschmack verändern und welche Weine sich aus getrockneten Trauben erzeugen lassen.

          Auch die Vinothek ist gewissermaßen ein Experimentierfeld, sie zeigt den Wissenschaftlern zum Beispiel, nach welchen Flaschen und Etiketten die Verbraucher eher greifen. Und wenn sich das Gut an Festen wie der Wiesbadener Weinwoche beteiligt, dann wird beim Ausschank an der Theke auch gleich Marktforschung betrieben: Wie kommen die Etiketten, Flaschenformen und Glasverschlüsse an, was hält der Verbraucher vom Naturkork, und welchen Weingeschmack bevorzugt er? Versektet und zu Destillaten gebrannt wird an der Hochschule selbst.

          Bei aller Forschung und Ausbildung verliert das Gut den Weinkunden nicht aus dem Auge: „Unsere Handschrift soll erkennbar sein“, sagt Christmann zum Selbstverständnis des Weinguts. Ihr Ziel sind kräftige, gehaltvolle, reintönige und lagerfähige Weine wie der „Von Lade“-Riesling, der als trockener Spitzenwein an den Gründer der Forschungsanstalt, Eduard von Lade, erinnert. Von den Traditionen des Bezeichnungsrechts hält das Hochschulweingut wenig. Es gibt keine Tropfen mit Prädikaten wie Kabinett und Spätlese und auch keine Lagenbezeichnungen auf den Etiketten: „Danach fragt kein Mensch“, zeigt Christmann wenig Verständnis für die Ängste mancher Winzer vor Veränderungen und Vereinfachungen im Weinsortiment. Am Ende gehe es immer nur eine Frage: „Schmeckt er, oder schmeckt er nicht?“.

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