https://www.faz.net/-gzg-7906x

„Was zu sagen wäre warum“ in Frankfurter Kammerspielen : Vater und Sohn, Theater und Autor

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller ließ sich nicht blicken: Oliver Klucks „Was zu sagen wäre warum“ wurde in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels uraufgeführt.

          2 Min.

          Das Theater hat keinen Anfang und kein Ende, es geht immer weiter. Für die unmittelbar Beteiligten jedenfalls, die Schauspieler, die Regisseure, die Schriftsteller. Die wahren Tragödien spielen sich hinter der Bühne ab, die Banalitäten des Betriebs gönnen den Akteuren keine Pause, Anpassung wird verlangt, wo doch das Innerste nach außen gekehrt wird. Das künstlerische Ich muss sich ständig behaupten, von allen Seiten erleidet es Druck, und es wehrt sich, so gut es kann. Es beschwert sich, es entzieht sich, es probt den Aufstand, es versteckt sich.

          Der Autor war nicht zur Premiere gekommen. Die für ihn reservierten Karten könne, wer zuerst komme, an der Abendkasse abholen, hatte er via Internet mitgeteilt. Mit der in Frankfurt gespielten Fassung seines Werks „Was zu sagen wäre warum“ war Oliver Kluck nämlich nicht einverstanden, zu viele Eingriffe in seinen Text seien vorgenommen worden. Auch hat er sämtliche Verträge mit dem Rowohlt-Theaterverlag gekündigt, künftig möchte er sich allein um die Verwertung seiner Kunst kümmern. Um Strichversionen zu vermeiden, die ihm gegen denselben gehen. Dabei hätte er allen Grund gehabt, mit dem Ergebnis zufrieden zu sein, das jetzt auf der Bühne der Kammerspiele zu sehen war. Alice Buddeberg hat Klucks Stück in einen deprimierend amüsanten Theaterabend verwandelt, bei dem es nicht nur um die erschreckend prägende Beziehung zwischen Vater und Sohn, sondern auch auf erhellende Weise um das Verhältnis zwischen Künstler, Theater und Publikum geht. Das völlig undramatische Drama einer kleinbürgerlichen Sozialisation und die Fremdheit eines Theaterschriftstellers aus jenem Milieu in der Öffentlichkeit, in der er bestehen soll, verschränken sich zu einer Groteske über zementierte Zustände, die Kunst als höheren Zeitvertreib für die gehobenen Kreise und Selbstverwirklichungsnische für sozial Benachteiligte.

          Das Mobiliar lebt

          „Ich“ alias Vincent Glander, für den die Figur wie auf den Leib geschnitten scheint, ist ein Autor, der anfangs verloren mit einem Blumenstrauß auf der Bühne steht. Er hat einen Preis bekommen und scheut doch die Empfänge, die Institutionen, die Rolle, in die man ihn drängt. „Brecht ist tot, Bernhard ist tot, Schleef ist tot, Müller ist tot. Viel Hoffnung liegt jetzt auf meiner Entwicklung.“ So monologisiert er zu Beginn. Langsam redet er sich in Rage. Er möchte nichts und niemandem dienen. Seine Herkunft verpflichte ihn zu nichts. An bürgerliche Konventionen fühle er sich nicht gebunden.

          Die Glasschränke, von denen die Bühne an drei Seiten eingerahmt wird, erinnern an alte Vitrinen in naturkundlichen Museen. Wie auch die großen durchsichtigen Behältnisse mit allerlei säuberlich geordnetem Krimskrams aus einem Leben ohne sonderliche Ambitionen. Die Schrankwand wird zum Symbol für die Beschränkungen der kleinbürgerlichen Existenz. Aber das Mobiliar lebt. Vier Gestalten erwachen darin, vier Schemen, vier Erinnerungen, vier Personifikationen aus dem Kreis der bescheidenen und beschädigten Mietwohnungswelt, darunter ein Versicherungsvertreter und eine Frau namens Rowenta, die Ex-Geliebte des nunmehr toten Vaters.

          Das Gegenteil des Selbstzweifels

          Die vier Figuren bilden eine Art Chor, sind ein fernes Echo der Vergangenheit, die das „Ich“ nachhaltig beeinflusst, ergänzen seine Worte, liefern Kommentare, geben Stichwörter. Nach und nach schälen sich einzelne Charaktere heraus, und alsbald wird die Beziehung zwischen dem Dichter und seinem Erzeuger herauspräpariert. Dieser Sohn kann nicht aus der Haut schlüpfen, die sein Vater ihm fürs Leben mitgegeben hat. Als Gegenentwurf dazu windet sich ein Bürgerkind aus dem dicken Körper von Versicherungsvertreter Jürgen (Oliver Kraushaar) und vergoldet anschließend seinen nackten Körper, weil es weiß, dass es wertvoll und einzigartig ist.

          Diese Gestalt verkörpert gleichsam archetypisch das Gegenteil des Selbstzweifels, der wie eine Aura, wie ein Fluch den Sprössling der unteren Mittelschicht umgibt. Thomas Huber als, ja, im Plural, „Väter“, Viktor Tremmel als Vaters Freund Heinz und Heidi Ecks als Rowenta bringen trotz surrealer Momente dieser Inszenierung etliche realistische Momente aus der ostdeutsch-spießigen Lebenswelt ins Spiel. Das ist manchmal zum Lachen. Für das „Ich“ freilich nicht.

          Weitere Themen

          Wie man um die Ecke schießt Video-Seite öffnen

          Geht doch! : Wie man um die Ecke schießt

          Ecken direkt verwandeln – auf dem Fußballplatz geht das noch vergleichbar einfach. Beim Tipp-Kick braucht es viel Feingefühl. Wir verraten, wie der perfekte Schuss um die Ecke gelingt.

          Topmeldungen

          Julian Reichelt am 30. Januar 2020 auf einer Messe in Düsseldorf

          Bild-Chef Julian Reichelt : Sex, Lügen und ein achtkantiger Rauswurf

          Erst bringt die New York Times eine Riesenstory über Springer. Vorher stoppt der Verleger Ippen eine Recherche über den Bild-Chef Reichelt. Der ist seinen Job plötzlich los. Er hat wohl den Vorstand belogen. Die Chaostage sind perfekt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.