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Weibliche Programmierer : Wider das Klischee und die Technikangst

Mit System: An zwei Tagen kann keiner das Internet erschaffen. Aber eine kleine App ist schon drin. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Die meisten Programmierer sind Männer - weibliches Denken würde ihrer Arbeit gut tun. Bei „Rails Girls“ lernen Frauen Computersprache.

          Die neue Welt schmeckt komisch. Sonja schenkt sich einen Schluck „Club Mate“ in den Pappbecher, dieses gelbliche, muntermachende Getränk, das spätestens seit dem Emporkommen der Piratenpartei als „Hackerbrause“ bekannt ist. Sie nippt vorsichtig daran. Ein skeptischer Blick, dann das Urteil: „Schmeckt irgendwie strange“, irgendwie fremd also. So ist es auch mit der Welt, in die Sonja für zwei Tage eintaucht: Sie kommt ihr bisher ziemlich exotisch vor. Der Geschmack von „Club Mate“ ist dabei noch eines der kleineren Probleme - aber er gehört wohl irgendwie dazu. Sonja will, wie all die anderen jungen Frauen, die mit ihr zu „Rails Girls“ gekommen sind, programmieren lernen. Zumindest ein bisschen.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          „Rails Girls“ heißen Veranstaltungen, die sich in den vergangenen Jahren mit einer Eigendynamik über den halben Globus ausgebreitet haben, die so nur das Internet erzeugen kann. Es sind Programmierkurse, die sich explizit an Frauen richten: Leute vom Fach geben einen Grundkurs für Anfänger - unentgeltlich. Der Name ist an „Ruby on Rails“ angelehnt, ein Gerüst zum Erstellen von Internetseiten und Webapplikationen, das auch bei den Treffen benutzt wird. Erstmals organisierte 2010 eine Gruppe Programmierer ein Treffen in Helsinki. Leitfaden und Materialien stellte sie frei zugänglich ins Internet. Nachahmer fanden sich schnell: Alleine im März gibt und gab es Treffen in Wroclaw, Philadelphia, Bath, Rom und - am vergangenen Wochenende - zum ersten Mal auch in Frankfurt.

          Für den Beruf weiterbilden

          Fast 40 junge Frauen haben sich in Büroräumen in der Berger Straße zusammengefunden, dazu rund 20 Trainer. Am Freitagabend installierten sie zunächst die nötige Software. Samstagvormittag dann beginnt das Programm mit Kurzvorträgen, die offenbar die Angst nehmen sollen. Benjamin erklärt, dass die erste Version des Kurznachrichten-Dienstes Twitter in nur wenigen Tagen mit „Ruby on Rail“ geschrieben worden sei. Soll wohl heißen: Wer eine gute Idee hat, braucht an der Verwirklichung nicht zu scheitern. Der nächste Vortrag beginnt mit dem Satz: „Hallo, meine Name ist Konstantin und mein Job ist es, euch zu erklären, wie das Internet funktioniert.“ Dann werden die Frauen in Gruppen aufgeteilt.

          Die, die noch am wenigsten können, sitzen in einem kleinen Raum, in dem gerade zwei Tische Platz finden: Vier jungen Frauen und zwei Trainer, jeder mit einem Laptop. Auch Sonja ist dabei, sie ist 25 Jahre alt und extra aus Stuttgart angereist. Die Mediendesignerin will sich für ihren Beruf weiterbilden. Noch sitzen die vier Frauen ein wenig verunsichert vor ihren Bildschirmen und fragen nach den vielen Fremdwörtern aus den Vorträgen. Ziel ist es, eine Web-App zu programmieren, eine Art Ideen-Liste, in der man Texte und Bilder speichern und bearbeiten kann. Eric und Debora, die zwei Trainer, erklären geduldig, was Befehle wie „mkdir projects“ oder „cd projects“ bewirken. BWL-Studentin Ruth schlägt die Hände vors Gesicht und ruft: „Warum steht da jetzt ,shut down server‘?“. „Alles gut“, beruhigt Debora.

          Eine eigene App geschrieben

          „Wir möchten mit der Veranstaltung die Angst vor dem Programmieren nehmen und zeigen, dass das auch Mädchen können“, sagt Verena Brodbeck. Sie und Silvia Hundegger, beide Mitte 30, haben den Workshop in Frankfurt organisiert. „Denn es ist ein Problem, dass fast alle Webprogrammierer Männer sind“, sagt Verena. Silvia ergänzt: „Das stört mittlerweile sogar die Männer, weil Frauen einfach anders denken und gute Ideen einbringen.“ Silvia hat eine Ausbildung zur Informatikerin gemacht, als einziges Mädchen in einer Klasse mit 24 Jungen. Verena ist eigentlich Medizinerin und kam über Umwege zum Programmieren. Mittlerweile gestaltet sie halbtags freiberuflich Websites.

          Bei der Anfänger-Gruppe hat Sonja gerade den nächsten Schritt abgeschlossen. Sie hebt den Blick von ihrem Bildschirm und fragt: „Werden wir heute Abend programmieren können?“ Trainerin Debora schüttelt den Kopf. „Das ist wie Kochen lernen, wir müssen jetzt erst einmal sehen, wo überhaupt die Zutaten sind“, sagt sie. Aber dann macht die Kulturwissenschaftlerin, die selbst erst über „Rails Girls“ zum Programmieren kam, ihren Schülerinnen Mut. In einem Berliner Start-up-Unternehmen muss Debora dafür sorgen, dass sich die Mitarbeiter aus den einzelnen Abteilungen beim Mittagessen kennenlernen. Deshalb teilt sie die 60 Kollegen immer wieder in neue Fünfergruppen ein. Früher machte sie das etwas umständlich mit einer Excel-Tabelle. Dann hat sie eine App dafür geschrieben.

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