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Hessens frührer SPD-Chef : Schäfer-Gümbel als Verlierer und Retter zugleich

  • -Aktualisiert am

Abschied von Schäfer-Gümbel: Wie hat der Politiker die SPD geprägt? Bild: dpa

Als Hessens SPD-Chef ist Thorsten Schäfer-Gümbel gleich bei drei Wahlen gescheitert. Dennoch hat er seine Partei gestärkt und geprägt. Ein Rückblick.

          3 Min.

          Der Abschied, so scheint es, fällt ihm nicht schwer. Gefragt, was er an der Politik vermissen werde, stellte Thorsten Schäfer-Gümbel gestern klar, was ihm auf keinen Fall fehlen werde: die ständige Beobachtung durch die Öffentlichkeit, eine manchmal hämische Berichterstattung und die bei Terminen allzu oft gereichten „Schnittchen“. In seiner letzten Pressekonferenz als SPD-Landesvorsitzender und Fraktionschef im Landtag präsentierte sich Schäfer-Gümbel als ein Mann, der mit sich und seiner Entscheidung, der Politik den Rücken zu kehren, im Reinen ist. TSG, wie er nach seinen Initialen genannt wird, ist ein Gescheiterter, weil es ihm nicht gelungen ist, die SPD in Hessen zurück an die Regierung zu führen. Und doch kann der Mann aus dem mittelhessischen Lich erhobenen Hauptes gehen, weil er seine Partei nach der größten Krise ihrer Nachkriegsgeschichte wieder selbstbewusst und glaubwürdig gemacht hat. Verlierer und Retter zugleich.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dreimal, in den Jahren 2009, 2013 und 2018, hat Schäfer-Gümbel seine Partei als Spitzenkandidat in die hessische Landtagswahl geführt, dreimal hat er sein großes Ziel, Ministerpräsident zu werden, nicht erreicht. Beim ersten Anlauf, mitten in der Ypsilanti-Krise, hatte Schäfer-Gümbel, der als weithin Unbekannter von einem Tag auf den anderen zu höchsten Parteiehren gekommen war, keine Chance. Das 23,7-Prozent-Ergebnis kann man ihm nicht anlasten, weil es die Strafe der Wähler für gebrochene Versprechen seiner Amtsvorgängerin Andrea Ypsilanti war. Dass die Sozialdemokraten mit 30,7 Prozent schon knapp fünf Jahre später wieder regierungsfähig waren, darf er hingegen guten Gewissens als sein Verdienst bezeichnen.

          Der erste Versuch: Bei den hessischen Neuwahlen 2009 trat Schäfer-Gümbel als SPD-Spitzenkandidat auf. Bilderstrecke

          Vieles spricht dafür, dass es im September 2013 nur deshalb nicht für eine von Schäfer-Gümbel geführte rot-grüne Mehrheit reichte, weil die Landtagswahl von der am selben Tag stattfindenden Bundestagswahl überlagert war, bei der die CDU noch von einem Merkel-Bonus profitieren konnte. Künstlerpech. Und doch hätte damals die große Stunde des Sozialdemokraten schlagen können, wenn er es vermocht hätte, seine Partei als Juniorpartner in eine große Koalition mit den Christdemokraten zu bringen. Das hätte das Meisterstück von TSG werden können, stattdessen wird Hessen seitdem von einem CDU/Grünen-Bündnis regiert, und die SPD wird bei der nächsten Landtagswahl fast ein Vierteljahrhundert ohne Regierungserfahrung sein.

          Demütigendes Ergebnis

          Bei seiner letzten Bewerbung für das Amt des Ministerpräsidenten musste TSG sogar noch eine Demütigung hinnehmen. Die 19,8 Prozent, mit denen die SPD noch knapp hinter den Grünen lag, waren das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Landespartei. Wieder war es die Bundespolitik, die den Hessen nach unten zog; diesmal nicht der Merkel-Effekt, sondern die vom Wahlvolk als desaströs empfundenen Grabenkämpfe der Sozialdemokraten in Berlin. Wäre es sein erster Versuch gewesen, hätte Schäfer-Gümbel Trost darin finden können, dass die 19,8 Prozent immerhin deutlich besser waren als die damaligen Umfragewerte der Bundes-SPD. Doch fünf weitere Jahre als Chefkritiker eines CDU-Ministerpräsidenten wollte er sich nicht antun, das hatte er schon Monate zuvor entschieden.

          Schäfer-Gümbel hatte nie die Chance zu beweisen, was an Gestaltungsfähigkeit in ihm steckt. Der scheidende Oppositionsführer steht für Leidenschaft, Empathie und Aufrichtigkeit in der Politik, aber im entscheidenden Moment mangelte es ihm an Entschlusskraft und Führungsstärke. In zehn Jahren an der Spitze von Partei und Fraktion hat er es zudem nicht vermocht, für die Hessen-SPD ein zündendes Thema zu finden oder ihr gar ein Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen. Der im jüngsten Landtagswahlkampf propagierte große „Hessenplan 2030“ war gar mehr Rohrkrepierer als Knalleffekt und wird mit Schäfer-Gümbels Abgang nun wohl sang- und klanglos beerdigt werden.

          Zum 1. Oktober, seinem 50. Geburtstag, wechselt der in Oberstorf im Allgäu geborene und in Gießen aufgewachsene Sozialdemokrat als Arbeitsdirektor zur Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Seine letzte Rede als Landtagsabgeordneter hielt er gestern zur Schulpolitik. Passend für einen Mann, dem das Thema Bildungsgerechtigkeit ganz besonders am Herzen liegt. Im Abgang beweist Schäfer-Gümbel im Übrigen noch einmal Stärke. Nancy Faeser, innenpolitische Sprecherin der SPD im Landtag und Generalsekretärin der Landespartei, soll ihm an der Spitze von Partei und Fraktion folgen. Schäfer-Gümbel will es so, und so wird es kommen.

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