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Trainingszuschauer : Stammplatz an der Seitenlinie

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Besser, als zu Hause putzen: Manch ein Rentner hat ganz egoistische Motive, täglich zum Eintracht-Training zu fahren. Bild: Heiko Rhode

Spieler kommen und gehen, die treuesten Trainingszuschauer aber halten der Eintracht die Stange. Wert legen sie nicht nur auf die fußballerischen Qualitäten der Spieler.

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          Der Mann mit der Zigarette legt Wert darauf, dass seine Kritik an der Eintracht durchdacht ist. Er versuche „immer, die Dinge differential zum Vorjahr zu sehen“, sagt er und diskutiert ohne Pause weiter mit seinem Gesprächspartner. Der weiß, was gemeint ist, man spricht die gleiche (Fußball-)Sprache. In Hörweite herrscht die pure Erleichterung über das Abschneiden des Tabellenvorletzten Eintracht Frankfurt bei den Bayern am vergangenen Wochenende. „Mit unserer Abwehr war das 0:1 wunderbar“, meint ein älterer Herr, der an der WM-Arena gegen 11 Uhr mit seinen „Kollegen“ darauf wartet, dass die Eintracht-Profis endlich mit dem Training beginnen. „Alles unter fünf ist ein Erfolg“, fügt er hinzu.

          Nur im Angriff hapere es noch, lautet die Einschätzung eines anderen Beobachters, der vor Selbstbewusstsein strotzt. „Aus zehn Metern, den schaffe ich – das kannst du mir glauben“, sagt er trotz fortgeschrittenen Alters im Brustton der Überzeugung. Seine Zuhörer nicken heftig. Zur munteren Nachbetrachtung des Spiels in München gehört für einen Mitdiskutanten außerdem die Feststellung, dass die Einwechslung von Offensivspieler Sonny Kittel nach gut einer Stunde absolut richtig war. „Denn der Kittel kann auch mal für eine Überraschung sorgen“, findet er. Gut gemacht, Trainer Kovac!

          Das schwere Los der Eintracht

          Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – dieses Sprichwort zählt für die Herrschaften nicht. Sie reden frei von der Leber weg über ihren Herzensverein Eintracht Frankfurt. Alles darf ausgesprochen werden, Kritik muss sich keiner verkneifen. Schließlich bilden sie einen unabhängigen und leidenschaftlichen Debattierklub. Er besteht in der Mehrzahl aus etwa 20Pensionären, die als „Rentner-Kiebitze“ jede öffentliche Trainingseinheit des Bundesliga-Klubs mit großer Wachsamkeit verfolgen. Von denen die meisten Vereinsmitglieder sind und viele eine Dauerkarte haben. Sie trotzen Kälte im Winter und Hitze im Sommer, ohne sich zu beklagen. Bei Regen stecken sie ihre Schirme zusammen. Sie tragen Winterstiefel, Lack- und Sportschuhe.

          Als Eintracht-Fans sind sie auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen. Keiner hat ein Trikot oder eine Eintracht-Jacke an. Auf Fanschals verzichten sie ebenfalls. Nur eine Frau mittleren Alters, die einzige in der Runde, versteckt ihre Fußball-Liebe nicht. Ihr Herz schlägt auch für einen finnischen Klub.

          In den eigenen vier Wänden würde er „nur im Weg herumstehen“, sagt der 66 Jahre alte Horst Heil. Und womöglich müsste er sogar putzen, bestätigt er mit einem schelmischen Lächeln. An der frischen Luft unter Gleichgesinnten zu sein sei da viel angenehmer – auch wenn die Lage vor dem Duell gegen Hoffenheim sehr unangenehm für die Eintracht ist. Für sie werde es „sehr schwer“, in der Bundesliga zu bleiben, glaubt Heil.

          Die Spieler „heute schauen nur aufs Geld“

          Eine Anwesenheitspflicht für ihn und seine Mitstreiter besteht nicht. Sie ist auch nicht nötig. Viele von ihnen fühlen sich, als würden sie noch jeden Tag zur Arbeit fahren. Mit dem Auto oder dem Rad kommen sie zum Training. Ihr heutiger Arbeitsplatz teilt sich in drei Zonen auf. Der mobile Gesprächskreis beginnt mit den Frühankommern an der Arena vor dem Eingang „Business Klub“. Erste Erfahrungen und Einschätzungen werden dort mit großer Hingabe ausgetauscht. Danach bewegen sich die Herren unter Fortsetzung ihrer lebhaften Fachgespräche an die Stelle, an der sie den Eintracht-Profis auf dem Weg zum Trainingsplatz möglichst nahe sind. Ergibt sich dabei die Gelegenheit zur Kontaktaufnahme, ist das umso besser. Dieter Husnik grüßt den einen oder anderen Spieler. „Damit sie es lernen. Disziplin und Benehmen.“ Die sind für den 67 Jahre alten Rentner wichtig.

          Er reist oft mit der Eintracht auch deshalb ins Trainingslager, um dort die Umgangsformen der Profis weiter zu fördern. „Grabowski, Hölzenbein und Nickel, das waren Granaten. Sie haben den Verein geliebt und standen zu ihm“, sagt Husnik, der 1964 damit begonnen hat, zu den Trainingseinheiten zu gehen. Früher sei die Mannschaft eine Einheit gewesen. „Die heute schauen nur aufs Geld“, schimpft er. Aus der aktuellen Mannschaft ist der finnische Torhüter Lukas Hradecky der absolute Liebling der rüstigen Rentner-Riege. Sie mögen seine Freundlichkeit und seinen Witz. Und er grüßt immer.

          „Veh hat die Mannschaft abgewirtschaftet“

          Gerd Großmann hat den neuen Eintracht-Trainer Niko Kovac auf „Serbo-kroatisch“ in Frankfurt willkommen geheißen. Außer ihm konnte das niemand. „Niko Kovac hat sich riesig gefreut“, sagt der Siebenundsechzigjährige, dessen Frau aus Bosnien stammt. Kovac kommt bei den Kiebitzen gut an. Es ist, als hätten sie auf ihn gewartet, weil jetzt wieder Ordnung und Disziplin in den Übungseinheiten herrschten. Ganz so, wie sie sich das vorstellen.

          Ihr Bild haben sie sich von ihrer dritten Arbeitszone aus, den Plätzen direkt neben dem Spielfeld, gemacht. Unter Trainer Armin Veh sei es „viel zu lasch“ gewesen, empört sich Husnik. Jeder habe im Prinzip machen können, was er wollte. „Die Spieler haben auf die Uhr geschaut, wann das Training zu Ende ist.“ Aus Sicht von Großmann hat Veh die Mannschaft abgewirtschaftet.

          Der Frust sitzt tief. Ihren Ärger hatten sie bei einem vom Verein arrangierten Treffen mit Veh in dessen Lieblingsrestaurant in Bad Homburg deutlich zum Ausdruck gebracht. Den Menschen Veh und dessen „höfliche und angenehme Art“ schätzten sie allerdings. Seinem Nachfolger Kovac wünschen sie, dass er mit der Mannschaft noch die Kurve bekommt. „Aber auch er kann plötzlich nicht so viel verändern, dass die Eintracht Überfußball spielt“, sagt Heil.

          Die kritischen Eintracht-Sympathisanten würden in der zweiten Liga nicht auf Distanz zur Mannschaft gehen. Wie auch immer es kommen wird: Davor kommt auf jeden Fall erst einmal ihr Urlaub von der Eintracht in der Sommerpause.

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