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Schrottreife Fahrzeuge : Jäger der vergessenen Autos

  • -Aktualisiert am

Mal gucken: Johann Beier begutachtet den Motorraum eines Golfs. Von seinem Urteil hängt unter anderem ab, ob der Halter eine Ordnungswidrigkeit oder eine Straftat begangen hat. Bild: Lukas Kreibig

Überall in der Stadt stehen ungenutzte Wagen herum. Wer sein Schrottauto auf diese Weise entsorgen will, begeht eine Straftat. Und bekommt es mit zwei besonderen Mitarbeitern der Stadt zu tun.

          3 Min.

          Der Arbeitstag von Johann Beier beginnt ernüchternd. Der Golf im Gallus: weg. Der Citroën in Griesheim: verschwunden. Auch vom BMW gibt es keine Spur mehr. Beier, 63 Jahre alt und Hobby-Geflügelzüchter, streicht sich über seine Stirn, blickt auf sein Klemmbrett und startet den Wagen. Der nächste Fall soll ein Erfolg werden.

          Beier ist „Betriebsangestellter der Verkehrsüberwachung des Straßenverkehrsamtes“. Einfacher gesagt, ist er der Indiana Jones der Stadtverwaltung. Er ist immer auf der Jagd nach den vergessenen Autos. Sein Revier ist der Westen der Stadt, sein Kollege fährt die Straßen im Osten ab. Gut 3500 Meldungen bekommen die beiden jedes Jahr. Polizisten oder Mitarbeiter des Ordnungsamts melden ihnen die achtlos abgestellten Vehikel. Zuweilen rufen auch Bürger an, wenn vor ihrem Haus ein Auto steht und nicht mehr wegbewegt wird. Ein fleißiger Melder ist auch Beiers Chef. Der kann nicht mehr ohne den professionellen Blick durch die Stadt gehen. Fällt ihm ein verdächtiges Auto auf, macht er mit seinem Mobiltelefon ein Foto und schickt es seinen Kollegen.

          Ab wann gilt ein Fahrzeug als Schrott?

          Beier hat es nicht nur mit Vierrädern zu tun. Nach den ersten Fehlschlägen ist die Meldung über einen Motorroller auf seinem Klemmbrett nach vorne gerückt. Der steht tatsächlich noch auf dem Bürgersteig einer Siedlung im Gallus. Viele Halter vergessen, zum 1.März eine neue Versicherungsplakette zu kaufen. Steht das Gefährt ohne diesen Schutz in der Öffentlichkeit herum, ist es illegal.

          „Treffer“, murmelt Beier und steigt aus. Das Yamaha-Maschinchen hat keine gültige Plakette. Jetzt kommt die Bürokratie erst richtig in Fahrt. Beier zückt den Schraubenzieher aus seiner Weste. Die Fahrgestellnummer ist hinter einem Plastikdeckel versteckt. Vor allem muss Beier den Wert des Rollers schätzen. Ist er mehr als 300 Euro wert, begeht der Halter eine Ordnungswidrigkeit. Liegt der Wert unter dieser Marke, gilt das Gefährt als Müll, dessen illegale Entsorgung eine Straftat ist. Diesmal ist Beier großzügig. Weil der Roller keine großen Schäden hat, gibt er ihm 400 Euro. Dass der Besitzer mit seinen Jaguar- und Nordschleifen-Aufklebern etwas dick aufträgt, spielt in der Rechnung keine Rolle. Seinen Prüfbericht stellt Beier später im Büro fertig. Das Ordnungsamt wird den Halter ermitteln und anschreiben. „Wir können den Leuten ja nicht so einfach ihre Fahrzeuge wegnehmen“, sagt Beier.

          360 Strafanzeigen und Ordnungsverfahren hat es in Frankfurt 2015 wegen illegal abgestellter Fahrzeuge gegeben. Oft, aber bei weitem nicht immer, geht es um Schrottkarren, die Halter zurücklassen. Die Gründe bleiben oft unklar, Beier hat schon zu viel gesehen, um sich über jeden Fall Gedanken zu machen. Sein Geschäft hat er von der Pike auf gelernt. In den achtziger Jahren hatte er Kfz-Mechaniker gelernt und in einer VW-Werkstatt gearbeitet. Kurz darauf wechselte er ins Straßenverkehrsamt und begab sich auf die Suche nach den zurückgelassenen Autos.

          Manch teures Auto lässt sich leicht aufbrechen

          Die Fertigkeiten aus der Lehre kommen ihm noch immer zugute, wie der Fall des alten Golfs an der Mainzer Landstraße zeigt. Auf einem Grünstreifen steht die Karre herum. Das Händlerkennzeichen ist längst abgelaufen. Beier schafft sich einen kleinen Spalt an der Fahrertür und zwängt ein Luftkissen hinein. Als er es aufpumpt, öffnet sich die Lücke weit genug, um einen Metallstab mit einem Haken am Ende hindurchzudrücken. Damit entriegelt er die Tür. Kaum eine Minute dauert die Aktion. Gelernt ist gelernt.

          Klarer Fall: Dieser Schrott-Polo im Gallus ist eine Gefahr und muss bald weg.

          Beier muss und darf die Autos öffnen, um die Fahrgestellnummer herauszufinden. In den 30 Jahren hat sich viel getan. Manche neuen Modelle machen Beier die Arbeit schwer. Sie lassen sich selbst von einem Profi wie ihm nicht mehr so leicht öffnen. Manchmal rufen die Alarmanlagen aufmerksame Bürger auf den Plan, wenn er sich an den Autos zu schaffen macht.

          Doch auch die Fahrer teurer Autos sollten sich keine Illusionen über die Einbruchsicherheit machen. Er habe kaum einmal so leichtes Spiel gehabt wie im Fall des Ferrari, der ewig lange in einem Parkhaus gestanden hatte. Ruckzuck sei die Tür aufgesprungen. Beier lächelt.

          Beier kennt die Straßen Frankfurts

          Der städtische Mitarbeiter fährt in einem kleinen Elektroauto durch die Stadt. Beim Rückwärtsfahren könnte er eine Kamera nutzen, doch er blickt lieber über seine Schulter. Auf die Idee, das eingebaute Navigationsgerät zu nutzen, käme er nie. Lieber greift er zu seinem Faltplan, um sich zu vergewissern, wo er als Nächstes hinmuss. Aber die allermeisten Straßen findet er ohnehin ohne Hilfe. Beim Anfahren klappert zwischen Fahrersitz und Rückbank eine Metallleiter. Für alle Fälle. Einmal musste er Amtshilfe leisten und die Tür einer Zugmaschine öffnen. Ohne Erhöhung wäre er da kaum herangekommen.

          Für den grünen Polo im Gallus braucht er derlei Hilfe nicht. Ohne Werkzeug und Fachwissen ist der Fall klar: Die Scheiben sind eingeschlagen, die Reifen platt. Der Fahrersitz hängt aus der zerborstenen Frontscheibe. Die Karre muss weg. Beier wird seine Kollegen daran erinnern, dass bald ein Abschlepper anrücken soll.

          Für den blauen Peugeot an der Frankenallee ist die Zeit hingegen noch nicht reif. „Der steht schon ewig da“, ruft zwar ein Mann aus dem Bürofenster, als Beier sich zum Nummernschild hinunterbeugt. Der Innenraum ist zugemüllt, auf den Sitzen stehen Kartons, Kleidung liegt herum. „Daheim ausgezogen, schätze ich mal“, sagt Beier. Doch ein Fall für seine Abteilung ist das Auto mit Gießener Kennzeichen nicht – noch nicht. Die TÜV-Plakette ist bis 2017 gültig. Öl tritt noch nicht aus, die Scheiben sind noch ganz. Kein Parkverbot, keine Gefahr, kein Grund zu handeln. Aber auf Beiers Klemmbrett hängen noch genug Meldungen. Seine Jagd geht weiter.

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