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Weihnachtliche Produkte : Selbst Kaiser Akihito hat sein Gäulchen

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Die Lebkuchen der Odenwälder Bäckerei Baumamn werden nach dem Backen mit Kartoffelstärke bestrichen. Bild: dpa

In einem Dorf im Gersprenztal fertigen drei Familienbetriebe traditionelle Leckereien und Holzspielzeug. Dass sie als einzige von Dutzenden Betrieben überlebt haben, hat einen guten Grund.

          Lebkuchen, Schoko-Nikoläuse und Schaukelpferde: Die Weihnachtszeit hat in Beerfurth im Odenwald längst begonnen. In drei traditionellen Handwerksbetrieben des Reichelsheimer Ortsteils wird kräftig Teig gerührt und gebacken; flüssige Schokolade fließt in Weihnachtsformen, und Holz wird zu Pferdchen verarbeitet, Gäulchen genannt.

          Lebkuchen-Baumann, Eberhardts Back- und Schokoladenfabrik sowie der Holzspielwarenbetrieb Odenwälder Gäulchesmacher sind seit Generationen in Familienhand und nur wenige Fußminuten voneinander entfernt. Die Produktionsstätten haben Beerfurth mit seinen knapp 1200 Einwohnern über den Odenwald hinaus bekannt gemacht.

          Früher gab es in der Region viel mehr solcher Handwerksbetriebe: 23 Gäulchesmacher waren es in der Blütezeit um 1900. Dazu kamen einst 16 Lebkuchenbäcker, wie Bürgermeister Stefan Lopinsky erzählt. Warum sind diese drei übrig geblieben? Die Qualität der Produkte nennt der Politiker der Reichelsheimer Wählergemeinschaft (RWG) als einen Grund. Beerfurther Lebkuchen von Baumann und Eberhardt seien auf den Weihnachtsmärkten in Darmstadt und Frankfurt sowie in Mannheim bekannt. Die Gäulchen werden fast in die ganze Welt geliefert, finden sich sogar im Spielzeugmuseum in Singapur – und ein Exemplar auch bei Japans Kaiser Akihito.

          Begeisterung für das Produkt

          Dazu komme die Begeisterung der Geschäftsinhaber für ihr Produkt, sagt Lopinsky. Die Jungen stünden als Nachfolger „hinten dran“. Der Ort könne auch noch mit einem anderen Pfund wuchern: „In Beerfurth habe jeder mit jedem noch viel zu tun und man unterstütze sich gegenseitig.

          „Unsere Schokoladen-Qualität ist das, was uns am Leben hält“, sagt der 57 Jahre alte Helmut Gräber, der die Schokoladenwerkstatt vor drei Jahren von seinen Eltern übernommen hat. Mindestens zwei Tage dauert allein die Herstellung der Schokolade in den Maschinen, die noch sein Großvater und Firmengründer angeschafft hat. „Eine gute Schokolade zergeht auf der Zunge und sollte nicht schmieren.“ Zudem enthalte sie keine Zusatzstoffe und sei auch für Allergiker geeignet. Aus 200 bis 400 Kilogramm werden jeden Tag Nikoläuse gegossen. „Der Trend geht zu den mit schwarzer und weißer Schokolade bemalten.“

          Der von Annette Krämers Urgroßvater gegründete Gäulchesmacher-Betrieb ist der letzte in der Region. Selbst die Schaukelpferde aus Göppingen bei Stuttgart würden jetzt in der Werkstatt repariert, sagt Krämers Mann, Geschäftsinhaber Harald Boos. Um über die Runden zu kommen, verkauft das Paar auch andere Holzspielsachen. „Nur das, was uns gefällt“, sagt Krämer. Boos spricht von einer gewissen Deckung des Marktes: „Die Leute haben ihr viertes, fünftes Pferd und brauchen keins mehr.“

          Apfelschimmel in neun verschiedenen Größen

          Das Paar baut die charakteristischen Apfelschimmel in neun verschiedenen Größen. Jedes steht auf einem Brett mit vier Rädern und ist auf Kufen montiert. Dazu kommen das Schaukelpferd (Schoggelgäulsche) und der Schaukelstuhl für ganz kleine Kinder. „Die haben meinem Vater das Überleben gesichert“, sagt Krämer.

          Eine Serie mit bis zu 150 Stück von den kleinen oder 30 von den großen Pferden fertigt das Paar in 14 Tagen von Hand. Jedes Pferd besteht aus drei verschiedenen, selbst zugeschnittenen Holzsorten: Buche, Kiefer und Pappel. Die Beine und die Kurven der Schaukelpferde werden in der Werkstatt im Dampf gebogen, die walzenförmigen Körper nebenan gedrechselt. Die Muster stammen aus dem Jahr 1899, eine Generation gab sie an die nächste weiter. Bemalt oder in Natur lackiert, werden die Gäulchen von Hand und die Sättel mit Schablonen aufgesprüht.

          Gäulche auf Kufen: Den Apfelschimmel gibt es in neun Größen.

          Die Lebkuchenbäckerei Baumann gibt es seit 1785. In elfter Generation fertigt der 38 Jahre alte Willi Baumann junior mit seiner Frau Isabelle, seinen Eltern und anderen Helfern in der kleinen Backstube Lebkuchen in verschiedenen Formen und Größen – von Hand nach alten überlieferten Familienrezepten. „Fünf Zentner pro Tag“, sagt Willi Baumann senior, der auch von einem kleinen Bauernhof lebt. Der 72 Jahre alte Mann sitzt vor den beiden Öfen aus dem Jahr 1949 und schiebt die Bleche mit den Lebkuchen hinein und zieht sie wieder heraus. Sechs Minuten brauchen sie. Dann werden sie mit gerösteter Kartoffelstärke bepinselt – „damit es glänzt“.

          Geheimnis liegt in der Gewürzmischung

          Die genaue Gewürzmischung sei das Geheimnis, sagt der junge Baumann. Farbstoffe, Geschmacksverstärker und Konservierungsmittel seien tabu. „Ein Jahr halten die Lebkuchen“, berichtet der Bäcker. Anisgebäck und Kokosmakronen gehören ebenfalls zum Sortiment, aber auch Magenbrot, Pfeffernüsse, Buttergebäck und Spritzgebäck. Baumann ist seit vier Jahren zurück im elterlichen Betrieb, den er gerne weiterführen wollte, und froh, eine Frau zu haben, die das auch will. Isabelle hat zwar ganz andere Fächer studiert, kennt die Lebkuchenbäckerei aber auch schon seit ihrer Kindheit.

          Ein bisschen bang ist Krämer und Boos mit Blick auf die Zukunft schon. Kinder haben sie nicht. „Wir warten auf den Moment, wo jemand sagt, das will ich machen“, sagt Krämer. „Es braucht neue Ideen, so wie wir vor über 20 Jahren mit tausend neuen Ideen angefangen haben“, sagt Boos.

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