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Weichenfabrik in Butzbach : Mit Herz und Zunge

Made in Butzbach: Weichen für Eisen- und Straßenbahnstrecken. Das traditionsreiche Werk am Stadtrand ist Schwerindustrie im Wortsinne: Ein Meter Schiene wiegt 60 Kilogramm. Bild: Patricia Kühfuss

In Butzbach ist auch die Stahlindustrie zu Hause: Am Stadtrand werden Eisenbahnweichen für die ganze Welt gefertigt. Seit kurzem steht ein bekannter Manager der Region an der Spitze des Werks.

          Hier geht es um Meter und Millimeter zugleich. Bis zu 220 Meter lang kann eine Weiche für die Eisenbahn sein. Aber die Distanz der Schienen, aus denen sie zusammengebaut wird, muss auf den Millimeter genau stimmen. 1435Millimeter beträgt die Spurweite, wie im Eisenbahner-Jargon der Abstand der beiden Schienen heißt, die erst zusammen ein Gleis bilden. Ist die Differenz größer oder kleiner, wird der Zug entgleisen. Eine Katastrophe. Und so beherrschen sie hier, in der Weichenfabrik in Butzbach, den Umgang mit kleinen und mit großen Zahlen gleichermaßen. Präzisionsarbeit für die Eisenbahnen der Welt.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Mitten im von Dienstleistungsunternehmen geprägten Ballungsraum würde man solch einen Betrieb der Schwerindustrie gar nicht vermuten. In dem der Stahl gefräst wird, geschmiedet, auf 800Grad erhitzt und in einer Presse mit einer Kraft von 2000 Tonnen verformt. In dessen riesigen Hallen Weichen provisorisch auf Schwellen verlegt werden, um zu sehen, ob alles passt, in denen die Kunden die Weichen mit kritischem Blick abnehmen, bevor man sie später, oft in aller Eile, nicht selten in der Nacht, irgendwo endgültig verlegen wird. Auf einer Schnellfahrstrecke in Deutschland, auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke in China, auf Eisenbahnverbindungen in Frankreich, den Niederlanden und Algerien zum Beispiel. Manchmal auch nur auf einer Straßenkreuzung. Denn selbst die Weichen der Mainzelbahn, der neuen Straßenbahnstrecke zum ZDF in Mainz, kommen aus Butzbach.

          Im Jahr ungefähr 500 Weichen produziert

          In der Weichenfabrik in Butzbach, in der Handarbeit noch etwas gilt, macht man nicht viel von sich reden. Dabei reicht die Geschichte des Werks bis 1920 zurück. Heute ist es ein Standort des österreichischen Stahlkonzerns VoestalpineAG. Voestalpine BWG GmbH heißt die Tochtergesellschaft; in der Abkürzung im Namen lebt noch die einstige Butzbacher Weichenbau Gesellschaft fort. Zu der heutigen Einheit zählen in Deutschland auch noch Standorte im brandenburgischen Kirchmöser und in Gotha in Thüringen, einst Weichenfabriken der Deutschen Reichsbahn.

          Seit einigen Monaten steht an der Spitze der GmbH ein bekannter Manager der Region: Oliver Kraft, bis 2013 Chef der DB Netz an der Theodor-Heuss-Allee in Frankfurt, dann bis Anfang vergangenen Jahres Geschäftsführer des Houses of Logistics and Mobility unweit des Frankfurter Flughafens. Jetzt verkauft er Weichen an seinen früheren Arbeitgeber, die Deutsche Bahn AG. Bei aller Internationalität der Abnehmer: Sie ist der wichtigste Kunde. Kraft ist der Transportbranche treu geblieben und kann mit Begeisterung von dem Werk in Butzbach erzählen, das einschließlich der Lehrlinge 250 Mitarbeiter hat und in dem jährlich ungefähr 500 Weichen produziert werden, aus Schienen, die die Muttergesellschaft aus Österreich anliefern lässt.

          Weichen haben zwei Zungen und ein Herzstück

          Für den gemeinen Bahnkunden sind Weichen gleich Weichen, falls er überhaupt einen Gedanken daran verschwendet, auf welchen Wegen er gerade unterwegs ist. Für den Profi aber ist jede Weiche anders. Tatsächlich erfolgt meist ein Aufmaß dort, wo sie später liegen soll. Denn Weichen sind ein heikles Stück Eisenbahn. Dort, wo sich Strecken verzweigen, können Züge eher entgleisen. Trotzdem sollten sie zügig befahren werden.

          In einer der Hallen werden manche Weichen vor der Auslieferung provisorisch montiert, um zu sehen, ob alles passt. Auch die Schwellen, auf denen die Schienen verlegt werden, kommen aus dem Werk.

          Weichen haben zwei Zungen und ein Herzstück, wie es in der Fachsprache heißt, als handelte es sich um Lebewesen. Und tatsächlich, während ein gewöhnliches Gleis am besten jahrzehntelang regungslos daliegt und anstandslos Züge über sich hinwegrollen lässt, müssen Weichen beweglich sein, bei Wind und Wetter. Sonst könnte ja nicht der eine Zug abbiegen und der nächste geradeaus fahren. Auch komplizierte Kreuzungsweichen werden weiterhin nachgefragt – wer als Junge eine Modelleisenbahn hatte, weiß, das sie das Teuerste überhaupt sind. Nur Dreiwegweichen, nicht weniger vertrackte Konstruktionen, sind aus der Mode gekommen.

          Besonders stolz ist man in Butzbach auf die Weichen für Hochgeschwindigkeitsstrecken, wirbt für „federnd- und elastisch-bewegliche Herzstücke“, das Prüflabor, die Komplettmontage – und dafür, dass man die Weichen auch nicht vergisst, wenn sie in die Jahre kommen. Auf Wunsch werden sie gereinigt und mit speziellen Schleifzügen geschliffen, um die Lebensdauer zu erhöhen. Ein bis zwei Wochen dauert es, bis eine Weiche fertig ist. Je nach Aufwand kann sie 30.000, aber auch 75.000 Euro kosten. Es ist ein Wachstumsmarkt; an allen Standorten zusammen zählt die GmbH 750 Mitarbeiter, im vergangenen Jahr sind allein 70 hinzugekommen. Solange Züge fahren, braucht man halt auch Weichen. Butzbach liefert sie seit Jahrzehnten.

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