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Was sagen Muslime zum Salafismus? : „Dem Islam nach darf sich niemand zum Richter machen“

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Diese Meinung teilen die anderen Gesprächspartner keineswegs. Auch wenn sie erst durch das Interview von dem Vorfall im Jugendzentrum gehört haben, steht für sie fest: „Dem Islam nach darf sich niemand zum Richter über einen anderen machen. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er leben, was er anziehen und was er essen und trinken will.“ Wer meint, Muslim zu sein, aber andere bevormunde, der könne kein Muslim sein. Und dass das Jugendzentrum infolge der Bedrohung geschlossen wurde, sei keine gute Lösung. So lässt sich der Tenor der Meinungen zusammenfassen.

Verärgert von Islamdebatte Deutschlands

Das Bild, das nach den Gesprächen mit Frankfurter Muslimen auf der Zeil entsteht, ist sicherlich nicht repräsentativ; umgekehrt spiegelt die wahrgenommene „Unkenntnis“ durchaus die Realität in Teilen der muslimischen Bürger wider. Es gibt unter ihnen etliche, die sich nicht interessieren für das, was in ihrer Stadt passiert. Und es gibt in der Tat nicht wenige Muslime, die nicht einmal wissen, was es mit dem Salafismus auf sich hat.

Eine Erklärung für die Unkenntnis haben zwei junge Frauen, die auf einer Bank sitzen und Pommes frites essen. „Die meisten Muslime hier wissen über ihre Religion nur vom Hörensagen. Kaum einer hat doch den Koran gelesen und sich mit dem Islam so richtig beschäftigt. Viele leben in ihrer eigenen Welt, mit einem Islamverständnis, das mehr Aberglaube als Religion ist.“ Sie gehören nicht zu dieser Gruppe. Sie sind als Töchter türkischer Eltern hier geboren, studieren Islamwissenschaften an der Goethe-Uni und ärgern sich über die Islamdebatten hierzulande. „Der Salafismus ist eine politische Ideologie, verantwortlich für ihre Auswüchse hier sind die deutsche Gesellschaft und die Politik.“

„Islam ist eine friedliche Religion“

In Ruhe den Glauben praktizieren und in Ruhe gelassen werden: Das scheint der Wunsch manch einer Moscheegemeinde zu sein. „Wir haben keine Salafisten unter uns. Das ist nicht unsere Angelegenheit, dass ist die Sache der Politik und Regierung“, meint ein Moscheevereinsvorsitzender. Auf die Frage, ob denn der Salafismus als Gewalt befürwortende Ideologie nicht als Gefahr angesehen werde und Eltern nicht die Sorge hätten, dass ihre Kinder geködert werden könnten, gibt es eine klare Antwort: „Bei uns lernen Kinder und Jugendliche, dass der Islam eine friedliche Religion ist, und daher sind unsere Kinder für Verführungen nicht anfällig.“

Das sieht Abdassamad El Yazidi vom Deutsch-Islamischen Vereinsverband Rhein-Main ganz anders. Mit dem Phänomen des Salafismus und der Gewaltbereitschaft von Muslimen im Namen der Religion müssten sich auch die Moscheegemeinden auseinandersetzen. Die Gewaltneigung einiger radikaler Salafisten kennzeichne zwar in keiner Weise die muslimischen Jugendlichen hierzulande, es sei jedoch „ein Mittel für perspektivlose Teenager, ihren berechtigten Anspruch nach gesellschaftlicher Anerkennung zu befriedigen“. Diese Jugendlichen suchten nach festen Autoritäten in einer Gesellschaft, in der sie sich nicht akzeptiert und ausgestoßen erlebten.

Jugendliche suchen sich Ersatzautorität

„Wir verfolgen mit großer Sorge, wenn Jugendliche zu radikalen Tendenzen neigen“, sagt Selçuk Dogruer, Landesbeauftragter für interkulturelle und interreligiöse Zusammenarbeit des Muslimverbandes Ditib. Das islamische Motiv sei aber meistens sekundär. „Ähnlich wie bei Rechtsextremisten sind es oft Jugendliche, die nach Identität und Halt suchen.“

„Wenn Politik, Schule, Elternhaus und eben auch Sozialarbeiter sich nicht in der Lage zeigen, den Jugendlichen als Ansprechpartner bereitzustehen und für ihre realen Probleme in dieser Gesellschaft Lösungen anzubieten, suchen diese sich Ersatzautoritäten, die einige von ihnen im radikalen Salafismus finden“, so formuliert der Deutsch-Islamische Vereinsverband Rhein-Main seine Positionen und übermittelte sie auch den in ihm organisierten Moscheegemeinden, um Diskussionen anzuregen. „Wir müssen uns mit den Jugendlichen ernsthaft auseinandersetzen und nach politischen und pädagogischen Konzepten Ausschau halten“, so El Yazidi. Mit den „bescheidenen finanziellen und personellen Ressourcen“ könnten Moscheegemeinden ihren Part aber nicht leisten.

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