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Weinberge über Assmannshausen : Nur quer statt längs

Erdarbeiten: Baumaschinen graben Quertrassen in die Weinberge bei Assmannshausen. Bild: Stein, Silas

Steillagen prägen die Kulturlandschaft zwischen Rüdesheim und Lorch. Doch ihre Bewirtschaftung ist aufwendig und teuer. Nun gestalten Bagger den „Höllenberg“ um.

          3 Min.

          Schon Goethe schwärmte vom „sehr beliebten Assmannshäuser Roten“, und Bismarck stellte ihn geschmacklich über seine französische Konkurrenz. Der majestätische Weinberg über Assmannshausen hat seither kaum eine Wandlung erfahren, denn von der Flurbereinigung blieb er verschont. Doch nun graben Bagger Teile des „Höllenberg“ um. Auf 3,5 Hektar wurden die Reben gerodet, um Platz für die Anlage von Böschungen zu schaffen. Wenn dort dann wieder Rebstöcke gepflanzt werden, verlaufen die Rebzeilen nicht länger in Falllinie steil hinunter in Richtung Rhein, sondern quer zum Hang.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Querterrassierung von Weinbergen gilt den Hessischen Staatsweingüter als Königsweg zum Erhalt der landschaftsprägenden Steillagen. Nur so könne der Steillagenweinbau dauerhaft bewahrt werden, sagt Dieter Greiner, der Leiter der Hessischen Staatsweingüter. Sie sind das größte Steillagenweingut Deutschlands. Mehr als 90 Prozent ihrer 240 Hektar Rebfläche haben eine Neigung von mehr als 30 Prozent. Das schlägt sich auf die ökonomische Bilanz der Staatsweingüter nieder, denn die Kosten der Bewirtschaftung solch arbeitsintensiver Weinberge, die meist nicht mit dem Schmalspurschlepper befahren werden können, sind exorbitant. Der Kunde ist aber grundsätzlich nicht bereit, mehr Geld für Steillagenweine auszugeben.

          Besonders effiziente Terrassierung

          Die Staatsweingüter untersuchen deshalb mit der Hochschule Geisenheim ein ganzes Bündel von Maßnahmen, um den Steillagenweinbau ökonomisch zu bewerkstelligen. Die Bewässerung dieser Weinberge zur Ertragssicherung gehört ebenso dazu wie Experimente mit Drohnen zum Spritzen der Weinberge, Probeläufe mit Steillagen-Vollerntemaschinen und Versuche mit dem sogenannten Minimalschnitt der Rebstöcke und der Pflanzung pilzwiderstandsfähiger Rebsorten, die nur sehr selten gespritzt werden müssen.

          Die Querterrassierung der steilen Hänge gilt als besonders effizient, obwohl auf gleicher Fläche rund 30 Prozent weniger Rebstöcke stehen können als in herkömmlichen Rebzeilen in Falllinie. Doch weil die Rebstöcke in den Terrassen dichter gepflanzt werden und dort besser mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden, bedeutet das nicht gleichzeitig auch 30 Prozent weniger Ertrag, sagt der für die Weinbergspflege der Staatsweingüter zuständige Betriebsleiter Stefan Seyffardt.

          Umweltschonende Bewirtschaftung

          Aus einer Sicht spricht für die Querterrassierung, dass die Rebzeilen arbeitsökonomisch bewirtschaftet werden können und dass Gefahr der Erosion bei Starkregen deutlich geringer ist. Während in klassischen Steillagen in regenarmen Jahren die Wasserversorgung Sorgen bereitet, halten die Querterrassen die Feuchtigkeit deutlich länger im Boden. Das sind Erfahrungen, die die Staatsweingüter seit der ersten Anlage von Querterrassen im Jahr 2010 gesammelt haben. Vorbild war das Lorcher Weingut Laquai, dass damit schon zwei Jahre zuvor begonnen hatte.

          Inzwischen haben die Staatsweingüter zwölf Hektar Querterrassen angelegt. Und Greiner lässt keinen Zweifel daran, dass das Programm zur Umstellung der Steillagen auf Querterrassierung fortgesetzt wird und langfristig angelegt ist. Das sehen auch Naturschützer gerne, weil die Böschungen der Terrassen mit Mischungen regional vorkommender Wildkräuter bepflanzt werden. Ilona Leyer von der Hochschule Geisenheim sieht darin einen messbaren Gewinn für die Artenvielfalt, weil die begrünten Böschungen Lebensraum für viele Insekten sind. „Da summt und brummt es“, bestätigt Greiner aus eigener Erfahrung, auch wenn die Erstbepflanzung mit immerhin 5000 bis 6000 Euro je Hektar zu Buche schlägt.

          Das Land fördert den Steillagenweinbau von 163 Weingütern und Genossenschaft im Rheingau und an der Bergstraße mit zusammen 555.000 Euro. Rund 110.000 Euro davon streichen die Staatsweingüter ein. Alle Winzer müssen sich im Gegenzug für die Dauer von fünf Jahren zur Einhaltung der Grundsätze einer umweltschonenden Bewirtschaftung verpflichten.

          Kein neues Konzept

          Noch keine Erfahrungen gibt es, ob und gegebenenfalls auch wie sich der Wein selbst verändert. Klar ist, dass in den Querterrassen ein anders Mikroklima herrscht als zwischen den Rebzeilen in Falllinie. Ob und wie sich die Inhaltsstoffe im Traubenmost verändern und ob und wie das schmeckbar ist, das erforscht Leyers Kollege Manfred Stoll. Mehrere Studenten sind daran mit Bachelor- und Promotionsarbeiten eingebunden. Die Hochschule Geisenheim hat dazu das Forschungs- und Praxisprojekt „Bio-QuiS“ aufgelegt, das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt mit knapp 400.000 Euro gefördert. Stoll hat schon beobachtet, dass im Hitzesommer 2019 die Rebstöcke in den Querterrassen besser der Wärme getrotzt haben als in Vergleichsweinbergen.

          Ganz neu ist die Anlage von quer zum Hang stehenden Rebzeilen ohnehin nicht. Leyer verweist auf Aufnahmen aus der Zeit um 1930, die den Rüdesheimer Berg voller Trockenmauern und quer stehenden Weinbergszeilen zeigen. Solche Trockenmauern wären heute allerdings nicht mehr bezahlbar, gibt Leyer zu. Aktuell legen die Staatsweingüter im Höllenberg für 110.000 Euro rund 3,5 Hektar als Querterrassenweinberg neu an. 4,5 Hektar sind schon umgewandelt und dabei gleichzeitig mit Bewässerungsanlagen ausgestattet worden. Für Greiner steht fest, dass sich mit der neuen Art der Querterrassierung der Weinbau verändert wird: „Das Gesicht der Steillage sieht künftig anders aus als früher“. Sonst könne der Weinbau dort nicht auf Dauer erhalten werden.

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