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Kitsch und Konsum : Weihnachtsgeschäft trotz Corona

Kaum Abstand möglich: In der Innenstadt sind am Wochenende viele Menschen unterwegs – und fast alle halten sich an die Maskenpflicht. Bild: Marie-Luise Kolb [FAZ-Recht:1]

Der Black Friday war ein guter Auftakt für die Händler in den Innenstädten, auch in Frankfurt. Sie hoffen, dass ihr Geschäft in diesem Jahr wieder besser läuft. Doch Lieferschwierigkeiten und Corona machen den Händlern Sorgen.

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          „Krass, Alter. Was’n hier los?“ Mit so vielen Menschen haben die beiden jungen Männer, die am Samstagnachmittag das Einkaufszentrum „My Zeil“ betreten, offenbar nicht gerechnet. Sie manövrieren zielsicher durch die Menge, vorbei an leuchtenden Rentieren aus Draht, hin zu der langen Rolltreppe, die direkt vom Erdgeschoss in die vierte Etage zum Elektromarkt „Saturn“ führt.

          Othmara Glas
          Volontärin

          Die beiden jungen Männer sind nicht die einzigen Schnäppchenjäger an diesem ersten Adventswochenende. Viele Geschäfte werben mit Rabatten. In den Schaufenstern hängen statt Weihnachtsdekorationen noch die Plakate, die mit Angeboten zum „Black Friday“ locken sollen. Seit einigen Jahren läutet der Tag auch in Deutschland den Beginn des Weihnachtsgeschäftes ein. Doch egal ob „Black Friday“ oder Advent: Die Händler freuen sich über jeden Kunden, der in Corona-Zeiten den Weg zu ihnen findet – auf der Jagd nach Schnäppchen oder schon den ersten Geschenken. Immerhin machen viele Händler je nach Branche bis zu 25 Prozent ihres Jahresumsatzes allein im November und Dezember.

          Keine Angst vor neuer Omikron-Variante

          Im vergangenen Jahr bremste die Pandemie das Weihnachtsgeschäft aus. Mitten im Dezember musste der stationäre Einzelhandel wegen des zweiten Corona-Lockdowns die Türen fast vier Monate lang schließen. In diesem Jahr soll es besser werden. Doch mitten in den Einkaufstrubel platzt die Nachricht, dass die neue Omikron-Variante Hessen erreicht hat.

          Darüber scheinen sich in der Frankfurter Innenstadt die wenigsten Sorgen zu machen. Schon am frühen Nachmittag stehen die Menschen vor dem Apple Store in der Freßgass draußen Schlange. Auch vor den Filialen der Luxusmarken Moncler, Chanel und Louis Vuitton warten die Kunden geduldig in der Kälte, bis sie endlich in die Läden dürfen. Verwundert bleiben Passanten stehen. „Gibt es da was zu verschenken?“

          Manche Einkaufswütigen schleppen bereits etliche Taschen durch die Innenstadt, doch die meisten Besucher sind am Samstag offensichtlich nur zum Bummeln und Glühweintrinken gekommen. Auf dem Weihnachtsmarkt am Roßmarkt zumindest wird schon ordentlich gebechert. Von der Zeil weht ein süßlicher Duft herüber, der sich mit dem Geruch von gebratenen Fleischspießen abwechselt. Dem kann man auch mit Maske nicht entkommen, denn auch im Freien gilt zwischen Zeil und Mainufer Maskenpflicht. Sicherheitspersonal überprüft ab und an die Einhaltung und tatsächlich hält sich die überwiegende Mehrheit der Besucher daran.

          Kitsch verkauft sich

          Drinnen sind die Masken sowieso Pflicht. Eigentlich könnte das erst kürzlich wieder eröffnete und komplett renovierte Traditionskaufhaus „Galeria“ an der Hauptwache neben der Parfum-Ecke im Erdgeschoss auch eine kleine Abteilung für schicke Mund-Nasen-Bedeckungen einrichten. Die meisten Einkäufer zieht es jedoch sowieso in den vierten Stock. Dort gibt es Outdoor-Kleidung, Taschen und Spielwaren. Viele Eltern sind mit ihren Kindern gekommen. Die Verkäufer in der Lego-Abteilung haben allerhand zu tun, deren Fragen zu beantworten. Noch sind die Regale gut gefüllt, sogar seltene Sammlersets gibt es noch. Auch in der Sportabteilung rotieren die Angestellten. „Gut für uns“, kommentiert ein Verkäufer kurz, um dann zur nächsten Kundin zu eilen.

          Vor der „Galeria“ hat sich derweil eine Menschentraube gebildet. Zwei Straßenmusiker geben ein Konzert. Einer spielt Gitarre, der andere singt in seiner dicken gelben Winterjacke den Leonard-Cohen-Klassiker „Hallelujah“. Es sind vor allem junge Frauen, die stehen bleiben und den beiden verträumt zuhören. Eigentlich tourten sie sonst im Sommer durch die Städte, erklärt der Sänger noch, bevor er zum nächsten Schmachtfetzen ansetzt.

          Auf die Zeil strömen bis zum Abend immer mehr Menschen. Es herrscht dichtes Gedränge. Abstand halten ist völlig unmöglich geworden. Besinnlichkeit? Fehlanzeige. Selbst das Große Stadtgeläut verkommt zum Hintergrundrauschen. Geht man nach den Einkaufstüten, dürften am Samstag vor allem die Billigmodeketten Primark und Zara ein gutes Geschäft gemacht haben. Wer jetzt noch Shopping-Kapazitäten hat, aber die Beute nicht mehr tragen will, kann sie im Gepäckbus vor dem „My Zeil“ abgeben. Dann sind auch die Hände wieder frei, um mit dem Handy die leuchtenden Draht-Rentiere zu fotografieren. Kitsch verkauft sich gut.

          Unvergleichlich mit der Zeit vor Corona

          Doch die Deko kann nicht von den Lieferproblemen einiger Händler ablenken. Bei „Saturn“ platzen die ersten Weihnachtswünsche. „Eine Playstation? Als Weihnachtsgeschenk?“, fragt der Verkäufer ungläubig. „Erst für nächstes Jahr.“ Das Lager sei seit Monaten leer, erzählt er und empfiehlt lieber die Nintendo Switch. Beim Haushaltswarenhändler „Lorey“ geht es gediegener zu als bei „Saturn“. Kurz vor Ladenschluss ist man dort zufrieden mit dem Tag. „Es war nicht die Hölle los“, sagt ein Verkäufer. Unter den gegebenen Umständen seien aber mehr Menschen gekommen, als erwartet. Kein Vergleich jedoch mit der Zeit vor der Pandemie: „Vor zwei Jahren konnte man zwischendurch nicht mal einen Schluck Wasser trinken“, erinnert sich der Verkäufer.

          Das erste Adventswochenende war für die Einzelhändler in der Innenstadt ein guter Auftakt fürs Weihnachtsgeschäft unter Corona-Bedingungen. Sie hoffen, dass es so bleibt. Allerdings haben wohl auch die Rabattaktionen des „Black Friday“ viele Menschen angelockt. Der Sprecher des Frankfurter Einzelhandels, Joachim Stoll, hat hingegen bereits angekündigt, dass es im Dezember aufgrund der Lieferschwierigkeiten in vielen Branchen keine Rabatte mehr geben werde.

          Der Sänger mit der gelben Jacke und sein Kumpel mit der Gitarre sind mittlerweile weitergezogen. Sie stehen nun vor Primark. Wieder stehen etliche Menschen um sie herum. Und wieder singt er sein „Halleluja“.

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