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Wassili Schukowski und Nikolai Gogol : Der Nabel Europas

Schöner Mainblick

Den ersten Band seines Romans „Die toten Seelen“ schrieb Gogol im Wesentlichen in den drei Jahren nach seinem ersten Frankfurtbesuch. Das nächste Mal kam er 1841 vorbei, um sich mit Schukowski zu treffen, der sich in diesem Jahr für den Rest seines Lebens in Deutschland niedergelassen hatte. In Düsseldorf hatte er kurz zuvor Elisabeth von Reutern geheiratet, eine Tochter des aus Livland stammenden deutschrussischen Malers Gerhardt Wilhelm von Reutern, nun genoss er seine Unabhängigkeit von den Pflichten des Zarenhofs, dem er seit 1816 gedient hatte, zunächst als Vorleser der Kaiserinwitwe, dann als Lehrer der Prinzessin Charlotte von Preußen, die nach Russland gekommen war, um den zukünftigen Zaren Nikolai I. zu heiraten. Jetzt war Schukowskis Zögling, Charlottes Sohn, der als Alexander II. im Jahr 1861 die Bauern befreien würde, volljährig geworden, zum Dank für treue Dienste hatte man Schukowski zum Geheimrat ernannt.

Wer dem pensionierten Würdenträger in den folgenden Jahren nach Frankfurt schrieb, adressierte seine Briefe an „Son excellence monsieur Basile de Joukoffsky, Francfort sur Mein, Saxenhausen, Salzwedelsgarten vor dem Schaumeinthor“. Es ist die Adresse der heutigen Villa Metzler, auf deren Gärten und auf deren Mainblick sich auch Gogol gefreut haben mag, als er 1844 einem Freund aus Darmstadt schreibt, wo er mit Schukowski zusammengetroffen ist, der den beim Großherzog weilenden Zarewitsch besuchte. Abermals lobt Gogol Frankfurt, einen Ort, an dem es nicht schwer sein werde, ihm Bücher zuzuschicken: „Frankfurt ist der Nabel Europas, wo alle Wege zusammentreffen, so dass kein Reisender an ihm vorbeikommt, wohin er auch fährt.“

Frankfurt hat den Durchbruch nicht gebracht

Von April 1844 bis Juni 1845 hält er sich, nur unterbrochen von zwei längeren Aufenthalten in Ostende und Paris, in Frankfurt auf. „Sie fragen, was ich in Frankfurt mache“, schreibt er am 24.Dezember 1844 an einen Briefpartner. „Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich gar nicht bemerke, dass ich in Frankfurt wohne, ich lebe da, wo mir nahestehende Menschen leben, und lebe meistens bei der Arbeit, teils in Briefen, teils in innerer Arbeit an mir selbst.“ Was er verschweigt, ist die mühselige Arbeit am zweiten Band der „Toten Seelen“, der ihm nicht gelingen will. Im ersten Band hat er den Geschäftemacher Pawel Iwanowitsch Tschitschikow durch Russland fahren lassen, auf der Suche nach gewinnbringendem Handel mit gestorbenen Leibeigenen, nun plant er in Anlehnung an Dante zwei weitere Bände, in denen der moralischen Hölle des ersten Teils eine Läuterung durch tätige Liebe folgen soll. Dabei hat Gogol keinerlei Ahnung, wie er sein edles Ansinnen mit seinem grundsätzlich subversiven Stil vereinen soll.

Zweimal verbrennt er vollendete Versionen des zweiten Bandes, einmal im Juli 1845, bald nach seiner Abreise aus Frankfurt, zuletzt in der Nacht vom 11. auf den 12.Februar 1852, drei Wochen vor seinem Tod. Zuvor hat er sein bedauerlichstes Werk veröffentlicht, das ihm nach einer schweren Erkrankung im Frühjahr 1845 ausgerechnet in Frankfurt eingefallen ist: Die „Ausgewählten Stellen aus dem Briefwechsel mit Freunden“ zeigen Gogol 1847 als schwärmerisch religiösen Sozialkonservativen und schaden seiner Reputation.

Gogol stirbt am 4.März 1852 in Rom, Schukowski am 12. April desselben Jahres in Baden-Baden. Den Durchbruch für Gogols unmögliches Kunstwerk, die Fortsetzung der „Toten Seelen“, hat Frankfurt nicht gebracht. An die Tatsache, dass Schukowski seinem Freund hier etwas Ruhe auf rastloser Reise verschaffte, kann man sich in Zukunft öfter erinnern.

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