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Preisgekrönte Lehre : Was sich von der Sauna für das Physikstudium lernen lässt

In der 100 Grad heißen Sauna lässt es sich eine Weile aushalten, in hundert Grad heißem Wasser nicht. Warum das so ist, lehrt die Physik. Bild: dpa

Die Frankfurter Physikdoktorandin Julia Sammet hat etwas geschafft, das vielen Professoren während ihres gesamten Berufslebens nicht gelingt: Sie hat drei Preise für gute Lehre bekommen.

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          Es kann lehrreich sein, darüber zu reflektieren, warum sich Menschen freiwillig in eine 100 Grad heiße Sauna setzen, aber selten in einen Bottich mit kochendem Wasser. Den Reiz dieses Gedankenspiels macht sich Julia Sammet zunutze, wenn sie ihren Studenten den Begriff Wärmekapazität erklärt: Weil Wasser mehr Wärme aufnehmen und abgeben kann als Luft, hat ein Aufenthalt im flüssigen Medium bei gleich hoher Temperatur weit schneller ungesunde Folgen für den Organismus.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Aha-Effekt, der sich bei solchen Beispielen einstellt, hilft angehenden Naturwissenschaftlern der Goethe-Uni, das physikalische Grundwissen zu vertiefen, das sie für ihre Fächer brauchen. Davon ist Sammet überzeugt, und mit ihren Bemühungen, Physik anschaulich zu vermitteln, hat sie wiederum andere von ihrem didaktischen Talent überzeugt. Obwohl die 29 Jahre alte Frau noch an ihrer Doktorarbeit schreibt, ist sie schon dreimal für ihre Lehrangebote ausgezeichnet worden – viele Professoren erreichen das während ihres gesamten Berufslebens nicht. Im Jahr 2019 bekam Sammet einen eigens für sie geschaffenen Sonderpreis, 2020 folgte der erste Preis des 1822-Universitätspreises für exzellente Lehre an der Uni Frankfurt im Wert von 15.000 Euro. Vor Kurzem schließlich wurde ihr auch noch der Niko-Claus-Preis für gute Lehre zuerkannt, den die Walter Greiner Gesellschaft zur Förderung der physikalischen Grundlagenforschung gestiftet hat. Er ist mit 10.000 Euro dotiert.

          Exzellente Lehre: Physikerin Julia Sammet
          Exzellente Lehre: Physikerin Julia Sammet : Bild: privat

          Physik war für Sammet immer schon mehr als nur Lehrbuchwissen, das man sich notgedrungen für Schule oder Studium aneignet. „Als Kind habe ich alles auseinandergenommen, zum Beispiel Spielzeugautos“, erzählt sie. Abgesehen vom Spaß am Basteln wollte sie auch verstehen, wie die Dinge funktionieren. An der Schule wurde ihre Neugier gefördert: „Ich hatte in der Oberstufe einen sehr guten Physiklehrer.“ Später, im Studium an der Goethe-Uni, kam zum Spaß am Fach die Freude am Vermitteln. Über Facebook lud sie Kommilitonen ein, mit ihr zusammen zu üben. Daraus entstand 2013 das Physik-Lernzentrum, in dem die Studenten unter Anleitung den Vorlesungsstoff wiederholen und Hausaufgaben lösen können.

          Lücken schließen

          Seit ihrem Masterabschluss ist Sammet nicht nur offizielle Leiterin des Lernzen­trums, sie hält auch den Physik-Vorkurs, den je Semester etwa 280 Anfänger der naturwissenschaftlichen Fächer besuchen. Solche Propädeutika können auf minder gut Vorgebildete eine verstörende Wirkung haben, wird ihnen dort doch mitunter gnadenlos vorgeführt, was sie alles nicht können. Auch Sammet stellt fest, dass das Vorwissen der angehenden Biologen, Chemiker oder Geowissenschaftler oft sehr zu wünschen übrig lässt. Allerdings gelingt es ihr anscheinend, die Lücken in vielen Fällen zu schließen – das bescheinigen ihr die Teilnehmer wie auch die Lehrpreis-Jurys.

          Erheblichen Anteil am Unterrichts­erfolg dürfte Sammets fröhliches, aufgeschlossenes Wesen haben. Dem Klischee des Nerds entspricht sie nicht im Geringsten, obwohl sie sich jenem Fachgebiet verschrieben hat, dessen Liebhabern gerne eine gewisse Weltentrücktheit nachgesagt wird: der theoretischen Physik. Seit drei Jahren befasst sie sich für ihre Dissertation rechnerisch mit dem Quark-Gluon-Plasma, einem Materiezustand bei extremen Temperaturen, wie sie kurz nach dem Urknall geherrscht haben dürften.

          Wie es für sie nach der Promotion weitergeht, weiß sie noch nicht; statt einer akademischen Laufbahn käme auch eine Karriere in der Wirtschaft infrage. Man kann sich Sammet gut als Start-up-Unternehmerin vorstellen, zumal sie Spaß am Programmieren hat: Gerade versucht sie sich an einer Lernanalytik-App, die dem Nutzer nicht nur anzeigen kann, dass er eine Physikaufgabe falsch gelöst hat, sondern ihm auch erklärt, wo der Fehler lag. Sollte sie derlei Entwicklungen in ihrem Bekanntenkreis testen wollen, wäre für fachlich kompetente Urteile ebenso gesorgt wie für lebenspraktische Würdigungen nach Art des eingangs erwähnten Warmwasserproblems: Zwei von Sammets besten Freundinnen sind Physikerinnen, eine ist Friseurmeisterin.

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