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Wegen Anfeindungen gegen Ärzte : Türkischer Junge soll Krankenhaus wechseln

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Mitarbeiter am Universitätsklinikum Gießen würden von Fürsprechern der Eltern eines türkischen Jungens bedrängt und bedroht. Bild: Müller, Verena

Eine Operation in Gießen ist die letzte Hoffnung für einen herzkranken Jungen aus der Türkei. Doch inzwischen steht fest: Der lebensrettende Eingriff wird dort nicht stattfinden. Eltern und Klinik haben sich in einen erbitterten Streit verheddert.

          Der Fall des kleinen Jungen aus der Türkei ist tragisch. Das schwer kranke Kind soll nach Gießen gebracht werden, damit ihm die Spezialisten am dortigen Kinderherzzentrum mit einer Organtransplantation das Leben retten können. Doch kurz vor der Abreise im März erleidet der Junge einen Kreislaufstillstand, die Wiederbelebungsmaßnahmen ziehen sich hin. Als er in Gießen ankommt, ist sein Hirn geschädigt und er muss an ein Kunstherz angeschlossen werden.

          Nach mehreren Untersuchungen sind sich die Ärzte in Hessen einig: Der Hirnschaden ist dauerhaft. Damit komme eine Transplantation nicht mehr infrage. Das Klinikum beruft sich dabei auf das Transplantationsgesetz und Richtlinien der Bundesärztekammer. Demnach dürften Patienten nicht auf die Warteliste für Spenderorgane genommen werden, wenn eine schwerwiegende Erkrankung eines anderen Organs den langfristigen Erfolg der Transplantation infrage stelle.

          Sicherheitsdienst eingestellt

          Für die Eltern ist die Entscheidung ein Schock. Sie trauen der Diagnose nicht, beobachten sie doch auch Fortschritte bei ihrem kleinen Sohn. Sie bestehen darauf, dass der Junge wie versprochen auf die Warteliste gesetzt wird.

          Einer Unterstützergruppe auf Facebook schließen sich Zehntausende an. Einige davon richten schwere Vorwürfe gegen die Klinik: Das Spenderorgan werde dem Jungen nur deshalb vorenthalten, weil er aus der Türkei komme. „Brennen“ sollten die Verantwortlichen. Die Eltern hätten mit solchen Kommentaren nichts zu tun und sich wiederholt davon distanziert, sagt ihr Gießener Anwalt Kai Wiegand.

          Das Klinikum treibt dennoch eine Verlegung des Jungen voran. Das Vertrauensverhältnis zu den Eltern sei beschädigt. Hinzu kämen massive Anfeindungen gegen Ärzte und Pflegekräfte, die einen normalen Stationsalltag unmöglich machten, sagt Klinikumssprecher Frank Steibli. Die Mitarbeiter würden von Fürsprechern der Eltern verbal und körperlich bedrängt und bedroht. Ein Sicherheitsdienst müsse das Kinderherzzentrum schützen.

          Viel Geld für Operation gezahlt

          „Für uns heißt das nun, das Kind in ein anderes Transplantationszentrum oder nach Istanbul zurück zu verlegen“, wird der Ärztliche Geschäftsführer des Uniklinikums, Professor Werner Seeger, am Donnerstag in einer Mitteilung zitiert. Die großen Zentren in Deutschland sowie in Wien und Rotterdam hätten aber bereits abgelehnt.

          In dem Fall geht es auch um viel Geld. 400.000 Euro haben die Eltern dem Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) für die ursprünglich vereinbarte Operation gezahlt. Inzwischen belaufen sich die Behandlungskosten laut Anwalt Wiegand bereits auf mehr als 550.000 Euro - und steigen mit jedem Tag weiter an.

          Eltern suchen neue Klinik

          Wiegand sagt, ihm sei nicht bekannt, dass es im Klinikum solch massive Bedrohungen gebe, die eine Verlegung des inzwischen 21 Monate alten Jungen rechtfertigten. Er bemühe sich auch um einen besseren Draht zur Klinikleitung, damit das Vertrauensverhältnis neu aufgebaut werden könne.

          Die Eltern versuchten weltweit, ein Transplantationszentrum zu finden und hofften gerade auf eine positive Antwort aus der Schweiz, wo ein Klinikum prüfe, ob es helfen kann. Bis dahin könne für den Jungen in Gießen am besten gesorgt werden. Einer Verlegung zurück nach Istanbul würden sie nicht zustimmen. „Dort würde das Kind nur sterben.“

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