https://www.faz.net/-gzg-9rpn8

Regional einkaufen : Lokalstolz lohnt sich

  • -Aktualisiert am

„Made in FFM“: Wenn die Liebe zur Region unter die Haut geht. Bild: Wonge Bergmann

Wer nachhaltiger leben will, sollte sich bei den regionalen Produkten umschauen. Besonders Frankfurt und Umgebung haben da viel zu bieten.

          3 Min.

          Wer bei regionalen Produkten nur an den Einkauf beim Biobauern denkt, wird eines Besseren belehrt. Die Messe „Made in FFM“, die in diesem Jahr zum zweiten Mal veranstaltet wurde, zeigt einen Ausschnitt aus der produktiven Vielfalt dieser Stadt, deren Grenzen großzügig bis Kassel, Aschaffenburg und Bensheim ausgedehnt werden. Man kostet zwar auch Ahle Worscht vom Fleischer aus Nordhessen, Frankfurter Senf mit Grüner Soße und Goetheetikett, und manche sind leicht alkoholisiert von schwarzem Sekt und zahllosen Ginproben, denn Gin scheint das boomende Regionalprodukt schlechthin zu sein. Doch vor allem schöne Dinge wie Schmuck und Kleidung von Designerinnen, Ledertaschen, Fotografie und Kunsthandwerk sowie Naturkosmetik und Holzkugel-Kegel zur Massage gehören zur regionalen Start-up-Wirtschaft, deren Produkten und Machern diese Messe eine Plattform bietet.

          „Für mich müssen die Sachen in erster Linie schön sein, am besten Unikate“, sagt eine junge Frau, die bei „Naschbag“ für knapp 90 Euro einen Kulturbeutel erwirbt, den man auch als modische Clutch, also henkellose Unterarmtasche verwenden kann. Praktisch für unterwegs und stilvoll, findet die Vielreisende. Wenn sie dabei Nachhaltigkeit und Regionalität unterstütze, sei das toll, aber nicht ihr hauptsächlicher Kaufanreiz. Anne-Nathalie Praun, die schon seit 16 Jahren zusammen mit Cristina Malagó in Frankfurt Taschen designt und in der Lederstadt Offenbach produzieren lässt, freut sich, dass sie gleich noch eine weitere Tasche an die Begleiterin der Kundin verkaufen kann. „Die meisten schrecken hier zurück, wenn sie den Preis hören.“ Mehr als 500 Euro kostet eine in Offenbach hergestellte Handtasche, 140 Euro die passende Geldbörse. Die stabilen und sehr schönen Metallreißverschlüsse stammen aus der Schweiz, die Lederstücke sind Restposten großer Designermarken wie Hermès, Gucci oder Tod’s.

          „Upcycling, reuse, simplify“

          Praun spricht von „Upcycling“, man könnte es auch schlichter Resteverwertung nennen. Herrliches Leder, herrliche Farben, tolles Design. Doch wer eine Designerhandtasche für viel Geld kaufe, wolle meist auch ein sichtbares Label haben. „Das ist bei Frauen wie bei Männern, die ihren Autoschlüssel mit der richtigen Marke wie beiläufig auf den Tisch legen.“ Sie lebt deshalb vor allem davon, dass große Hotels für ihre guten Kunden gern ihre Vielzweck-Kulturbeutel ordern. „Upcycling, reuse, simplify“ lautet das Motto von Kristina Günther von „Ever&Again“, also nicht nur aufpeppen, sondern auch wiederverwenden und vereinfachen. Um Lebensmittel im Kühlschrank frisch zu halten, produziert das Unternehmen sogenannte „Food Hoods“, Häubchen aus Stoff mit Gummizug, die innen beschichtet sind. Oder mit modischen Stoffen verkleidete Leinensäckchen für Brot und Brötchen, die man mit zum Bäcker nimmt, dann braucht man dort keine Tüte. „Die Hauben hatte meine Tante schon aus Plastik“, sagt eine Kundin aus Schwalbach begeistert und ersteht gleich einen Dreierpack der Schüsselüberstreifer für 30 Euro.

          Gläser mit Mispelchen an einem Stand für hessische Produkte . Bilderstrecke

          Im Leinensäckchen kommen auch sieben runde und sehr dünne Stoffpads daher, innen mit Molton gefüttert, damit soll man sich abends abschminken und Wegwerf-Wattepads überflüssig machen. Nach einmaligem Gebrauch kommen die Pads in die Waschmaschine statt in den Müll, was natürlich auch nicht ganz ohne Energieaufwand oder schadstofffrei funktioniert. Doch solche Fragen geraten vor lauter Begeisterung, „etwas für die Umwelt“ zu tun, ins Hintertreffen. Dass die Produkte in Eschersheim entwickelt und in regionalen Reha-Werkstätten genäht werden, kommt bei den Kundinnen ebenfalls sehr gut an. Dieses Jahr sei das Interesse und die Zahl der Besucher deutlich größer als bei der ersten Auflage der Messe im Vorjahr, sagt eine Mitarbeiterin von „Ever&Again“. Mit dem Umzug von der Klassikstadt ins Casino des Campus Westend ist „Made in FFM“ von 60 auf 100 Aussteller gewachsen. Von rund 4500 Besuchern an den beiden Messetagen sprechen die Veranstalter, die das gleiche Messeformat auch in anderen deutschen Städten anbieten. Jungunternehmer Denis Frydrych ist seit sechs Monaten mit zwei Produkten für die Mundpflege auf dem Markt. Kokosöl mit Minzaroma zum Ölziehen am Morgen, ein großer Trend, der Bakterien in der Mundhöhle bekämpfen und allerlei Zahnprobleme lösen helfen soll. Dazu ein Mundwasser in Pulverform für unterwegs, das man notfalls auch einfach runterschlucken könne, bietet er unter der Marke „Qikfresh“ an. Naturkosmetik sei der am schnellsten wachsende Markt, doziert der promovierte Fachmann für Entrepreneurship.

          Eine Kundin allerdings möchte nicht einmal eine seiner großzügig dargebotenen Proben mitnehmen – die Verpackung der Einzelportionen enthält Aluminium.

          Regionale Vielfalt

           Manche regionalen Produkte wie der Eintracht-Adler gehen unter die Haut von Lokalpatrioten, andere, wie die „Beschwipsten Mispelchen“ – in Alkohol eingelegte kleine Äpfel – eher durch den Magen. Aus Äpfeln wird auch der lokal beliebte Ebbelwoi gemacht, der wiederum im Bembel serviert wird, dessen Aussehen man bei Bembeltown Design gerne neu interpretiert, bei „Katja Knits“ hingegen gab es ganz klassische Mützen und Ohrenwärmer (von links oben im Uhrzeigersinn).

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Weltweiter Aufruhr: Illustration für die F.A.S. von Kat Menschik

          Die Aufstände und der Westen : Was geht uns das an?

          Libanon, Hongkong, Bolivien, Kolumbien, Chile, Irak, Iran: Überall begehren Menschen auf. Wir haben Autoren, die mittendrin sind oder waren, gefragt: Worum geht es euch? Und was hat das mit uns im Westen zu tun?
          Der Umgang mit Algorithmen und Künstlicher Intelligenz steht zur Debatte: Welcher Regelungen bedarf es?

          Regulierungsbedarf? : Die Bändigung der Algorithmen

          Computer fällen zunehmend Entscheidungen, die tief in das Leben eingreifen und willkürlich anmuten. Dafür gibt es erstaunliche Beispiele aus dem Lebensalltag. Zeit für eine breite Debatte.

          Ärger beim FC Bayern : „Ich könnte durchdrehen“

          Joshua Kimmich kocht nach dem 1:2 der Bayern in Gladbach vor Wut, Thomas Müller faucht, Hasan Salihamidzic ist ratlos. Und Trainer Hansi Flick wirkt angeschlagen. Die Münchner haben ein großes Problem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.