https://www.faz.net/-gzg-6zpfh

Wassili Schukowski und Nikolai Gogol : Der Nabel Europas

Hier lebte Gogol: An der Historischen Villa Metzler ehrt nun eine Gedenktafel den Schriftsteller. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Frankfurt erinnert an Wassili Schukowski und Nikolai Gogol, der hier am zweiten Band seines Romans „Die toten Seelen“ schrieb.

          4 Min.

          Dass Dostojewski in Wiesbaden Geld verspielte und das Rhein-Main-Gebiet durch den zur raschen Aufbesserung der Schriftstellerfinanzen verfassten „Spieler“ Anteil an der russischen Literatur hat, ist bekannt. Dass Nikolai Gogol sich 1844 und 1845 in Frankfurt aufhielt und dort am zweiten Teil seines Romans „Die toten Seelen“ arbeitete, ist weniger geläufig. Dabei dürfte es Gogol am Main gefallen haben, schließlich besuchte er seinen Dichterfreund Wassili Schukowski, der zwischen 1844 und 1848 in der Historischen Villa Metzler am Schaumainkai wohnte, gleich mehrfach. Gestern erinnerten der russische Generalkonsul Ruslan Karsanov und Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth an die Aufenthalte der beiden Autoren, die eine Gedenktafel am Eingang des zum Museum für Angewandte Kunst gehörenden Gebäudes ehrt.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schukowski wohnte länger als Gogol in dem Haus, das sich der Apotheker Peter Salzwedel nach der Schleifung der Frankfurter Stadtbefestigung am Rand Sachsenhausens errichten ließ und von seinen Erben 1851 an die Familie Metzler verkauft wurde. Der russische Dichter, der 1783 als unehelicher Sohn eines Gutsbesitzers und einer Türkin geboren worden war, sorgte als Zeitschriftenredakteur und Übersetzer dafür, dass die vom Klassizismus beherrschte russische Literatur Errungenschaften der westeuropäischen Romantik übernahm. Er übersetzte Goethe und Schiller, Bürgers Schauerballade „Lenore fuhr ums Morgenrot“ übertrug er zur Sicherheit gleich zweimal. Er selbst schrieb: „Fast alles von mir ist von jemand anderem oder über jemand anderen, aber trotzdem ist alles meins.“

          „Annehmlichkeiten großer Städte“

          Seinen zukünftigen Frankfurter Hausgast kannte Schukowski seit den frühen dreißiger Jahren, als der 1809 geborene Gogol Erzählungsbände wie die „Abende auf dem Vorwerk bei Dikanka“ und Texte wie „Die Nase“ zu veröffentlichen begann. Bei Schukowski las er am 18.Januar 1836 geladenen Freunden seinen „Revisor“ vor, drei Monate vor der Uraufführung der satirischen Komödie in Sankt Petersburg. Nach der Premiere verließ Gogol verletzt seine Heimat. Das Publikum hatte zwar gelacht, aber, wie der Autor fürchtete, aus den falschen Gründen. Er fühlte sich missverstanden und nahm das Schiff über die Ostsee. Auf der Reise von Lübeck in den Süden kam er zum ersten Mal nach Frankfurt. Am 14.Juli 1836 schreibt er seiner Mutter, die Stadt werde das deutsche Paris genannt. „Sie ist ebenso geräuschvoll und von Ausländern besucht, die von allen Enden der Welt hier zusammenströmen. Die Stadt ist sehr schön gebaut, gemütlich, hell und auf allen Seiten von schönen großen Gärten umgeben. In Frankfurt ist eine vorzügliche Oper. Das Frankfurter Orchester gilt als eines der ersten in ganz Europa.“

          Das ähnelt den Argumenten, die drei Jahre zuvor Arthur Schopenhauer dazu bewogen hatten, sich endgültig in Frankfurt niederzulassen - er hatte zu den in Frankfurt anzutreffenden „Annehmlichkeiten großer Städte“ auch „mehr Engländer, besseres Schauspiel, Oper und Concerte“ gezählt. Dass Gogol bei späteren Besuchen in Frankfurt nicht nur im „Russischen Hof“ an der Zeil, sondern auch im „Weißen Schwan“ am Steinweg zu Gast war, in dem Schopenhauer gerne zu Mittag aß, hat trotzdem nicht zu einem Zusammentreffen der beiden geführt.

          Weitere Themen

          Multifunktionshalle, Börse, Musikmesse

          F.A.Z.-Hauptwache : Multifunktionshalle, Börse, Musikmesse

          Die Deutsche Börse hat die Geschäftszahlen für 2019 vorgestellt. Ob Frankfurt eine Multifunktionshalle am Flughafen bekommt, steht noch in den Sternen. Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, steht in der F.A.Z. Hauptwache.

          „Wir stehen zusammen und halten zusammen“

          Steinmeier in Hanau : „Wir stehen zusammen und halten zusammen“

          Nach der Gewalttat mit neun Toten in Hanau ruft der Bundespräsident zu gelebter Rücksichtnahme und Solidarität auf. Dies sei „das stärkste Mittel gegen den Hass“, sagte er bei einer Mahnwache in der hessischen Stadt. Die Tat verurteilte er als „brutalen Akt terroristischer Gewalt“.

          Topmeldungen

          F.A.Z. Exklusiv : Hanauer Attentäter suchte Hilfe bei Detektei

          Der Attentäter von Hanau hat sich im Oktober 2019 mit einem Detektiv getroffen. Er bat ihn um Hilfe, weil er sich von einem Geheimdienst beschattet sah. Die Aussagen, die Tobias R. damals machte, stützen das Bild eines geisteskranken Täters.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.