https://www.faz.net/-gzg-9ytf5

Forschungsprojekte und Corona : Jubiläum nur im Internet

Milliardenprojekt: Der 1,1 Kilometer lange Teilchenbeschleuniger ist auf der Baustelle schon gut zu erkennen. Bild: GSI/FAIR/L. Möller, Intermedial

Die Gesellschaft für Schwerionenforschung wollte mit einem Festakt auf die vergangenen 50 Jahre blicken. Aber Corona bringt alles durcheinander. Auch auf der Baustelle für das Großforschungsprojekt Fair ist die Pandemie zu spüren.

          4 Min.

          Es gibt zwei Zahlen, an denen sich die Dynamik wissenschaftlicher Grundlagenforschung in den vergangenen 50 Jahren ablesen lässt. Als am 17. Dezember 1969 die „Gesellschaft für Schwerionenforschung“ als GSI Helmholtzzentrum gegründet wurde, kostete der Bau dieser Forschungsanstalt im Norden Darmstadt 180 Millionen Mark. Als 2012 mit den ersten Arbeiten für die Internationale Beschleunigeranlage Fair begonnen wurde, lag der Kostenrahmen für dieses Projekt bei mehr als einer Milliarde Euro. Inzwischen gehen die internationalen Partner, zu denen Frankreich ebenso gehört wie Indien und Russland, von bis zu drei Milliarden Euro Gesamtkosten aus.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Es existiert also seit einem halben Jahrhundert eine doppelte Kontinuität in Darmstadts Stadtteil Wixhausen, wo sich mit GSI und Fair die einzigen internationalen Großforschungseinrichtungen Hessens befinden: Die Bereitschaft von Bund und Land, viel Geld auch für solche Forschungen bereitzustellen, die nicht unmittelbar auf einen praktischen Nutzen abzielen, sondern auf ein besseres Verständnis von dem, was die Welt und den Kosmos im Inneren zusammenhält. Und das beständige Wachstum technischer Apparaturen, also vor allem der Schwerionenbeschleuniger, mit denen die Physiker in den Kern der Materie vorstoßen wollen bis zu jener „starken Kraft“, die alles zusammenhält.

          Virtuelles Geburtstagsfest

          Nichts demonstriert das anschaulicher als die 20 Hektar große Fair-Baustelle mit ihrem zentralen Bauwerk, dem großen Teilchenbeschleuniger-Ring, der einen Durchmesser von 1100 Metern hat und in dem unterirdisch in ein paar Jahren Ionen fast bis zur Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden sollen. Wenn die rasenden Uran-Ionen in den Experimentierstationen am Ende des Kreisverkehrs in einem der Labore mit großer Wucht auf Materialproben prallen, erwarten die Forscher in Wixhausen physikalische Zustände, wie sie einst Sekundenbruchteile nach dem Urknall bestanden haben.

          Ursprünglich wollte die GSI ihr 50-Jahr-Jubiläum am 30. April in Darmstadts Wissenschafts- und Kongresszentrum feiern, dem Darmstadtium, das nach einem von GSI-Wissenschaftlern entdeckten Element benannt wurde. Aber der Gesellschaft ergeht es dieses Jahr nicht anders als der Deutschen Bank und dem Rest der Welt. Wegen des Coronavirus musste der Festakt abgesagt werden. „Wir hoffen, das Jubiläum zu einem späteren Zeitpunkt gebührend begehen zu können“, teilt das Helmholtzzentrum mit.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Unwägbarkeiten durch das Virus

          Aus der Not hat die Gesellschaft sehr schnell eine Tugend gemacht und ihre Internetseite so gestaltet, dass sie zumindest ein kleines virtuelles Geburtstagsfest erlaubt. Es findet sich dort eine Bildergalerie, die den Wandel der vergangenen 50 Jahre dokumentiert, ein Zeitstrahl von 1969 bis heute mit den wichtigsten historischen Etappen der Gesellschaft und eine Art kollektives Tagebuch, in dem Mitarbeiter ihre schönsten Erinnerungen schildern. Im Zeitraffer oder per Drohnenflug lässt sich auch die Entwicklung der Großbaustelle Fair verfolgen.

          Der Zeitstrahl für Fair sieht vor, dass 2025 die ersten wissenschaftlichen Experimente stattfinden können. Jörg Blaurock, Technischer Geschäftsführer und Baustellenmanager jenes Großlabors, das am Ende aus einem Komplex von 20 unter- und oberirdischen Beschleuniger- und Experimentierbauwerken, Laboren, Betriebs- und Versorgungsbauten bestehen wird, ist mit Blick auf dieses Datum zwar weiter optimistisch, laufe doch „alles noch sehr gut im Moment“. Aber Corona ist auch in Wixhausen angekommen. Zwar hat es noch keinen positiv getesteten Fall bei Mitarbeitern gegeben. Aber die Frage steht im Raum, wie es mit den beauftragten Firmen weitergeht, die zu einem erheblichen Teil ausländische Mitarbeiter einsetzen.

          Weitere Themen

          Live in der Lieblingskneipe

          Vorpremiere im Filmmuseum : Live in der Lieblingskneipe

          Endlich wieder eine Vorpremiere: Christian Klandt zeigt „Leif in Concert Vol. 2“ im Kino des Deutschen Filmmuseums. Es ist eine Hommage an die Lieblingskneipe. Tilo Prückner inklusive.

          Topmeldungen

          Auf der Suche nach Yves Etienne Rausch: Ein Polizeihubschrauber über dem Waldgebiet nördlich von Oppenau

          Flüchtiger bei Oppenau : „Der Wald ist sein Wohnzimmer“

          Noch immer wird er gesucht: Dass sich vier Polizisten von einem „Waldläufer“ überwältigen ließen, sorgt für Belustigung. Polizei und Staatsanwaltschaft haben daher am Dienstag noch einmal detailliert geschildert, wie es dazu kam.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.