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Flüchtlingsunterkünfte : Der Letzte macht das Licht aus

  • -Aktualisiert am

Nur noch aufräumen: Christopher Radtke, stellvertretender Leiter der Unterkunft in Neu-Isenburg, Quereinsteiger in die Sozialarbeit, bald ohne Job. Bild: Wolfgang Eilmes

Weil weniger Flüchtlinge nach Hessen kommen, schließen nach und nach die Notunterkünfte. Für die Bewohner ist das gut, für andere eher nicht.

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          Führungserfahrung: vorhanden. Talent zu improvisieren: über Monate täglich bewiesen. Im Umgang mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen sehr versiert. Das alles kann Christopher Radtke in seine Bewerbung schreiben. Ob er nach dem 31. Juli noch einen Job hat, kann er trotzdem nicht sagen. Im Moment sieht es so aus, als stünde der 31 Jahre alte Neu-Isenburger dann erst einmal auf der Straße.

          Seine jetzige Aufgabe wird es dann nicht mehr geben, so viel ist klar. Radtke ist stellvertretender Leiter einer Flüchtlingsunterkunft in Neu-Isenburg. Die Flüchtlinge sind schon weg, Radtke und seine Kollegen sind mit den letzten Aufräumarbeiten beschäftigt. Mit jedem Tag wird die ehemalige Druckerei-Halle leerer, in der vor kurzem noch bis zu 700 Frauen, Männer und Kinder wohnten. „Erschreckend“ findet Radtke den Anblick, wenn er ihn mit dem Zustand von vor wenigen Monaten vergleicht. Nicht, dass er es toll fand, dass die Flüchtlinge auf engstem Raum zusammenleben mussten, ohne Privatsphäre, ohne Rückzugsmöglichkeiten, ohne eigene Räume. „Aber wir haben das Beste draus gemacht.“

          Jeden Tag seien Ehrenamtler an Ort und Stelle gewesen, manche haben geholfen, andere haben Spenden vorbeigebracht, die den Bewohnern zugutekamen. Die hatten selbst einiges organisiert. Es gab einen Friseur, Hausmeister und ein Empfangskomitee, um Neuankömmlingen alles zu erklären. „Wie ein kleines Dorf“, meint Radtke. Das alles ging so weit, dass ein Politiker ihm in einem vertraulichen Gespräch vorwarf, er betreibe eine Wellness-Notunterkunft.

          Vom Fünf-Sterne-Hotel in die Notunterkunft

          Damit ist es vorbei. Anfang Juni stiegen die Bewohner in Busse. Mit einem Fest verabschiedete Neu-Isenburg seine Flüchtlinge. Seit die Balkan-Route dicht ist und viel weniger Flüchtlinge nach Hessen kommen, hat auch die Landesregierung wieder Zeit zum Luftholen. Ein erstes Ergebnis ist ein Konzept für die Erstaufnahmezentren von Flüchtlingen. Fünf Standorte sollen komplett wegfallen. Einige weitere will die Regierung in Reserve halten und nur eine gute Handvoll dauerhaft betreiben. Viele der Asylsuchenden aus der Neu-Isenburger Druckerei-Halle sind auf das Neckermann-Gelände nach Frankfurt gezogen. Im Mai hatte die Landesregierung diesen Plan verkündet und damit das Ende für Radtke und seine Mitarbeiter besiegelt.

          Noch bis Monatsende ist Radtke beim ASB angestellt, dem Arbeiter-Samariter-Bund, der die Unterkunft in Neu-Isenburg betrieben hat. Einen richtigen Plan für die Zeit danach hat er noch nicht, aber er würde gerne weiter für Flüchtlinge arbeiten. Das muss nicht unbedingt hier sein, denn Auslandserfahrung steht auch schon in seinem Lebenslauf - wenn auch in einem anderen Arbeitsfeld. Radtke ist Hotelfachmann, für die Kempinski-Gruppe hat er in China gearbeitet und zuletzt in Königstein. Die Ahnung, dass das nicht auf Dauer etwas für ihn sein würde, kam ihm schon vor der Flüchtlingskrise. Als die Asylsuchenden in Zügen nach Deutschland kamen, sagte er sich schließlich, dass er etwas tun müsse.

          Verträge der Mitarbeiter unklar formuliert

          Leute wie Radtke haben es jetzt besonders schwer, einen neuen Job in der sozialen Arbeit zu finden. Weil er keinen Abschluss etwa als Sozialpädagoge hat, ist er schwer zu vermitteln. Für Fortbildungen, die eine Anerkennung durch die Hintertür ermöglichen könnten, hat ihm während des Jobs in der Unterkunft die Zeit gefehlt. Zwar bietet ihm sein Arbeitgeber nun Hilfe bei der Stellensuche. Bisher hat sich aber nichts ergeben.

          Landauf, landab haben Quereinsteiger, aber auch erfahrene Sozialarbeiter Verträge unterschrieben wie Radtke. Allein in seinem Team haben 35 Personen gearbeitet. Dazu kommen Sicherheitsleute, Reinigungskräfte und einige mehr. In Radtkes Vertrag stand kein Datum, dass die Zeit begrenzt war, schien dennoch klar. „Bis Projektende“ hieß es in dem Papier.

          Der Vertrag von Pearl Hahn war in dieser Hinsicht deutlicher formuliert. Die Studentin aus Frankfurt wusste, dass er nach sechs Monaten enden würde. In einem Hotel im Frankfurter Bahnhofsviertel hat sie mit ihren Kollegen Jugendliche begleitet, die ohne Eltern nach Deutschland geflüchtet waren. Rund um die Uhr musste jemand bei ihnen bleiben, Hahn hatte eine 50-Prozent-Stelle, weil sie weiter Soziologie studiert und in der Linkspartei kommunalpolitisch aktiv ist. Aus dem Nichts mussten sie und ihre Kollegen in kurzer Zeit ein Konzept entwickeln, obwohl die meisten keine Erfahrung mit Flüchtlingen und schon gar nicht mit jungen, oft traumatisierten Flüchtlingen hatten.

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