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Tania Rubio in Frankfurt : Lockruf der Wildnis

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Ein Vierteljahr in Frankfurt: Im Herbst zieht Tania Rubio weiter nach Linz, um ihre Studien fortzusetzen. Bild: Helmut Fricke

Die mexikanische Komponistin Tania Rubio lebt und arbeitet drei Monate lang in Frankfurt. Zu ihrem Arbeitsmaterial zählen Rufe von Wasservögeln und viel Intuition.

          In der Musik spürt man die gemeinsamen Wurzeln mit allem, was ist. Vielleicht nicht in jeder Musik, wohl aber in der von Tania Rubio. „Wir sind nicht nur ein Stück Natur, wir sind Natur“, sagt die 1987 zur Welt gekommene mexikanische Komponistin: „Wenn Menschen ein Stück Regenwald abholzen oder durch die Abwässer von Hotels ein Stück Meer zum Umkippen bringen, schaden sie sich selbst.“

          In diesem Sommer ist die Künstlerin, die an ihrem Geburtsort Mexiko-Stadt und in Buenos Aires studiert hat, knapp drei Monate lang als „Composer in Residence“ in Frankfurt zu Gast.

          Vergeben wird das Arbeitsstipendium von der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und dem Archiv Frau und Musik, in dem Rubio über den Zusammenhang von Mensch und Natur spricht. Dass manche Menschen ihn nicht erkennen, liegt für sie an Bildungsdefiziten. Kann die Musik dem abhelfen? „Ich denke, dass sie es kann“, sagt sie vorsichtig optimistisch. Vorausgesetzt, man könne wirklich zuhören. Darunter versteht sie auch, auf sich selbst zu hören.

          Stelle man einen Bezug zwischen sich und Gehörtem her, könne Gehörtes im Hörenden etwas bewirken. Ein Grundgedanke, der an das „Deep Listening“ im Werk der vor drei Jahren gestorbenen amerikanischen Komponistin Pauline Oliveros erinnert.

          Frauen setzen auf Intuition

          Komponieren Frauen anders? „Frauen haben weniger Hemmungen als Männer, neben theoretischem Wissen auch ihre Intuition zum Fließen zu bringen“, sagt Rubio: „Männer vertrauen mehr auf das, was sich messen und zählen lässt, damit sie untereinander damit punkten können.“

          Ihre Professoren und Kommilitonen waren Männer. Sie hat sich unter ihnen nicht unwohl gefühlt. Aber bei einer Begegnung mit Oliveros spürte sie, dass es noch mehr gibt. Etwas, das sie, als sie voriges Jahr bei den Darmstädter Ferienkursen zu Gast war, auch bei Komponistinnen wie Jennifer Walshe, Ashley Fur und Rebecca Saunders gefunden hat. Sie nähmen den gesamten Lebenszusammenhang in den Blick und schlössen dabei auch Rituale und mystische Erfahrungen mit ein. Die Musik sei der Fokus und verweise zugleich auf das Ganze.

          Überwiegend Männer

          Noch immer ist das Komponieren in der öffentlichen Wahrnehmung eine Männerdomäne. Dabei verfügt das Archiv Frau und Musik, das im November vierzig Jahre alt wird, über Informationen zu mehr als 1800 Komponistinnen aus elf Jahrhunderten, die es wissenschaftlich aufarbeitet. Es sind überwiegend Ehrenamtliche und junge Idealisten, die am Rande ihrer Belastbarkeit auf befristeten Teilzeitstellen untergebracht sind. Das Archiv, das Frauen dabei hilft, im Musikbetrieb wahrgenommen zu werden, und für Aufführungen Partituren zur Verfügung stellt, kann selbst jede tätige und finanzielle Hilfe gebrauchen.

          Für das in diesem Jahr zum vierten Mal seit 2009 vergebene Arbeitsstipendium hatten sich 57 Komponistinnen aus mehr als 28 Ländern beworben. Zu den Auswahlkriterien der Jury, bestehend aus der Komponistin Annesley Black, der Dirigentin Linda Horowitz, der Celloprofessorin Katharina Deserno, dem Komponisten Hannes Seidl und dem HR-Redakteur Stefan Fricke, gehörten nach Desernos Angaben handwerkliche Qualität, der Mut zur eigenen künstlerischen Aussage und „etwas Verbindendes“, das jeder Hörer unmittelbar verstehe, unabhängig von kultureller Prägung und Bildung. Für Horowitz sollte die Musik auch schön sein.

          Aus Trümmern etwas Neues bauen

          Ihre eigene Musik konstruiert Rubio zunächst nach erlernten Kriterien. „Aber damit ist es wie bei der Lebensplanung: Es kommt immer ganz anders“, sagt sie und lacht. Sie misst das Entstandene an ihrer Intuition, wirft es über den Haufen, baut aus den Trümmern etwas Neues, das sie abermals an Intuition und Wissen misst – viel Arbeit. Aber das Resultat ist einleuchtender als viele Worte und über alle Grenzen von Kulturen und Sprachen hinweg unmittelbar verständlich.

          Am 17. Oktober wird Rubio bei einem Konzert in der Musikhochschule auch vorstellen, was sie in Frankfurt geschrieben hat. Grundmaterial sind die Rufe von Wasservögeln. Im elektronischen Studio der Hochschule wird sie sie in den nächsten Wochen analysieren, verarbeiten und mit Instrumentalparts verweben, die Studierende unter ihrer Anleitung übernehmen. Die Titel weiterer Werke, „Axolotl“ oder „Yocatl“, verraten Rubios Inspiration durch das vorkoloniale Südamerika.

          Rubios Beobachtungen dazu, wie Vögel miteinander kommunizieren, werden auch das Schulprojekt „Response“ bestimmen. Zusammen mit ihren Helferinnen Ellen Mhumguane und Nicola Vock wird sie gemeinsam mit Zehntklässlern der Offenbacher Mathildenschule ein Stück erarbeiten, das sich mit ihrem entstehenden neuen Werk auseinandersetzt.

          „Die Schüler erleben dabei, was es heißt, künstlerisch zu arbeiten“, sagt Mhumguane: „Meist gibt es dabei eine riesige Krise, und danach finden es alle ganz toll.“ Alle zusammen: Rubio hat ein großes Interesse an alten Kulturen und versteht sich als Dolmetscherin. In aller Welt hätten die alten einheimischen Kulturen das gleiche Ziel: das Mit-allem-eins-Sein, das Spüren der gemeinsamen Wurzel mit dem, was ist. „Wir sind alle Sternenstaub“, sagt sie.

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