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Gewinner und Verlierer : Tiere in der Stadt, Menschen im Wald

Ungewohnte Ruhe gut für Greifvögel

Haben sich die Tiere in den grünen Lungen des 248 Quadratkilometer umfassenden Frankfurter Stadtgebiets zurückgezogen, weil ihnen zu viele zweibeinige Corona-Flüchtlinge in die Quere kommen? Allein der Stadtwald beherbergt rund 100 Vogel- und 376 Schmetterlingsarten, 1300 Käfer- und zehn Fledermausspezies. Tina Baumann differenziert: „Im März kamen zunächst weniger Menschen in den Wald, dann gab es plötzlich einen Riesenandrang. Das brachte Unruhe, zumal die Einstände des Wildes stark begrenzt sind.“ Im Mai beginne die Setzzeit der Ricken. Wildschweine machten derzeit keinen Ärger, auch nicht im sensiblen Einzugsbereich von Goldstein.

Im geschlossenen Stadtwaldhaus trage die ungewohnte Ruhe vielleicht sogar zur Genesung der verletzten Greifvögel bei. Das Muffel- und Damwild sei ja an Besucher gewöhnt, vermutet Baumann. Das kann Rainer Berg, Leiter des Stadtwaldhauses, bestätigen: „Die Greifvögel ziehen sich weniger zurück.“ Vor allem aber: „Die Füchse haben das Gelände erobert. Sie markieren uns jeden Weg.“

Verlierer: Tauben finden weniger Futter, wenn die Stadt verwaist ist.
Verlierer: Tauben finden weniger Futter, wenn die Stadt verwaist ist. : Bild: dpa

Die Stadtfüchse freuen sich zwar über mehr Müll im Stadtforst und in den Grünanlagen, aber noch flanieren sie nicht durch die Hochhausschluchten wie über die Straßen von Berlin, wo sie sich sogar unter den Stufen eines Polizeireviers einquartiert hatten.

Doch die Amseln lassen sich wieder in den Vorgärten blicken, nachdem sie diverse Wellen des afrikanischen Usutu-Virus überlebt haben. Dafür sterben die Blaumeisen jetzt in Massen an einer Lungenkrankheit, die schon seit 1996 aus England bekannt ist, aber noch nie so viele Vögel dahingerafft hat. Auch Heckenbraunellen, diese unscheinbaren Singvögel, denen der englische Autor Nigel Hinton das hinreißende Buch „Im Herzen des Tals“ gewidmet hat, sollen betroffen sein. Und die früher allgegenwärtigen Grünfinken machen sich ebenfalls rar, seit eine Trichomonaden-Infektion unter ihnen wütet. An Corona leiden sie alle nicht.

Tauben leiden unter der Krise

Nur die rund 4500 Stadttauben leiden indirekt unter dem Virus. „Denen geht es nicht gut“, sagt Gudrun Stürmer vom Stadttauben-Projekt Frankfurt. Sie meint nicht die großen Ringeltauben oder die zarten Türkentauben, beides Wildtauben, sondern die verwilderten Haustauben, Abkömmlinge der Felsentauben, aus Züchter-, also Menschenhand. Ihnen fehlten jetzt die nicht artgerechten Abfälle unserer Wohlstandsgesellschaft: Krümel im Straßencafé, die auch Spatzen zu schätzen wissen, Fastfood am Straßenrand oder Reste, die Krähen zuvor aus den öffentlichen Abfalleimern gezerrt haben. Stadttauben könnten auch nicht einfach auf die Kalbacher Felder ausweichen, weil es dort noch nichts zu holen gebe. „Außerdem sind Tauben standorttreu“, so Stürmer.

Davon können jene ein schauriges Lied singen, auf deren Balkon schon einmal Tauben gebrütet haben. Auch Lotzkat kann das, zumindest aus der Perspektive eines Nachbarn. Auf die „Ratten der Lüfte“ ist er nicht gut zu sprechen. Dabei gibt es einen elementaren Unterschied: Die seit Pestzeiten gefürchteten Nager können mehr als 70 Krankheiten auf Menschen übertragen, Tauben dagegen nicht mehr als andere Vögel auch. Kotmassen und Parasiten in Nestern machen die einst heiligen Begleitvögel der großen Liebesgöttinnen dennoch zu Lieblingsfeinden braver Stadtbürger. Spikes auf Fenstersimsen sollen sie fernhalten. Stürmer versteht nicht, „warum diese Tiere so stigmatisiert werden“. Aber für eine Aufhebung des Fütterungsverbots plädiert auch sie nicht: „Das würde zu Auswüchsen führen.“

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