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Ausstieg aus der Drogenszene : Schatten der Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

Niedergang: Rauschgiftsüchtige in der U-Bahn-Station am Hauptbahnhof Bild: Frank Röth

Wegen seiner schweren Suchterkrankung gab er das Studium auf. Jetzt löst sich der Dreißigjährige aus der Drogenszene. Doch nur die wenigsten schaffen den direkten Ausstieg, sagen Forscher.

          8 Min.

          Tag für Tag hetzte Nils Rehn durch die Straßen des Bahnhofsviertels. Immerzu ging es darum, an das Geld für den nächsten Schuss zu kommen. Wer von Heroin abhängig ist, sucht permanent; ist Getriebener, pausenlos. Die Seele kommt nicht zur Ruhe.

          Rehn lebte, um Drogen zu konsumieren. „Normale Menschen“ um ihn herum, die auf dem Bürgersteig an ihm vorübergingen, um zur Arbeit oder nach Hause zu kommen, habe er nicht mehr wahrgenommen. „Ich war in eine Art Paralleluniversum abgetaucht, das sich inmitten des gewöhnlichen Lebensalltags abspielte“, erinnert er sich. In einem scheinbar endlosen Tunnel jagte er immer wieder dem flüchtigen Rausch hinterher. Dem einen Moment unechter Freude.

          Rehn lebte über Wochen ohne Obdach

          Heute ist Rehn 30 Jahre alt und wird von der Integrativen Drogenhilfe unterstützt. Der Verein unterhält in der Stadt mehrere Einrichtungen, die nach den Prinzipien des „Frankfurter Wegs“ eine pragmatische, niedrigschwellige Drogenarbeit verfolgen. Rehn möchte nicht, dass sein echter Name in der Zeitung steht, aber es ist ihm wichtig, dass die Leser erfahren, was Drogensucht bedeutet.

          Den Kontakt zu seiner Familie brach er damals ab. In Phasen des exzessiven Konsums, die sich immer wieder monatelang hinzogen, lebte er über Wochen unter freiem Himmel. Wenn er völlig erschöpft war, nutzte er einen der Schlafplätze, die den Junkies von den Frankfurter Drogenhilfeeinrichtungen zur Verfügung gestellt werden. Weil sie die Miete nicht zahlten, hatten er und seine Freundin aus ihrer Wohnung nahe der Konstablerwache ausziehen müssen.

          „Heute finde ich das alles nur noch  abstoßend“

          Um sich die Sucht nach dem Heroin zu finanzieren, gingen Rehn und seine Freundin stehlen: Sie erbeuteten Handtaschen und griffen in den Supermärkten nach Spirituosen. Mit geraubten Geldkarten kauften sie in Kaufhäusern Kleidung ein und ließen sich den Preis beim Umtausch in bar erstatten. Später schlossen sie auch Handy-Verträge ab, für die sie nie aufkommen sollten. Die Telefone verkauften sie auf der Straße weiter. Schließlich ging seine Freundin anschaffen. Auch er selbst habe Geld ausgegeben, das sie verdiente - trotz des schlechten Gewissens, das er dabei gehabt habe. „Eigentlich empfinde ich das heute alles nur noch als abstoßend“, sagt Rehn stockend.

          Die Sucht nach der Droge bewirke, dass alle Hemmungen verlorengingen. Nur langsam komme das Empfinden solcher Hemmschwellen bei ihm zurück. Wenn er im Bahnhofsgebäude heute erlebe, wie sich Junkies in der Öffentlichkeit einen Schuss setzten, reagiere er wieder erschrocken. Den ersten Druck hatte ihm ein älterer Bahnhofs-Junkie gespritzt. Rehn hatte sich dazu anfangs nicht überwinden können. Die heftigste Phase des Konsums liegt für ihn nun anderthalb Jahre zurück. Er habe damals „psychisch und körperlich einfach nicht mehr gekonnt“. Er brachte nur noch 53 Kilogramm auf die Waage und litt an Hepatitis C. Ein Gericht verurteilte ihn wegen Raubs zu einer Geldstrafe und einer Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Alle bisherigen Versuche der Therapie waren gescheitert; dennoch nahm Rehn einen weiteren Anlauf, um von den Drogen wegzukommen. Er machte eine Entgiftung und begab sich danach für die Therapie in eine Darmstädter Klinik.

          Heute meidet Rehn bestimmte Wege im Bahnhofsviertel

          Anschließend wurde er in das Methadon-Programm der Integrativen Drogenhilfe aufgenommen. Mit der Unterstützung der Einrichtung begann er wenig später eine zweijährige Ausbildung zum Bürokaufmann. Die Ausbildung, die seinem Alltag wieder eine Struktur gebe und seinem Leben eine Perspektive biete, könnte er im nächsten Jahr abschließen, sagt Rehn.

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