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Schautanz zur Fastnacht : Mehr als lächelnd herumzuhüpfen

  • -Aktualisiert am

Ein freundliches Gesicht, auch wenn es wehtut: Die Fastnachtstänzerinnen der Florstädter „Niddageister“ bei einem Auftritt Bild: Marcus Kaufhold

Schautanz zur Fastnacht sieht oft spielend leicht aus. Tatsächlich müssen sich die Aktiven monatelang auf ihre Auftritte vorbereiten. An Trainingswochenenden üben sie oft sechs Stunden am Stück.

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          Während oben im Saal die ersten Biergläser geleert werden, breitet sich im Keller Anspannung aus. Nur noch ein paar Minuten, bis Steffi Kisser und Nicole Albus mit ihrer Tanzgruppe auf die Bühne gerufen werden. Dann soll sich zeigen, ob sich das Training der vergangenen zwölf Monate ausgezahlt hat, jede Woche eineinhalb Stunden, dazu mehrere Samstage und Sonntage, um das Einstudierte zu vertiefen.

          Schon nach knapp sieben Minuten ist alles vorbei. Kisser und Albus haben mit ihrer Gruppe „No Limits“ tänzerische und athletische Höchstleistungen vollbracht, die Beine geworfen, Hebefiguren präsentiert und den Saal zum Jubeln gebracht; als Gipfelstürmer verkleidet, in bunten Trikots, mit Lederhosen und Hütchen. Jetzt sind die beiden außer Puste, aber glücklich. „Wenn man merkt, dass im Saal gute Stimmung ist, passiert das Tanzen ganz von alleine“, sagt Kisser.

          Sport und Leidenschaft

          Die beiden 36 und 37 Jahre alten Frauen tanzen seit ihrer Kindheit beim Fastnachtsverein „Niddageister“ in Florstadt in der Wetterau. Was als Freizeitbeschäftigung in der Jugend anfing, wurde über die Jahre zum ernsthaften Sport und zur Leidenschaft. Mittlerweile sind beide im Verein aktiv, tanzen in mehreren Gruppen und trainieren Jugendliche. Von 13 Tanzgruppen im Verein sind fünf für Kinder und Jugendliche; viele im Ort fangen früh an. „Wenn eine neue Gruppe aufgemacht wird, ist die direkt voll. Wir haben lange Wartelisten“, sagt Kerstin Fleischer, Mitglied des „Niddageister“-Vorstandes.

          Auch Albus wurde als Kind von ihren Eltern im Verein angemeldet. „Mit fünf Jahren bin ich dann als kleine Micky Maus über die Bühne gehüpft“, erinnert sie sich. Mit 15 Jahren hat sie ihre erste Tanzgruppe als Trainerin übernommen. Auch Kisser kam über ihre Familie zum Tanzsport, wenn auch erst ein wenig später. „Meine Cousine hat mich mitgenommen, als ich 14 Jahre alt war. Ab da wollte ich nicht mehr aufhören.“

          Wöchentliches Training

          In Florstadt versucht man, die Jugend früh einzubinden und zu sozialem Engagement zu motivieren. Die Mitglieder der „Niddageister“ stehen beim Kostümball gemeinsam mit den Handballern des Ortes hinter der Theke oder laufen bei Fastnachtsumzügen in anderen Städten mit. Dabei stehe das Gemeinsame immer im Vordergrund, sagt Fleischer. Mittanzen darf erst einmal jeder. Wer dafür nicht geeignet ist, lässt es früher oder später ohnehin sein oder schließt sich einer Gruppe an, die das Ganze nicht allzu ernst nimmt.

          Tanzduo: Steffi Kisser (links) und Nicole Albus in einer Trainingspause

          Wer sich fürs Mitmachen entscheidet, dem steht wöchentliches Training bevor. Hinzu kommen Trainingswochenenden, an denen oft sechs Stunden am Stück geübt wird. In den Jugendgruppen sind meist nur die Schulferien trainingsfrei, die Erwachsenen machen höchstens von Aschermittwoch bis Ostern Pause. „Natürlich gibt es auch Vereine, die sich im Oktober zum ersten Mal treffen“, weiß Fleischer. „Aber wir haben einen hohen Anspruch an unsere Tänze.“ Mit den Schautänzen sollen, im Gegensatz zu Gardetänzen, Geschichten erzählt werden. So finden sich an Fastnacht Pinocchios, Pfauen oder auch Footballspieler auf der Bühne wieder. Hebefiguren werden jede Woche geübt, und auch ein Spagatsprung sollte nicht erst kurz vor dem Auftritt zum ersten Mal versucht werden.

          270.000 aktive Mitglieder

          Seit den fünfziger Jahren nehme der Tanz in Fastnachtsvereinen einen immer höheren Stellenwert ein, sagt Dietmar Jerger, Präsident der Interessengemeinschaft Mittelrheinischer Karneval (IGMK). Zum Gebiet der Vereinigung gehören mehr als 560 Fastnachtsvereine in Hessen und Rheinland-Pfalz, mit 270.000 aktiven Mitgliedern. „In Hessen haben wir so gut wie keinen Verein ohne Tänzer“, so Jerger. Im rund 8700 Einwohner zählenden Florstadt sind die Tanzgruppen zentraler Bestandteil des Vereinslebens. Von den knapp 530 Mitgliedern der „Niddageister“ sind mehr als 200 aktive Tänzer und Tänzerinnen. Und vor allem die repräsentieren den Verein das ganze Jahr über bei Wettkämpfen und Auftritten.

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