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Was Anwälte und Richter tragen : Unter den Talaren

  • -Aktualisiert am

Warten auf die Beteiligten: im Landgericht Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

Anwälte in Jeans, Schöffen im Freizeit-Look und Richter, die ihre Roben nicht mögen: Was wird im Gerichtssaal getragen? Besonders heikel ist die Frage aber für Angeklagte.

          Vor Gericht erscheinen müssen. eine Ausnahmesituation. Wer sich ihr stellen muss, ist gut beraten, seinen Auftritt vorzubereiten. Was also anziehen? Anwälte hören diese Frage oft. Einer erinnert sich, einer Mandantin einmal einen Tipp gegeben zu haben, den er für todsicher hielt: „Kleiden Sie sich einfach wie sonntags in der Kirche.“ Sie erschien in einem kurzen engen Kleidchen mit buntem Comicdruck auf der Brust. Der Anwalt staunte. Offenbar hatten beide schon seit langem keine Messe mehr besucht.

          Der Wiesbadener Strafverteidiger Alfred Dierlamm ist fest davon überzeugt, dass der erste Blick des Richters auf den Mandanten den Urteilsspruch entscheidet. Eine Studie der amerikanischen Soziologen Dean Jaros und Robert I. Mendelsohn aus den sechziger Jahren kam zu demselben Schluss: Ein demonstrativ respektvolles Benehmen entscheide über Meinung und Urteil des Richters. Gemessen wurde das Verhalten sowohl an der Kleidung der Angeklagten als auch an deren Äußerungen gegenüber dem Richter. Ganz schlecht kamen die falsche oder gänzlich fehlende Anrede des Richters an wie auch Widerspruch und Sarkasmus, Geringschätzung von Gericht, Gesetz und Polizei und fehlende Reue. Doch alles Lamento wog nichts im Vergleich zur Kleidung. Je seriöser die Beschuldigten gekleidet waren, desto seltener wurden sie ins Gefängnis geschickt.

          Eine Gratwanderung für den Anwalt

          Wirklich kluge Rechtsanwälte organisieren vorsichtshalber schon vor dem Prozess eine Generalprobe in der Kanzlei. Nur scheinbar sind die Ratschläge banal: für die Frauen weder zu kurze Röcke noch zu tiefe Ausschnitte, ideal sind Hosenanzug oder Kostüm, wenig Schmuck, noch weniger Parfüm. Für die Männer nicht zu viel Aftershave, keine kurzen Hosen, am besten ein Jackett, weißes Hemd und Krawatte. Tattoos? Schon geht es los. Tätowierungen haben immer noch den Ruch von Knast, Zirkus oder Langeweile auf dem Frachter.

          Für den Anwalt ist es eine Gratwanderung, den Angeklagten zwar vorzubereiten, aber nicht allzu munter zu machen. Dem Hamburger Verteidiger Gerhard Strate gefällt bei seinen Mandanten ein „adrett-bescheidenes Auftreten“, das mache sich immer gut. Aber kann Bescheidenheit nicht schon ein Schuldeingeständnis sein? Hat der möglicherweise Unschuldige nicht das Recht, sich zu wehren?

          Der alte Spruch: Kleider machen Leute

          Die Wiesbadener Richterin Kathleen Mittelsdorf meint, die Kleidung eines Angeklagten falle ihr eigentlich nur dann auf, wenn sie sich einen ganz anderen Typ vorgestellt habe. Aus Äußerlichem aber Schlüsse für ihr Urteil ziehen? „Das wäre ganz schlimm.“ Bewusst oder unbewusst könne der Angeklagte mittels seiner Kleidung „seine eigene Person herausstreichen“, schreibt Marlis Dürkop in „Der Angeklagte“ und zitiert den Theatersoziologen Uri Rapp, der mit Gregory P. Stone einig ist: Kleidung rufe im Betrachter eine Identifikation mit dem Träger hervor. Nur dumm, dass der Angeklagte seinerseits davon kaum profitieren kann. Der Mann oder die Frau dort unter der Robe - was sind das für Leute? Er tappt im Dunkeln.

          Hat mit der Berufskleidung kein Problem: Verteidiger Alfred Dierlamm in Zivil...

          Der Angeklagte kann im Grunde anziehen, was er möchte. Sein Anwalt kann es nur in Grenzen, für fast alle Verhandlungen ist die Robe Pflicht, für die Staatsanwälte und Richter ohnehin. Für den Verteidiger unübertroffen würdig bleibt die Robe mit perfekt koordiniertem Darunter: Anzug, weißes Hemd, weiße Krawatte.

          ...und ohne Jackett, dafür mit Robe und anderer Krawatte

          Ob, wer das muss, den Talar gerne trägt? Nach ein paar Besuchen öffentlicher Verhandlungen in Wiesbaden und Frankfurt bleibt der Eindruck hängen, es sei nicht immer so. Einmal tadelte die Staatsanwältin eine Gruppe von Schülern, die beim Eintreffen des Richters sitzen blieben. Der war allerdings noch im Hemd und zog die Robe im Laufen an, woher sollten die jungen Zuschauer also wissen, wer das war? In den Pausen reißen sich ungeduldige Richter und Anwälte schleunigst die Talare vom Leib, hier und dort. Andere Szene: Die zwischen Wiesbadener und Frankfurter Gerichten pendelnde Pflichtverteidigerin nimmt es an diesem Tag locker. Der junge Mann hat seine Bewährungsfrist töricht platzen lassen wegen seines nur einen Tag zu frühen Auszugs aus der Rehaklinik und sich abermals des Diebstahls und der Hehlerei schuldig gemacht. Mandant und Anwältin tragen Jeans, sie kaut Kaugummi. Blaue Strickjacke und Bluse sind unter der Robe nicht ganz verborgen. Sechs Monate Gefängnis.

          Anwalt in Robe und Birkenstocksandalen

          Eine Referendarin der Staatsanwaltschaft trinkt nach erbetener Erlaubnis beherzt einen Schluck Wasser, aus einer Anderthalbliter-Flasche. In Frankfurt tadelt der Anwalt die unruhigen Schüler, sie seien hier nicht im Kindergarten. Dann zieht er sich im Gerichtssaal um, Jackett aus, Robe an. Beim Zuschauen beginnt man über die Vorteile von Umkleidekabinen nachzudenken. Hans Dahs, Lehrer auch von Alfred Dierlamm, weist in seinem „Handbuch des Strafverteidigers“ Robenträger auf Gefahren im Gerichtsflur hin: „Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein kleiner Schritt.“

          Der Schritt ist getan, wenn ein uriger Anwalt in Robe und barfuß in Birkenstocksandalen zur Toilette eilt. In einer anderen Verhandlung im Wiesbadener Landgericht widmet sich der Verteidiger angelegentlich seinen Fingernägeln, während er Fragen stellt: „Haben Sie die Schreie gehört?“ Sein Mandant hat sich mit einem großen gold-schwarzen Ring und einem Kavalierstüchlein an der Brusttasche herausgeputzt. Leider zerstört die junge Dame der Familie das seriöse Bild.

          Unter ihrem zu knappen Kostüm arbeitet sich die am Oberschenkel verstärkte Strumpfhose ans Licht. Zu den labberigen Oberteilen, die zwei der Kunstfälschung angeklagte Galeristen tragen, und zu ihrem demonstrativen Desinteresse inmitten wuselnder Gutachter, Richter, Anwälte und Zeugen meint Richterin Mittelsdorf nur achselzuckend, wenn ein Verfahren sehr lange daure, dann ließen die Manieren halt nach.

          Schöffen in unschlüssiger Freizeitmontur

          Von allen Gerichtszugehörigen tragen nur die Schöffen keine Roben. Rat ist teuer. Der Leitfaden des hessischen Justizministeriums stellt lapidar fest, für sie gebe es keine Kleidervorschriften. Aber man sollte bei der Auswahl der Garderobe „an die Besonderheit der Situation“ denken. Das dürfte sich von allein ergeben. In ihrer Not arrangieren sich die Schöffen mit einer Mischung aus dem üblichen Zuschauer- und Zeugenoutfit. Unschlüssige Freizeitmontur also.

          Vielleicht steht der Gedanke dahinter, dass der Beklagte auf die Idee kommen könne, ein besonders gut gekleideter Schöffe bedeute besonderen Einsatz für ihn. So sehen sich die Berufsrichter rechts und links von Männern meist in Pullovern umzingelt, auch mal im Jackett, selten mit Krawatte, und von

          Frauen in sportlichen Safariwesten oder einem Wollensemble. Dazu tragen die Schöffen meist Pokerface, ihre Mienen lassen sich nur schwer dechiffrieren. Ein undankbares Ehrenamt wohl. „Sprechen Sie auch mit den Schöffen!“, ermuntert Verteidiger Dierlamm seine Mandanten, für die der Prozess schließlich die Sache ihres Lebens sei. Keine Bagatelle. Die Kleidung, die dem Anlass gemäß ist, ist auch keine.

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